Zwei Gründe für die Krise unserer Demokratie

von Hamed Abdel-Samad23.08.2016Europa, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Aber auch in Europa beobachte ich den (Wieder)Aufstieg der Idee des Erlösers. Auch da entwickelt sich die Demokratie langsam zu einem Fußballspiel, das eher ein Ausdruck von Identitätsunsicherheit ist.

Was ich am interessantesten am Putsch in der Türkei fand, waren die Reaktionen in der arabischen Welt.

Viele Araber verfolgten die Ereignisse wie ein spannendes Fußballspiel zwischen Atatürk und Erdogan. Dieses Spiel war ein Stellvertreterkampf zwischen den unterschiedlichen Kontrahenten in der Region: Die Anhänger al-Sissis gegen die Muslimbrüder; Assad gegen seine Gegner; Liberale gegen Konservative, Saudi Arabien gegen alle. Witzig ist: Alle hielten sich für aufrichtige Demokraten, obwohl die meisten von ihnen sich äußerten wie britische Hooligans nach einem verlorenen Spiel.

Zwei Gründe für die Krise unserer Demokratie

Allein das zeigt die Krise der Demokratie in unserer Region. Das hat zwei Gründe, die historisch mit der arabisch-islamischen Identität verbunden sind: die Idee des gerechten Kalifs, die mit dem Islam geboren war; und die Idee der Loyalität zum Stammesführer, die vor dem Islam da war und nach dem Islam immer noch das politische Geschehen mitbestimmt.

Deshalb wechselt das Herrschaftssystem in den meisten arabischen Staaten ständig zwischen dem islamischen Faschismus und dem beduinischen Stalinismus. Da beide militant sind, verzichte ich darauf, den Militarismus als eine dritte Kategorie zu nennen. Beide sind nur die Kehrseite der Medaille des anderen Systems. Beide stärken sich gegenseitig durch diese unendliche Polarisierung den Rücken. Beide setzen auf den Erlöser von Gottes Gnaden oder von Gnaden des Panzers. Beide sind nur oberflächlich Feinde, denn sie sind sich einig, dass das Individuum nichts wert und das die Vielfalt eine Gefahr für den Zusammenhalt des Staates ist!

Demokratie ist kein Fußballspiel

Demokratie ist aber kein Fußballspiel, wo das Volk nur zuschaut, sondern, eine Werkstatt, wo alle arbeiten sollen. Dort wird gehämmert, gebrannt und geschweißt. Es ist oft heiß und es stinkt zum Himmel. Man braucht Ausdauer, gutes Timing und vor allem das richtige Material. Man muss zum richtigen Zeitpunkt zuschlagen, damit das Endprodukt nicht entstellt wird.

Aber auch in Europa beobachte ich den (Wieder)Aufstieg der Idee des Erlösers. Auch da entwickelt sich die Demokratie langsam zu einem Fußballspiel, das eher ein Ausdruck von Identitätsunsicherheit ist. Dort weiß man oft wogegen man ist aber selten wofür man steht. Brexit, Minarett-Verbot-Initiative, Stuttgart 21, AFD und Pegida sind da nur Beispiele. Aber auch die etablierten Parteien werden zunehmend gelähmter und fantasieloser.

Es geht nicht darum, etwas Neues in der Wirkstatt zu schaffen, sondern darum, das alte Material zu behalten und zu verwalten. Doch die Werkstatt ist immer noch da, die Maschinen, das Wissen und viele fleißige Arbeiter auch. Man braucht aber Aufmerksamkeit und Geschick, damit die Ideologen durch ihr Spiel die Arbeit nicht stören oder gar die Werkstatt zum Stürz zu bringen!

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