Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe. Margot Käßmann

Die Modellschreiner der Volkswirtschaft

Trotz der verheerenden Auswirkungen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ist eine kritische Diskussion über die Schwächen der Ökonomie ausgeblieben. Vielmehr kassieren die Wirtschaftsinstitute für Fehlprognosen noch immer kräftig Geld.

Gibt es eigentlich irgendeinen Erkenntnisgewinn, den die Wirtschaftswissenschaften vor oder nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise zu Papier gebracht haben? Irgendeine Umkehr zu mehr Demut und Bescheidenheit bei Prognosen und Analysen? Zweifel an der Betrachtung der Welt in Aggregatzuständen?

Nur leise Wortmeldungen statt kritischer Diskussion

Bis auf eine leise Wortmeldung über die zweifelhafte Validität der Vorhersagen von Wachstumsraten und dem Vorschlag eines einzigen Professors nach dem Lehman-Crash, Aussagen über die zukünftige Entwicklung von Volkswirtschaften vielleicht einmal auszusetzen – mit entsprechend empörten Zurechtweisungen von Fachkollegen – gab es keine fundamental kritische Diskussion über die methodischen Schwächen der Ökonomie. Es wäre also an der Zeit, Ökonomie neu zu denken, wie es sich der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaften auf seiner zweitägigen Fachveranstaltung, die heute in Frankfurt beginnt, auf die Fahne geschrieben hat.

Wolfgang Kasper, emeritierter Professor für Nationalökonomie der australischen Universität New South Wales, geht mit den Modellschreinern und Makromechanikern hart ins Gericht. Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren Ceteris-paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen. Hier habe sich ein karriereförderndes Kartell herausgebildet. Lehrstuhlkandidaten, die Bürokraten und Minister-Aktivismus kritisieren, hätten nur geringe Chancen im undurchsichtigen universitären Ernennungsdickicht. So etablierten sich Professoren, die sich mit ökonometrischen Gefälligkeitsgutachten und Expertenrat in den Dienst von Politikern und Ministerien stellen. Wichtig wären Denkfabriken, Universitäten und Medien, die nicht vom Steuermäzenatentum abhängig sind.

So kassieren die wichtigsten Wirtschaftsforschungsinstitute, die im Haushaltsplan des Finanzministeriums in der sogenannten „Blauen Liste“ aufgeführt werden, für ihre jährlichen Fehlprognosen rund 41 Millionen Euro. Mit der Modellschreinerei kann man zumindest kräftig Geld kassieren: „Mit solchen ‚vereinfachenden‘ Annahmen lassen sich leicht Modelle bauen. Man verschafft sich genügend viele Variablen wie man Gleichungen hat, um Modelllösungen abzuleiten und ästhetisch ansprechende Resultate und Detaillösungen zu produzieren. Es scheint einfach zu verlockend, mit Modellen Wissen vorzutäuschen, über das in Wirklichkeit niemand verfügen kann. Das befriedigt viele Beobachter mehr als die konfuse, evolutorische Vielfalt der Realität, die die österreichisch-institutionelle Schule im Griff zu behalten versucht. Mit einem geschlossenen, komparativ-statischen Modell kann man den Laien leicht Wissenschaftlichkeit und Politikern zum Handeln einladende Gewissheit vorgaukeln (scientism)“, so Professor Kasper.

Mit Mathematik und irgendwelchen unkritisch hingenommenen statistischen Schätzungen könne man auch leichter und öfter publizieren sowie promovieren. Zeige mir die Zahl der Fachveröffentlichungen und Nobelpreise (als Beispiel könnte man die Preisträger Myron Scholes und Robert Merton heranziehen, die ihre Dummheiten immer noch verbreiten) und ich sage dir, wie wichtig du für die Denkschulen der Wirtschaftswissenschaften bist.

„Wo die Daten nicht ausreichen, da müssen eben ‚dummy variables‘ und andere ökonometrische Tricks herhalten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ungern man einmal mühsam erlerntes ökonometrisches Wissenskapital ersatzlos abschreibt, auch wenn man merkt, dass die mathematische Ausdrucksweise ein armseliges, künstliches Esperanto darstellt, das für die wirtschaftspolitische Beratung bei Weitem nicht das Gleiche leisten kann wie das ordnungspolitische Idiom“, so der Einwand von Kasper, den die neue Generation auf den wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühlen wohl nur müde belächelt.

Ohne Zufall entsteht nichts Neues

Aber auch diese Generation wird durch die Herrschaft des Zufalls irgendwann zu einer Ethik der Bescheidenheit gezwungen, wie es der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer skizziert hat. Der Laplace’sche Geist eines linearen Managements von Menschen, Unternehmen und Märkten sei zum Scheitern verurteilt. Auch wissenschaftliche Modelle und Theorien seien Produkte unserer Gehirne. „Wir glauben in Zufallsreihen Muster zu erkennen, die keine sind, da die Ereignisse wie beim Roulette unabhängig eintreffen. Wir ignorieren Spekulationsblasen an der Börse, da wir an eine ansteigende Kursentwicklung glauben wollen“, erläutert Professor Mainzer. Es gebe keinen Laplace’schen Geist omnipotenter Berechenbarkeit. In einer zufallsabhängigen Evolution sei kein Platz für Perfektion und optimale Lösungen. Zufällig, spontan und unberechenbar seien auch Einfälle und Innovationen menschlicher Kreativität, die in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte als plötzliche und nicht vorherbestimmte Ereignisse beschrieben werden. Ohne Zufall entstehe nichts Neues. „Nicht immer fallen die Ereignisse und Ergebnisse zu unseren Gunsten aus – das Spektrum reicht von Viren und Krankheiten bis zu verrückten Märkten und Menschen mit krimineller Energie“, resümiert Mainzer. Wenn in Frankfurt die Ökonomie neu gedacht wird, dann hoffentlich nicht im Besserwisser-Modus der liebwertesten Gichtlinge der VWL-Modellschreinerei.

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