Neue Visionen braucht das Land

von Gunnar Sohn11.03.2015Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Deutschland ist stolz auf seine Ingenieure. Aber schon jetzt schrumpft deren Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Nicht mehr die Hardware sorgt für Reichtum, sondern visionäre Ideen.

Jetzt werden wieder von den liebwertesten Industrie-Gichtlingen die üblichen Gegenargumente zu meinen kritischen Industriethesen gepostet, “die ich beim Webmontag in Frankfurt vorgetragen habe”:http://ne-na.me/2015/03/09/im-land-der-digitalen-brasigkeit-industrie-lobbyismus-statt-programmatik-fur-die-netzokonomie-wmfra/: „Vom gegenseitigen Haareschneiden können wir nicht leben“ (kann man auch abwandeln mit Pizza-Lieferservice oder Maniküre oder, oder, oder). Gleich danach folgen: „Wir sind ein Land des Maschinenbaus und des Ingenieurwesens“ sowie „Deutschland ist doch eine Exportnation“. Noch einmal: Wie viele Arbeitsplätze stellt denn der Maschinenbau in Deutschland? Wie hoch ist der Wertschöpfungsanteil der industriellen Produktion, der das Label „Made in Germany“ wirklich verdient?

Das Verhältnis zwischen in den Exporten enthaltener inländischer Bruttowertschöpfung und importierten Vorleistungen hat sich stark zugunsten des Auslandes verschoben. Die Fertigungstiefe in Deutschland hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgenommen. Bei uns findet die Forschung, Veredelung und Endmontage statt. Kein Service-Experte würde von einer Ökonomie ohne Produktion und Produkte träumen. So ist das „Industrieprodukt“ iPhone sicherlich der Ausgangspunkt für den Erfolg der Dienste. Aber von welcher Wertschöpfung profitiert denn die amerikanische Volkswirtschaft? Die iPhone-Produktion findet in Asien statt und steht am Ende der Forschung und Entwicklung des Cupertino-Konzerns. Apple ist ein Paradebeispiel für die Relevanz von Design, Marketing, Software und intelligenten Anwendungsprogrammen. All das treibt den Wert von Apple und nicht der reine Akt der Industrieproduktion.

Stark bei neuen Technologien sein

„Meine Maschine, mein Produkt, mein geniales Ingenieurwissen, meine Erfindungen und meine Patente“ als Geisteshaltung der stolzen Industrienation reichen nicht aus, um Markterfolge zu erzielen.

“Der Netzökonom Holger Schmidt stellte dem Internetexperten Andrew McAfee zu diesem Themenkomplex eine interessante Frage”:http://netzoekonom.de/2015/03/09/routine-jobs-der-wissensarbeiter-sind-besonders-gefaehrdet/:

„Die USA haben die besten Internetunternehmen, Deutschland hat die beste Industrie. Wer wird das ,industrielle Internet‘ gewinnen?“ Die Antwort des MIT-Forschers: „Wenn man sich die Geschichte der großen technologischen Umwälzungen anschaut, haben sich meist die Unternehmen durchgesetzt, die besonders stark in der neuen Technologie waren – und nicht die Unternehmen, die in der vorherigen Technik führend waren.“

Missionen ohne Pläne

So manchem Firmenlenker in Deutschland sei das klar. Selbstzufriedenheit wäre nach Ansicht von McAfee in der aktuellen Situation ganz gefährlich. Der deutsche Google-Forscher Sebastian Thrun vermisst in seinem Heimatland den Optimismus der Silicon-Valley-Szene. Er glaubt nicht an Pläne und Vorhersagen, wie sich etwas zu entwickeln hat. „Ich glaube an ambitionierte Ziele, an Missionen“, sagt Thrun gegenüber dem „Spiegel“.

Visionärer sollten deutsche Firmen bei der Entwicklung von Eco-Systemen sein mit einer smarten Kombination von Produkten, Anwendungen und Services: „Wachsender Dienstleistungsanteil heißt ja auch, dass mehr Dienstleistung ‚in‘ den Produkten steckt. Das eben auch ‚das Harte‘ nur verkauft werden kann, weil immer mehr ‚Weiches‘ drin ist. Das ist das Prinzip der Co-Adaption“, bemerkt Wirtschaftsprofessor Lutz Becker.

Beide Welten müsse man als Ganzes sehen und geschickt so rekombinieren (Schumpeter), dass wir auf eine neue Ebene (Spiel-Level) der Rationalisierung gelangen.

Rationalisierung ist mehr als Kostensenkung

„Rationalisierung verstehe ich nicht als Kostensenkung, sondern im ureigensten und aufgeklärten Sinne von ‚Ratio‘. Rationalisieren, kann also auch heißen: schneller, besser , schöner, gesünder“, so Becker. Wie man die weiche und harte Welt verbinden kann, zeigt das Projekt Visio.M der TU München, bei dem das Auto als Internet-Hardware konzipiert wird.

Ähnlich wie bei einem Smartphone ist die IT-Architektur in zwei Schichten gegliedert: In der einen Schicht laufen alle fahr- und sicherheitsrelevanten Funktionen, in der anderen befinden sich alle Komfortfunktionen sowie die Kommunikation des Systems mit dem Fahrer und dem Internet.

„Alle Komponenten müssen sich an die Grammatik des Automotive Service Bus halten, mehr ist nicht erforderlich. Wie Apps auf einem Smartphone können Komponenten aktualisiert, hinzugefügt oder gelöscht werden, ohne dass ein Werkstattbesuch nötig wäre,“ sagt Michael Schermann, Leiter des Automotive Service Labors am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der TU München. Ein cooles und innovatives Projekt. Jetzt fehlt noch die entsprechende Apple-Inszenierung, damit in Deutschland mehr über den Nutzen von neuen Technologien diskutiert wird.

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