Spiel mit dem Feuer

Guy Bodenmann12.11.2012Gesellschaft & Kultur

Fast ein Fünftel der Partnerschaften entsteht durch das Netz, Tendenz steigend. Das Internet erhöht aber nicht nur die Wahrscheinlichkeit, den Traumpartner zu finden, sondern schafft auch neue Formen der Untreue.

Das Internet spielt in der modernen Gesellschaft eine zunehmend wichtige Rolle und ist trotz seines an und für sich jungen Alters nicht mehr vom Alltag wegzudenken. Seine Bedeutung hat sich von der ursprünglichen Idee, die Vernetzung von Universitäten und Forschungszentren rund um den Globus zu erleichtern und Synergien zu nutzen, zu einem vor allem auch privat genutzten Medium entwickelt. Immer häufiger spielt das Internet damit auch im Zusammenhang mit Partnerschaft eine wichtige Rolle.

Das Internet revolutioniert die Bildung von Partnerschaften

Neuere Studien zeigen, dass inzwischen zehn bis 18 Prozent der Partnerschaften durch das Internet entstehen und diese Zahl konstant weiter steigt. Bekannte Dating- oder Partnervermittlungsplattformen werden dabei vor allem für das Kennenlernen eines Partners mit fester Beziehungsabsicht aufgesucht. Diese Paare gehen dann auch schneller eine Beziehung ein und haben früher Kinder als Paare, welche sich „traditionell“ kennengelernt haben. Damit wird die herkömmliche Partnerwahl, bei welcher die erste Kontaktaufnahme aufgrund der für einen ansprechenden Attraktivität des potenziellen Partners, dessen nachfolgend allmähliches Kennenlernen durch Gespräche und Begegnungen und schließlich Testung, ob er auch das hält, was er verspricht, durch eine schnellere und häufig die erste Phase überspringende Vorgehensweise abgelöst.

Entscheidend kommt dazu, dass der potenzielle „Markt“ an verfügbaren Partnern durch das Internet immens und international geworden ist. Per Mausklick sind Partner auf der ganzen Welt wählbar, geografische Schranken existieren nicht mehr. Das Internet stellt damit jahrtausendealte Prozesse der Partnerfindung auf den Kopf und revolutioniert die Bildung von Partnerschaften auf bisher nicht bekannte Art und Weise.

Gleichzeitig stellt man fest, dass das Internet auch immer häufiger als Alternative zur aktuellen Partnerschaft für virtuelle Beziehungen, Seitensprünge und neue Beziehungen genutzt wird. Portale für Fremdgehen boomen ebenso wie der Austausch von Intimitäten über das Netz. In den Medien wird Untreue intensiv diskutiert und deren früherer negativer Beigeschmack systematisch mit Titeln wie „Der Seitensprung, die neue olympische Disziplin“ oder „Ist Fremdgehen eine Sünde“ aufgeweicht.

Das bleibt nicht ohne Spuren für die moderne Partnerschaft. Während die Exklusivität der Partnerschaft lange Zeit auf die sexuelle Treue bezogen wurde, wird mit dem Internet diese Definition infrage gestellt. Wie steht es, wenn ein Partner seine Freuden und Leiden oder intimen Wünsche und Fantasien mit einer unbekannten Person im Netz anstatt mit seiner Partnerin teilt, wenn mehr Zeit mit dem Internetpartner verbracht wird als mit dem eigentlichen Partner, mit dem man das Bett teilt? Bei 62 Millionen Internetnutzern in Deutschland und weiteren rund zehn Millionen in Österreich und der Schweiz wird damit nur schon im deutschsprachigen Raum eine unüberschaubare Möglichkeit zu intimen virtuellen Kontakten geboten, welche die Exklusivität der Partnerschaft konkurrieren.

Untreue muss neu definiert werden

Damit tritt neben die sexuelle Affäre die emotionale Affäre. Vielleicht ist man dem Partner zwar sexuell treu, chattet nur mit dem oder den anderen Internetpartnern in vertraulicher Weise ohne sexuelle Absichten oder real stattfindende Kontakte, doch werden damit trotzdem Grenzen überschritten, welche mit der klassischen Definition einer festen Paarbeziehung kollidieren. Zudem kann dies auch ein gefährliches Spiel mit dem Feuer sein. Rund 30 Prozent der online begonnenen Affären werden im realen Leben weitergeführt. Die emotionale Intimität führt damit häufig zum Verlieben oder zumindest zum Begehren dieser Person, die einem so nah gekommen ist, mit der man seine Geheimnisse teilt, die einen so gut kennt und mit der man sich innig verbunden fühlt. Untreue muss damit heute neu definiert werden, nicht mehr nur als sexuelle Untreue, sondern ebenso als emotionale Untreue, Geheimhaltung von virtuellen Beziehungen vor dem Partner oder Verstoß gegen Treu und Glauben, dass man die zentrale, wichtigste oder einzige geliebte Person im Leben des anderen sei. Mit anderen Menschen im Internet flirten, über sexuelle Inhalte reden, sich auf Webcams sehen oder Onlinesex sind dabei nur weitere Ausprägungsformen dieser virtuellen Untreue.

Was bedeutet dies alles für die moderne Partnerschaft und die Liebe? Bereits in den 1950er-Jahren wurde die Bedeutung von Alternativen als Sprengkraft von intimen Beziehungen thematisiert. Trotz Zufriedenheit mit der Partnerschaft können Alternativen oder fehlende Barrieren (z.B. keine Kinder, ökonomische Unabhängigkeit der Frau, gute Wirtschaftslage, liberale Einstellungen der Gesellschaft) auch zufriedene Beziehungen gefährden. Heute werden rund 26 Prozent der Beziehungen geschieden, welche an und für sich zufriedenstellend sind. Als Grund wird häufig der fehlende Kick genannt, dass sich die Beziehung zu einer Freundschaft entwickelt habe, man sich zwar schätze und möge, aber die Leidenschaft verloren gegangen sei. Die Leidenschaft – die sich heute leicht im Internet finden lässt.

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