Leute haben zu meiner Meinung eine Meinung. Matthias Matussek

Zockerfreuden

Multiplayer in den 90ern, das hieß durchgezockte Nächte im Keller bei Freunden. Bier und Kabelsalat inklusive. Der heutige Online-Spieler bekommt davon nichts mehr mit. Schade, aber verschmerzbar.

Ein bisschen wehmütig erinnerte ich mich an meine Zeit in der Oberstufe, bevor das Internet seinen Siegeszug antrat und Handys zur Grundausstattung von Erstklässlern wurden. Damals kam man bei Multiplayergames noch mit Menschen in Kontakt, denn mangels technischer Möglichkeiten musste man dazu seinen Computer direkt mit anderen Rechnern verbinden. Dass es mal so einfach und unkompliziert zugehen könnte wie am Ende der aktuellen Dekade, hätten wir uns Mitte der 90er-Jahre nicht träumen lassen.

Die Faszination des Drumherums

Das gesellschaftliche Drumherum war uns genauso wichtig wie das Zocken selbst. Wenn man bei “Doom” seinen besten Kumpel mal wieder abserviert hatte, konnte man ihm feixend ins enttäuschte Gesicht sehen. Oder wir ließen bei Strategiespielen wie “Warcraft 2” unsere verbündeten Truppen gemeinsam über die Landkarte marschieren, um den vom Computer gesteuerten finsteren Orks gemeinsam die Stirn zu bieten. Was wären solche gemeinschaftlich errungenen Siege ohne das spontane Abklatschen mit anschließendem Triumph-Bierchen gewesen? Das war doch viel besser damals, dachte ich mir, denn meine Freunde und ich konnten zur Entspannung zwischendurch auch mal Karten spielen, kickern oder uns in einem realen Tischtennismatch messen.

Doch beim Betrachten alter Bilder verfliegt die Nostalgie auch schnell wieder. Da waren sie deutlich zu sehen, die voluminösen “Tower”-Gehäuse und die unförmigen Röhrenmonitore, deren Gewicht uns beim schweißtreibenden Transport häufig an den Rand eines Leistenbruchs brachte. Und hatten wir unsere Apparate dann endlich aufgebaut, fing der Spaß erst richtig an, denn für uns Jugendliche ohne tiefere Informatikkenntnisse war der Aufbau eines lokalen Netzwerks von intuitivem Herumraten geprägt. Wir klippten Nullmodemkabel an die seriellen Schnittstellen unserer Computer, später waren es dann LAN-Kabel, doch von der Stabilität und Übertragungsgeschwindigkeit her war das nicht mit heutigen Standards zu vergleichen.

Eigentlich ist es doch nicht so schlecht, dass die 90er vorbei sind, denke ich jetzt, da mir die ganzen lästigen Details dieser damaligen Multiplayersessions wieder eingefallen sind. Heute ist das alles ganz unkompliziert, denn dank WLAN kann ich mich mit meinem Notebook in jeden Winkel meiner Wohnung setzen und online zocken. Die meisten Spiele-Hersteller haben Server bereitgestellt und pflegen diese auch, sodass man sich auf das Spielen konzentrieren kann.

Spaß im Netz, Freunde im Wohnzimmer

Die Spielkultur hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Auf der einen Seite sind es die Casualgamer, denen man auch virtuell nie wiederbegegnet, auf der anderen Seite gibt es die Hardcorezocker, die sich in Clans organisiert haben und miteinander in einen fast schon als professionell zu bezeichnenden Wettbewerb treten. Beide Extreme sind so meine Sache nicht, doch möchte ich mein Hobby nicht ganz aufgeben. Ich glaube, demnächst werde ich “Team Fortress 2” doch wieder mal eine Chance geben, oder vielleicht schaue ich mir das kürzlich erschienene “Final Fantasy XIV” an. Klar, es wird wahrscheinlich so sein, dass die Spieler, denen ich dabei begegne, für mich eine anonyme Masse bleiben werden.

Aber das ist gar nicht so schlimm. Wenn ich meine sozialen Kontakte pflegen will, rufe ich einfach einen meiner Freunde an. Dann können wir uns treffen, ohne dass sich zwischen uns die Computermonitore auftürmen. Die nostalgischen Erinnerungen, die ich mit diesen alten Multiplayersessions verbinde, habe ich in die Abstellkammer meines Gedächtnisses verbannt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Michael Stepper, Tobias Schlegl, Matthias Grimm.

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