Das Feuilleton ist tot, es lebe das Feuilleton

Gunter Reus20.10.2012Gesellschaft & Kultur, Medien

Vom Tod des politischen Feuilletons kann keine Rede sein – das beweisen sogar wissenschaftliche Studien.

Liebste Jahreszeit der Kulturkritik war stets der Herbst, ihr liebstes Thema Niedergang und Verfall. Und so sterben und verderben mit schöner Regelmäßigkeit in Essays und Kommentaren: die Esskultur, die Kinokultur, die Sprachkultur, die Rechtschreibkenntnisse der Erstsemester, die Umgangsformen, das Dampfradio. Mausetot natürlich auch (wenn nicht schon längst, dann bestimmt bald): das Buch, das Stadttheater, die Hausmusik, das Denkvermögen der Generation iPad. Es ist das alte Klagelied der Gebildeten, die gern auf dem Gipfel der Kultur posieren und sich die Zukunft darum nur als Abstieg vorstellen können.

Das Debattenfeuilleton als Totengräber des Kulturjournalismus

Interessant immerhin die Varianten, die auch das eigene Ableben beschwören. Das Feuilleton ist tot, rief das Feuilleton schon in den 90er-Jahren, und klagte die Verlage an, alles wegzukürzen und den Kulturteil zum quotenträchtigen Jahrmarkt umzuformen. Die Kritiker kritisierten nicht mehr, polterte Reich-Ranicki. Sie apportierten nur noch Gefälligkeiten, ereiferte sich Gerhard Stadelmaier. Eine „aussterbende Spezies“, rief Sigrid Löffler ihnen nach. Allenthalben sahen die Meinungsführer nur noch Service statt Rezension, beklagten Spektakel und Debatte statt Analyse von Aufführungen oder neuen Büchern. Ja, dieses Lamento war besonders laut – das Debattenfeuilleton als Totengräber des Kulturjournalismus …

Es hat dann doch ein bisschen weitergelebt, das Feuilleton. Aber nun, herrje, ist es schon wieder tot, “liest man z.B. in der „taz“”:http://www.taz.de/!99145/, gestorben diesmal an Bedeutungslosigkeit. Bei solch schwankender Diagnostik empfiehlt sich vielleicht doch der Blick auf ein paar Zahlen, bevor wir den Sarg bestellen.

Was tot ist, bewegt sich nicht mehr. Erster Befund: Es bewegt sich aber, das Feuilleton. Und zwar stramm. In einer Langzeitstudie der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover konnten wir nachweisen, dass die Zahl der Beiträge im Feuilleton zwischen 1983 und 2003 um über 60 Prozent gestiegen ist. In der „FAZ“ hat sie sich sogar verdoppelt. Und das nicht etwa, weil sich ein „Häppchenjournalismus“ durchgesetzt hätte. Die Zahl der langen, analytischen Artikel hat sich im Untersuchungszeitraum verdreifacht (von 12 auf 37 Prozent), während die der kurzen Meldungen von 40 auf 11 Prozent gesunken ist. Kein Zweifel: Die Verlage haben trotz Krise ins Feuilleton investiert – und das hätten sie wohl kaum, hielten sie es für „bedeutungslos“.

Öffnung zum Populären

Die Analyse klassischer Kunstgenres hat nach dieser Studie nichts an Bedeutung eingebüßt. Theater, Literatur, Musik und Bildende Kunst bilden nach wie vor das Themenzentrum und sind mit einem Anteil zwischen 10 und 15 Prozent etwa gleich stark vertreten. Unter den restlichen Themen (Film, Medien, Bildung, Alltagskultur etc.) dominiert TV-Kritik keineswegs, wie oft unterstellt wird. Sie kommt im eigentlichen Feuilleton kaum vor; wenn, dann steht sie auf eigenen Medienseiten. Ebenso unangefochten wie Kunstthemen ist die Rezension. Zumindest auf dem Gebiet der Musik lässt sich zugleich eine Öffnung hin zum Populären nachweisen. Eine Fortschreibung dieser Studie im Jahr 2011 konnte die zentralen Ergebnisse bestätigen.

Es kann besser werden, das Feuilleton, vor allem bei der Berücksichtigung alltagskultureller Prozesse. Aber es ist nicht tot. „Nur noch Buchbesprechungen und TV-Kritik“ – diese Diagnose hält einer empirischen Überprüfung so wenig stand wie die ältere vom Ende der Kritik.

Nun lautet der Vorwurf aber auch, das Ressort ziehe sich zurück aus den gesellschaftlichen Themen seiner Zeit. Befund zwei: Im Untersuchungszeitraum ist die Zahl der Beiträge extrem gestiegen, die sich mit politischen Fragen befassen (internationaler Politik, Innen-, Außen-, Wirtschafts- und Sozialpolitik, politischer Kultur u.ä.). Ließen sich 1983 noch 1 Prozent aller Beiträge dieser Kategorie zuordnen, so waren es zehn Jahre später 8 Prozent und 2003 schon 15 Prozent. Auch eine Studie an der Uni Münster wies nach, dass die absolute wie die relative Zahl politischer Themen und Debattenbeiträge im Feuilleton zwischen 1985 und 2005 stark angestiegen ist. Was diese Artikel zum politischen Diskurs beigetragen haben, ist damit natürlich nicht gesagt. Schon ihre Häufigkeit belegt aber, dass das Ressort sich keinesfalls aus der Zeit zurückzieht.

Jede Menge hochpolitische Diskurse

Wehmütig verlegen viele Feuilleton-Kritiker die Blütezeit des Debatten-Feuilletons in die 70er- und 80er-Jahre, als man sich „in den großen Zeitungen“ noch über wichtige Fragen der Zeit gestritten habe, und verweisen auf den Historikerstreit. Aber fällt uns eigentlich noch ein zweites oder drittes vergleichbares Beispiel aus jenen Jahren ein? Aus der Zeit des vermeintlichen Niedergangs ab den 90er-Jahren hingegen kommen einem jede Menge hochpolitischer Diskurse in den Sinn: die Stasi-Debatte in der Wendezeit, die Goldhagen-Debatte, die Debatten um Walsers Auschwitz-Rede, um seinen Roman „Tod eines Kritikers“, um die SS-Vergangenheit von Grass, zuletzt die um sein Israel-Gedicht etc. Der Historikerstreit war eher der Anfang als das Ende der Politisierung des Feuilletons.

Und wer sagt eigentlich, mit Verlaub, dass das Feuilleton seine Daseinsberechtigung aus Debatten beziehe? Ist es nicht die vornehmste Pflicht von Journalisten, zunächst einmal zu berichten? Ist es nicht die wichtigste Aufgabe von Kulturjournalisten, kulturelles Geschehen zu vermitteln? Und leisten hier nicht viele kleinere Zeitungen in der sogenannten Provinz gesellschaftlich wertvolle Kärrnerarbeit, auf die hochnäsig herabschaut, wer nur die großen Diskurse in den „großen Zeitungen“ gelten lässt?

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