Politik im Dunkeln

Guy Westwell25.02.2013Gesellschaft & Kultur

Das Kino gehört zu den einflussreichsten Propagandamitteln der Politik. Aus den Kinosälen tragen wir anscheinend freiwillig die Botschaften der Mächtigen heraus. Darüber lässt man die Zuschauer aber meistens im Dunkeln.

Realitätsferne Unterhaltung und Geldmacherei; so in etwa lässt sich die öffentliche Meinung zum Kino zusammenfassen. Ein harmloses Produkt des Vergnügens, weiter nichts. „Wenn du deine Nachricht an den Mann bringen willst, benutz doch die Post“, hätte ein Hollywood-Boss vor Jahren einem aufstrebenden politischen Drehbuchautor geraten. Doch die abgedunkelte Leinwandwelt des Kinos und die reale Außenwelt der politischen Debatte gehen seit jeher einher.

Wie „Geschichte mit Blitz und Donner“ urteilte 1915 US-Präsident Woodrow Wilson über D. W. Griffiths Bürgerkrieg-Epos „Geburt einer Nation“, das den Niedergang der Südstaaten zeigt und beklagt. Wilson war überwältigt von der Kraft der Bilder und der Art und Weise, wie sich die trockene historische Realität plötzlich als mitreißendes Drama abspielte. Wie der Film die Leidenschaft des Zuschauers entfacht; ihn schockieren oder inspirieren kann. Während der Film die weiße Oberschicht Amerikas in ihrer Auffassung der eigenen Überlegenheit bestätigte, liefen gerade in einer Zeit des sozialen Wandels viele Afroamerikaner gegen den Film und seine Nostalgie für die Sklaverei Sturm. Die Nationale Organisation für die Förderung farbiger Menschen (NAACP) organisierte Massenproteste vor amerikanischen Kinos und lieferte mit „Birth of a Race“ sogar prompt eine filmische Antwort. Die Debatte um Griffiths Film zeigt: Kino war seit Anbeginn seiner Zeit eine Plattform für politische Debatten und Kämpfe.

Die Kamera als Kriegswerkzeug

1917 kam Griffith auf Wunsch des englischen Führungsstabs nach Europa, um an einem Film über den Ersten Weltkrieg zu arbeiten. Das Ergebnis, „Hearts of the World“, zeigte die moralische Rechtschaffenheit und den Mut der Alliierten angesichts der Gräueltaten der Deutschen. In alter Propagandafilm-Manier versuchte der Film, durch die Verteuflung und Verurteilung des Gegners Unterstützung für einen kostspieligen imperialistischen Krieg zu gewinnen.

Das Kino prägte auch weiterhin das politische Geschehen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sogar ganze Militär- und Bürokratiestrukturen zum Zweck der Propaganda und der Zensur geschaffen. Untersuchungen ergaben, dass sich Kinozuschauer sehr leicht durch Kriegspropaganda im Film beeinflussen lassen. Wer würde denn schon an diesem Ort des Vergnügens Manipulation vermuten? Die Frage nach dem Politischen im Film hätte unter politischen Entscheidungsträgern während des Ersten und Zweiten Weltkriegs nur verblüffte Blicke verursacht. Die Kamera gehörte schließlich genauso zur Kriegsführung wie das Maschinengewehr oder das Schanzzeug. Wie könnte man das bloß bezweifeln?

Heute, fast 70 Jahre später, glauben wir, dass sich das alles geändert hat. Sicherlich ist Propaganda heute kein offensichtlicher Prozess mehr, der von oben diktiert wird. Trotzdem, die Kinopropaganda getreu ihrem Wortsinn beeinflusst nach wie vor unsere Sicht- und Denkweise und prägt somit auch die heutige Politik. Nach den Terroranschlägen des 11. Septembers trommelte George W. Bushs stellvertretender Stabschef des Weißen Hauses, Karl Rove, etwa 50 Hollywood-Bosse zusammen und bat sie, die neokonservative Agenda der Regierung zu unterstützen – samt strikteren Sicherheitsmaßnahmen und Interventionen in Afghanistan und Irak. Nach dem Treffen strömte eine Flut an hurrapatriotischen Kriegsfilmen wie „Black Hawk Down“, „Wir waren Helden“ oder „Im Fadenkreuz – Allein gegen alle“ in die amerikanischen Kinos. Kritische Filme wie „Der stille Amerikaner“ oder „Army go home!“ wurden auf diskrete Art und Weise aus der Kinoplanung gestrichen. Das sorgfältig geplante Kinoprogramm entsprach damit genau Roves Vorstellungen. Während die Bush-Regierung also den Krieg in Irak vorbereitete, wurde das amerikanische Kinovolk durch Filme auf die Pro-Krieg-Schiene gezogen; genau wie bei „Hearts of the World“, 85 Jahre zuvor.

Politik mit visuellen Mitteln

Der Gegenschlag ließ aber nicht lange auf sich warten. 2004, inmitten des Wahlkampfes, griff Michael Moore mit seinem Film „Fahrenheit 9/11“ die Politik der Bush-Regierung an und versuchte, genau wie „Birth of a Race“, die vorherrschende politische Meinung der Gesellschaft und des Kinos zu ändern. Auf „Fahrenheit 9/11“, der bis dato umsatzstärkste Dokumentarfilm aller Zeiten, folgte eine Vielzahl an kritischen Filmen, die zum Beispiel die staatliche Anwendung von Folter („Standard Operating Procedure“), den Krieg gegen den Terror („Im Tal von Elah“), CIA-Praktiken („Bourne-Filmreihe“) oder die Geschichte Amerikas („Good Night, and Good Luck“) heftig in die Mangel nahmen. Zusammen förderten diese Filme eine liberale Haltung, die in der Wahl Obamas 2008 gipfelte. In weniger als zehn Jahren hatte das Kino nicht nur die neokonservative Politik der Bush-Regierung zementiert und ihre Agenda unterstützt, es hat auch durch kritische Filme eine Gegenkultur gefördert und etabliert.

Man sollte sich jedoch davor hüten, die Macht des Kinos zu überschätzen. Ein einzelner Film wird unser Handeln nicht beeinflussen, und sei er noch so politisch. Er kann allerdings Ideen verbreiten und somit eine gewisse Denkweise propagieren. Umgeben von unseren Mitbürgern, sitzen wir im abgedunkelten Kinosaal, setzen uns mit den verschiedensten politischen Szenarien auseinander und tragen die Thematik danach in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Ganz gleich ob Rassismus im frühen zwanzigsten Jahrhundert, die Verteuflung ganzer Völker im Ersten und Zweiten Weltkrieg, oder die Akzeptanz der Folter nach dem 11. September – das Kino fördert auf diskrete und geheime Art und Weise den Konsens der Bevölkerung. Das Kino ist jedoch kein statisches Einweg-Instrument. Es kann ebenso die Kritik an diesen Praktiken hervorrufen. Doch egal, ob zum Guten oder Schlechten – das Kino ist die Fortsetzung der Politik mit visuellen Mitteln.

_Übersetzung aus dem Englischen._

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