Normierung 4.0

von Gunnar Sohn24.02.2015Wirtschaft

Die Industrie-4.0-Initiative steckt in einer Denkfalle: Wenn der deutsche Mittelstand nicht entscheidende Entwicklungen verschlafen will, braucht es mehr Team-Spirit und weniger Normierungswahn.

Viele Unternehmen haben nach einer “Mind-Business-Studie / noch nicht den Einstieg in den digitalen Wandel gefunden. Es fehlt die notwendige Expertise, um die Chancen digitaler Technologien für das eigene Geschäft zu erkennen, zu bewerten und zu erschließen. Fehlender Leidensdruck in den Chefetagen verhindert oder verschleppt den Wandel, der von der Organisation bereits gesehen und gewünscht werde. Es mangelt dabei nicht an der Wahrnehmung der Umbrüche. Die Führungskräfte der deutschen Wirtschaft scheinen jedoch von schwerfälligen und komplexen Business-Systemen und -Prozessen „paralysiert“ zu sein.

Es liegt vielleicht an den klassischen hierarchischen Führungsmodellen, die in einer vernetzten Ökonomie nicht mehr so richtig greifen: „Je stärker wir in das digitale Zeitalter kommen, umso stärker werden Unternehmen die Notwendigkeit spüren, Kommunikationsverantwortung und damit Macht zu dezentralisieren. Die Abneigung dem Neuen gegenüber, vor allem im Mittelbau deutscher Unternehmen, ist insofern verständlich, weil es gerade für sie ein mehr an Arbeit bedeutet. Die meisten Firmen werden den Transformationsprozess nur dann schaffen können, wenn sie Personal an wichtigen Stellen austauschen oder den Generationswechsel gestalten”, so die Empfehlung der Studienautoren.

Mehr Freiraum für Querdenker

Den Querdenkern müsse mehr Anerkennung entgegengebracht werden – sie brauchen Freiräume in der Organisation: „Wer das Nutzenversprechen für die nächste Ära seines Geschäfts entwickeln will, der darf nicht linear denken, sondern muss wie Internet-Start-ups denken lernen. Viele Unternehmen machten, als sie die Notwendigkeit zur Digitalisierung der Geschäftsmodelle erkannten, den Fehler, ,analogen Wein in digitalen Schläuchen‘ zu verkaufen“, kritisieren die Mind-Business-Analysten.

Die Gefahren einer unsicheren digitalen Zukunft könne man verringern, indem digitale Strategien von Internet-Start-ups Teil des Szenario-Prozesses werden: „Das Internet im Allgemeinen und die Digitalisierung im Besonderen führen dazu, dass ganze Branchen durch Software neu gestaltet werden. Erfahrungswerte und das Wissen über das Bewährte dürfen daher nicht als Wegweiser für die digitale Transformation herangezogen werden. Denn immer dann, wenn Produkte und Dienstleistungen zu Software werden, verlieren sie ihre physikalischen Eigenschaften und Beschränkungen.“

Die Geschäftserfolge der Vergangenheit würden dabei wie Denkfallen wirken. Wer ausschließlich wie eine Hardware-Company denkt, verpasse neue Chancen, weil man ähnlich wie Best Buy versucht, die Neuentwicklung zu bremsen, indem man Störsender in den Verkaufsflächen installiert, anstatt wie in den Apple Stores neue Zahlverfahren per Handy einzuführen, um den vernetzten Kunden besser zu bedienen.

Internet der Industrie kommt nicht voran

„Eine Erkenntnis bleibt in jedem Fall: Man kann technologische Entwicklung nicht stoppen, man kann sie nur zu seinen Gunsten nutzen”, resümieren die Analysten von Mind Business. Die von den Beratern dargestellte Gemengelage passt zu den Ungereimtheiten bei den diversen Industrie-4.0-Aktivitäten von Bundesregierung, Produktionsfirmen und Spitzenverbände wie die Faust aufs Auge.

In den vergangenen Tagen wurde deutlich, dass wir trotz hektischem Aktionismus von Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka auch beim „Internet der Industrie“ den Wettbewerb mit den USA verlieren könnten, kritisiert Netskill-Geschäftsführer Winfried Felser in der Sendung „Kompetenzgespräche“.