Spiegel, du bist Parteipresse geworden

von Gunter Weißgerber18.01.2019Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Hallo Spiegel, du warst einmal eine Instanz und standest dort, wo guter Journalismus zu stehen hat: bei der Aufklärung, beim Öffnen des Universums menschlichen Wissens. Spiegel, du bist Parteipresse geworden, willst uns belehren und fragst dabei schon lange nicht mehr nach den Fakten. Ein Beitrag von Gunter Weißgerber.

Der Haltungsjournalist Claas Relotius ist schuld. Eigentlich wollte ich den ersten Band von Ulrich Schödlbauers Gesammelten Essays mit dem Titel Entfesselte Schrift rezensieren, erschienen 2018 im Manutius Verlag Heidelberg. Eingetaucht bin ich in Schödlbauers Universum aus intellektuell fordernden Literatur-, Kultur- und Medienbetrachtungen. Schödlbauer macht es dem Leser nicht leicht – einfach mal so eintauchen, lesen, filtern, auftauchen, Weisheiten verkünden. Schödlbauer macht Arbeit. Eine Anstrengung, die sich lohnt.

Da ist einer, der sich seit Jahrzehnten der Ignoranz, Überheblichkeit, Selbstherrlichkeit, Diskursunfähigkeit, kurz einer omnipräsenten Impotenz des sich selbst beglückenden Kultur- und Medienbetriebs annimmt. Goebbels’ und Hagers Kunst-, Kultur-, Literatur- und Medienschaffende, die sich à la Heinrich Manns Dieterich Heßling mittels Treten nach unten und Buckeln nach oben Meriten und Existenz sichern und mit Hilfe vor allem der vierten Gewalt einen sich selbstversorgenden und -beglückenden Mikrokosmos um die Macht herum schufen, bestimmen einen großen Teil von Schödlbauers Lebensthemen.

Wären es nur drei Bücher zum Thema Feigheit, Gschaftlhuberei, Katzbuckeln, Volkserziehung im Kulturbetrieb, könnte das Bild eines ›Triptychons‹ zur Beschreibung seines Werkes herangezogen werden. Es sind aber nicht bloß drei tiefer schürfende Bücher. Schödlbauer füllt einen Spiegelsaal voller Sittenbilder einer augenscheinlich nicht gegen das Verkommen ankämpfenden Spezies besserer Selbstbeweihräucherer (siehe Bibliographie ab Seite 319). Die besonders Guten bekommen keinen Nagel in die Wand, wissen aber immer, was die blöde Plebs zu denken und zu tun hat. Der Fall Relotius wird sicher weder den Spiegel noch andere große Medien, geschweige denn die Volks-Umerzieher von ARD und ZDF auf lautere Wege bringen. Relotius lieferte genau das, was die Meute publizieren will.

Bereits Lassalle wusste um die Zusammenhänge:

Denn der Korrespondent muß schreiben, wie der Redakteur und Eigentümer will; der Redakteur und Eigentümer aber; was die Abonnenten wollen und die Regierung erlaubt. … Alle große politische Aktion besteht in dem Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist. (Zitate Ferdinand Lassalle).
Ich würde sagen: »Malt euch die Welt, wie sie sein soll! Macht es die Narren da draußen glauben und hofft darauf, nicht ertappt zu werden! Regierungen kommen und gehen, die Spezies ›Kulturschaffende‹ bleibt, denn sie wird immer gebraucht«.

Hannes Hegen erfand dazu in den 60er DDR-Jahren den Chor der Schmeichler am Hofe des Kaisers Andronikos II., dessen Aufgabe es war, Lobeshymnen auf den Herrscher vorzutragen. Dazu standen die Schmeichler dekorativ in der Nähe des Kaisers und sangen vom Blatt die flauschigsten Elogen (siehe MosaPedia) – etwa so wie auf Merkels Pressekonferenzen.
Aber ich schweife ab. Wer braucht schon die Fabelgestalten Ritter Runkel, die Digedags und Andronikos mit seinen Schmeichlern, wenn er/sie realiter den Spiegel, Claas Relotius und Schödlbauers Entfesselte Schrift zum Zusammenbinden auf dem Tisch liegen hat?

Im Vorwort des Autors schreibt Schödlbauer:

›Annäherungen an die Zensur‹: so könnte, aus einer bestimmten Perspektive betrachtet, das durch die unterschiedlichen Gegenstände kaum verhüllte Thema dieser Aufsätze lauten. Gemeint wäre damit jener in allen sprachlichen Äußerungen wirksame Mechanismus der Unterdrückung, der sich vielleicht an den absichtslos hingestreuten am überzeugendsten beobachten lässt. Wer spricht, zensiert und wird zensiert. Dabei bleibt es gleichgültig, ob er mit sich oder mit anderen redet und wie bewusst oder unbewusst das geschieht. Da die Schwelle zwischen beiden Zuständen in der Rede selbst liegt, ›entscheidet‹ letztere darüber, ob, wann, wie oft und mit welchem Ziel sie passiert wird. (S.7)

Mensch! Relotius, kennen Sie das?

Der Zensor wacht darüber, was an Sagbarem ungesagt bleibt. Als innere Instanz ähnelt er ebenso sehr dem daimonion des platonischen Sokrates wie dem in jeder Gesellschaft virulenten Sinn für das ›Schickliche‹. Bevor eine Rede als anstößig gilt, muss sie irgendwann die Kontrollen passiert und wirklich Anstoß erregt haben. In diesem Sinn ist die Ermittlung dessen, was sich in der Sprache gehört, als empirischer Vorgang zu begreifen. Die Hauptarbeit ist stets schon geleistet, sobald jemand ›den Mund aufmacht‹ oder zu einem der bereitstehenden Schreibgeräte greift. Vieles, was gesagt werden könnte, ›hat sich erübrigt‹, anderes ›steht nicht auf der Agenda‹, wieder anderes stört oder trägt einen Index: Cave! Zensur ist ein akkumulatorischer Prozess.(S.7.)

Mensch! Spiegel, das weißt du doch?

Hallo Spiegel, du warst einmal eine Instanz und standest dort, wo guter Journalismus zu stehen hat: bei der Aufklärung, beim Öffnen des Universums menschlichen Wissens. Spiegel, du bist Parteipresse geworden, willst uns belehren und fragst dabei schon lange nicht mehr nach den Fakten. Auf Tatsachenschaffung einer besseren Politik wegen bist du aus und wirst nur noch von Spiegel-Gläubigen gelesen. Amen.

Als Literat, als literarischer Schriftsteller gilt, wer im Gerede das Verbot aufspürt und mit ihm einen Tanz beginnt, einen Tanz der Wörter, der Vorstellungen, der ›kühn‹ genannten Assoziationen, der gefährlichen Gedanken, der gewagten Wendungen, als liege in ihnen das Geheimnis der Welt ›zum Greifen nahe‹ und warte nur darauf, ergriffen und als sichere Beute in den Bestand allgemein verfügbarer Sprache überführt zu werden: als Geschriebenes, als ›Schrift‹ eines Autors, eines ›Urhebers‹ – nicht im Sinne eines Erfinders, sondern dessen, der den Bann brach, der auf ihnen lastet: des Entfesselers. (S.8)

Das Inhaltsverzeichnis von Schödlbauers Entfesselte[r] Schrift macht neugierig. Auf das Vorwort des Autors folgen die Kapitel Holocaustum – Rätsel der Azteken – Die Kunst der Entfesselung – Das Geschriebene ist tabu – Über das Ungeschriebene – Adam im Räderwerk – Herders Paramythien – Die Zähmung des Zeichens – Offene Erzählungen – Europäische Literatur – Hyazinths Traum – Die Modernitätsfalle – Poetik von Traum und Tod – Le petit N. – Male esiste – Occuli santi – Dichtung als Exzess – Sys oder Die Plage – Das Ungesagte/Ungedachte und eine Bibliografie.
Woraus entsteht Literatur? So lautet die philologische Gretchenfrage und die professionelle Antwort, variantenreich, aber im Kern stets identisch, hüllt sich in den Nachweis, dass Literatur keineswegs aus einem ungeschriebenen Etwas hervorgeht, wie ein naiver Kunstverstand mit beträchtlichem Beharrungsvermögen unterstellt, sondern aus Texten: sie gilt es zu entdecken oder, falls alle Mühe vergeblich sein sollte, zu rekonstruieren oder, falls der unmittelbare Aufwand jeden erdenklichen Ertrag zu übersteigen beginnt, in Diskursen zu lokalisieren, die ruhig weit wie das Meer sein dürfen – ein Tropfen mehr oder weniger Poesie, wer mag da rechten. … Sprechen wir, angesichts soviel argloser Offenheit, über den verborgenen Mechanismus der Kunst. Sprechen wir über Zensur. (S. 58; 61).

Auf Seite 62 ff. taucht der Autor in den Ozean der Zensur oder besser der Selbstzensur ein. Die Lektüre lohnt. Auf Seite 131 schreibt Schödlbauer: »Die Fähigkeit, in einem geschlossenen Universum ›eine offene Tür von einer geschlossenen‹ unterscheiden zu können …, ist schwer vorstellbar.«

Im Kapitel Europäische Literatur seziert Schödlbauer die Utopie, den Wunsch nach einer Umarmung, ›Europäische Literatur‹ genannt. Wunsch und Wirklichkeit muss trennen, wer seriös mit dem Terminus umgehen will. Nebeneinander, Zusammen, Fraternisierungen, Auseinanderfallen, außereuropäische Anleihen, Wechselbeziehungen, all das lässt er anklingen, ohne diese konkreten Termini zu nutzen. Sein Kosmos lässt solche Schlüsse ziehen.

Ganz von selbst stellt sich also dort, wo von einer europäischen Literatur die Rede ist, die Frage nach ihrer Geschichte ein, genauer, nach den zwei Geschichten, deren eine an den Leiden und den Verstrickungen einer dem imperialen Erbe des 19. Jahrhunderts entsprungenen jüngeren und jüngsten Vergangenheit – oder, je nach Standort des Interpreten, an der Vorgeschichte des von diesem Kontinent ausgegangenen und ausgehenden globalen Missgeschicks –, deren andere an der Geschichte der Hoffnungen und Versprechungen partizipiert, die, allgemein gesprochen, mit jener ebenso glanzvollen wie gegenwartsfernen Epoche der Aufklärung zusammenfällt, in der der Prozess der Moderne noch greifbar in der Unschuld des Werdens steht oder zu stehen scheint. … Der Rest ist Arbeit ….; dass die … Leidensbereitschaft … einer … Literatenkaste auf der einen und der akademische Gleichmut einer esoterischen Kritik der historischen Zeugnisse auf der anderen Seite wechselseitig attestieren, worum es hier und heute in literarischen Dingen geht. (S. 151).

Ulrich Schödlbauer dürfte vom Brexit nicht überrascht worden sein. Auf Seite 155 schlägt er vor,

… in künftigen Darstellungen auf den projektiven, ohnehin weitgehend entleerten Begriff von Europa zu verzichten und an seine Stelle einen strikt historischen zu setzen, der die ›Querelle‹ der Nationalliteraturen als Ort – als einen Ort – der Differenzierung und Komplexierung der kollektiven Imagination begreift.

Im Kapitel Dichtung als Exzess kommt uns Schödlbauer mit 1968. Nicht mit dem 1968 der mutig in der Demokratie steinewerfenden Spezialdemokraten, nein! Das andere, das tatsächlich mutige, unvermummte, von den sozialistischen Bruderarmeen niedergewalzte menschliche Hoffnungspflänzchen Prager Frühling ist sein Thema. 1968 als mentale Implosion vor der realen Implosion und mittendrin die Sicht Ulrich Schödlbauers auf Thomas Körners Das Land aller Übel, ein literarisches Großprojekt, zugänglich im Internet unter der Adresse https://daslandalleruebel.iablis.de. Ulrich Schödlbauer gereicht es zur Ehre, Thomas Körner und sein Werk hervorragend zu platzieren. Was nicht in einen selbstherrlichen Mainstream passt, muss vor Vergessenheit bewahrt werden. Der Mainstream als ›Sieger‹? Das hatten wir schon.

Reden wir deshalb im Fall des Haltungsjournalisten Claas Relotius nicht so hart von ›Lügenpresse‹. ›Märchen-‹, Fabel- und Literaturpresse passen auch nicht schlecht. Was zu diskutieren bleibt. Es ist noch mit vielen Relotiussen zu rechnen. Dem gepflegten und unverwüstlichem Haltungsjournalismus sei Dank und Anerkennung gewiss.

_Ulrich Schödlbauer: Entfesselte Schrift, Essays Band 1, Heidelberg (Manutius Verlag) 2018, 327 Seiten._

Quelle: Weissgerber – Freiheit

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