Was Industrie-Siggi noch lernen muss

von Gunnar Sohn3.03.2015Innenpolitik

Digitalisierung bleibt Fremdwort: Mental sind die deutschen Politiker am Ende des 19. Jahrhunderts zu verorten.

Ein Gegensatz zwischen „realer“ und „virtueller“ Welt existiert nicht – so lautet ein Grundsatz der Digitalpolitik der Bundesregierung, meint zumindest Professor Tobias Kollmann, Vorsitzender des Beirats „Junge Digitale Wirtschaft“ im BMWi. Digitaler Wandel, Digitale Transformation, Digitale Wirtschaft, Digitale Gesellschaft, Digitale Zukunft und viele andere „Digitalthemen“ seien kein Sonderfeld oder gar nur ein vorĂŒbergehendes, tagespolitisches Momentum, sondern die elementare Herausforderung fĂŒr Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fĂŒr diese und die nĂ€chsten Generationen:

„Die zugehörigen VerĂ€nderungen sind dabei leider kein ,technischer Knopf‘, den man so einfach drĂŒcken kann, sondern in erster Linie ein ‚evolutionĂ€rer Kopf‘, der benötigt wird, um digitale GeschĂ€ftsprozesse und digitale GeschĂ€ftsmodelle wirklich zu verstehen und anzugehen. Es geht dabei nicht um ein wenig mehr IT in den Unternehmen unter dem Deckmantel ‚Industrie 4.0‘ und auch nicht um ein Mehr oder Weniger an Bandbreite in der Spitze der digitalen Infrastruktur. Es geht um das digitale Know-how fĂŒr die Entwicklung, den Aufbau und den Betrieb von elektronischen Wertschöpfungen in Online- und Offline-GeschĂ€ftsmodellen.“

So weit, so gut. Schaut man sich die Digitalpolitik der liebwertesten Regierungsgichtlinge Bundesregierung etwas genauer an, dann riecht sie nicht nach Bits und Bytes, sondern nach Diesel und Schmieröl, wie “The-European-Chefredakteur Alexander Görlach(Alexander Görlach)”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach “richtig bemerkt(Zeitgeist)”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/9717-sigmar-gabriel-gegen-die-digitale-wirtschaft: „FĂŒr unseren Wirtschaftsminister zĂ€hlt die Industrie, deutsche Autos und so. Digitale Innovation, neue GeschĂ€ftsmodelle? Nichts fĂŒr unseren Siggi. Er zettelt lieber Krach mit Google an. Fabuliert von der Zerschlagung des Konzerns. Wenn am Anfang des 21. Jahrhunderts der deutsche Wirtschaftsminister die Harfe auf ein Lied der alten Zeit anstimmt, dann ist die Frage mehr als angebracht, ob er wirklich denkt, dass wir in fĂŒnfzig Jahren den Chinesen immer noch Autos verkaufen oder ob Google nicht wirklich das Zukunftsauto auf den Markt bringen wird oder Apple vielleicht.“

Von Landjunkern zu Industrielobbyisten

Mental kann man die Spitzenpolitiker in Berlin eher Ende des 19. Jahrhunderts verorten, als Dampfmaschine und Henry Ford zum Siegeszug der industriellen Massenfertigung beitrugen. Auch damals gab es mentale Probleme, wie die Forschungsarbeiten des Ökonomen Joseph Schumpeter in seiner Bonner Zeit von 1925 bis 1932 belegen. “In meiner Schumpeter-Session auf dem Barcamp Bonn”:http://bundesstadt.com/diskussion/die-schumpeter-session-spurensuche-in-bonn-bcbn15/ erwĂ€hnte ich vor allem seine Abhandlung „Die Tendenzen unserer sozialen Struktur“ von 1928.

Schumpeter untersuchte die Diskrepanz zwischen der Wirtschaftsordnung Deutschlands und der Sozialstruktur. Die Wirtschaftsorganisation war kapitalistisch, die deutsche Gesellschaft war aber in ihren GebrĂ€uchen und Gewohnheiten nach wie vor in lĂ€ndlichen, ja sogar feudalen Denkweisen gefangen – heute industriekapitalistisch.

Zur ReichsgrĂŒndung 1871 haben nahezu zwei Drittel der Bevölkerung auf GĂŒtern oder Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern gelebt, noch nicht einmal 5 Prozent in GroßstĂ€dten von mehr als 100.000 Einwohnern. Bis 1925 hatte sich der Anteil der Stadtbewohner verfĂŒnffacht, wĂ€hrend der Anteil der Landbevölkerung um die HĂ€lfte zurĂŒckgegangen ist. Ursache war vor allem ein sprunghafter Anstieg der AgrarproduktivitĂ€t.

WĂ€hrend 1882 in Deutschland nur 4 Prozent der kleinen Landwirtschaftsbetriebe Maschinen einsetzten, waren es 1925 schon ĂŒber 66 Prozent. Die Mechanisierung löste eine Landflucht aus und trieb die Landarbeiter in die StĂ€dte. Politisch waren allerdings immer noch die „Landjunker“ in der Weimarer Republik tonangebend. Heute sind es die Lobbyisten und wissenschaftlichen Berater der Bundesregierung, die immer noch das industriepolitische Lied singen, obwohl wir seit den 1960er-Jahren gar keine Industrienation mehr sind.

Produkte brauchen Vernetzungsintelligenz

Der Stellenwert von industriellen Produkten soll damit nicht infrage gestellt werden – auch wenn es kaum noch eine industrielle Massenfertigung in Deutschland gibt. Wir exportierten 2013 Autos und Maschinen im Wert von ĂŒber 350 Milliarden Euro. Darauf verweist Jonas Sachtleber von der studentischen Unternehmensberatung OSCAR: „Hinzu kommen DatenverarbeitungsgerĂ€te und elektronische AusrĂŒstung fĂŒr mehr als 150 Milliarden Euro. Diese Produkte machen Deutschland zur Exportmacht. Um diese Stellung zu halten, muss Deutschland allerdings zum AusrĂŒster der Digitalisierung werden oder sich wenigstens an deren Umsetzung beteiligen“, fordert Sachtleber.

Einen wichtigen Punkt erwĂ€hnen die Studienautoren vom “„Trendbook Smarter Service“”:http://www.smarter-service.com/download/: „Wenn Produkte immer mehr zu intelligenten Services werden und die vernetzte Erlebniswelt der Kunden die Gewinner auf den MĂ€rkten der Zukunft definieren, dann werden smarte Services zu ĂŒberlebenswichtigen Erfolgsfaktoren.“

Es geht dabei nicht um „Software STATT Spoiler“, wie die „Zeit“ titelte, sondern um Spoiler, Software UND Vernetzungsintelligenz. Inhaltlich liegt der „Zeit“-Redakteur Götz Hamann allerdings richtig. Selbst die Perlen der deutschen Industrie – also Autokonzerne und Maschinenbauer – sind nicht mehr unangreifbar. Wenn Apple jetzt bis zu tausend Autoexperten einstellt, sollte das in MĂŒnchen, Wolfsburg, Stuttgart und Ingolstadt nicht mit naserĂŒmpfender Arroganz beantwortet werden. „Autos werden heute fast wie Handys und Computer gebaut. Man bestellt die Bauteile, besonders gern bei Continental, Bosch und ZF Friedrichshafen. Dann setzt man alles zusammen, wie es Volkswagen mit seinem Baukastenprinzip vormacht, und vermarktet das Auto. Die eigene Wertschöpfung liegt dadurch nur bei rund 25 Prozent“, so Hamann.

Warum sollte nicht auch Apple dazu in der Lage sein? Es geht nicht mehr um Ego-Produktion, sondern um Eco-Produktion, so das Credo von Netskill-GeschĂ€ftsfĂŒhrer Winfried Felser. Das ökonomische Design eines vernetzten Unternehmens ist ein Gesamtkunstwerk.

Die Hidden Champions des Mittelstandes mĂŒssen was tun

Wenn es diesen Silicon-Valley-GrĂ¶ĂŸen gelingt, „die digitalen Wertschöpfungsprozesse mit den dahinter liegenden realen Produkt- und Plattformentscheidungen zu verbinden, dann werden Nachfrageströme umgeleitet, neue Handelsstrukturen etabliert und die Wahl zu eigenen EndgerĂ€ten diktiert“, meint Kollmann. Das sollten vor allem die Hidden Champions des deutschen Mittelstandes nicht zulassen.

Mehr als drei Viertel der deutschen mittelstĂ€ndischen Unternehmen sehen zwar eine rasante digitale Transformation der Wirtschaft und erkennen, dass ihre eigene WettbewerbsfĂ€higkeit ohne zunehmende Digitalisierung bedroht ist. Aber nur bei jedem zweiten Unternehmen ist die Digitalisierung Bestandteil der eigenen Strategie. FĂŒr fast die HĂ€lfte der Unternehmen spielt laut einer DZ-Bank-Studie die Digitalisierung der GeschĂ€ftsprozesse derzeit noch gar keine oder nur eine geringe Rolle. „Unsere kulturellen StĂ€rken beruhen auf QualitĂ€t, StabilitĂ€t und Sicherheit. Deshalb dominiert im Mittelstand eine skeptische und abwartende Haltung“, sagt Hannes HĂ€fele von Oracle Deutschland im ExpertengesprĂ€ch zur CeBit-Mittelstandslounge, die vom 16. bis 20. MĂ€rz in Halle 5 stattfindet.


Dabei verliert man aus dem Blick, die richtigen Dinge zu machen. Die teutonischen TĂŒftler sollten weniger perfektionistisch agieren. Es wĂ€re nach Ansicht von HĂ€fele fatal, weiter zu warten.

NĂ€chsten Montag werde ich beim “Webmontag in Frankfurt”:http://www.wmfra.de/programm/webmontag-frankfurt-69-digitalisierung-disruption.html dazu einen kleinen Vortrag halten: „Im Land der digitalen BrĂ€sigkeit – Wie wir den Weg in die vernetzte Ökonomie versemmeln“.

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