Abgesang auf die Macho-Chefs

von Gunnar Sohn11.02.2015Wirtschaft

Im Management von heute dreht sich alles um Effizienz. Wenn Unternehmensziele so utopisch sind wie sowjetische Fünfjahres-Pläne, müssen das oft die Angestellten ausbaden.

Als Schule der Intrigen mit Macho-Kultur bezeichnet der Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger im „Spiegel“-Interview die düstere Realität auf Chefetagen. Er muss es wissen. Deutsche Unternehmen seien viel stärker auf pure Effizienz fixiert als etwa angelsächsische oder skandinavische.

„Ertragsziele werden oft exzessiv bis auf die unterste Ebene durchgestellt. Da bleiben kaum Freiräume für die Mitarbeiter, neue Wege zu suchen. Ausländische Kollegen halten viele deutsche Topmanager oft für spröde, steif, humorlos und förmlich. Das ist ein Spiegelbild der kreativitätsarmen Unternehmenskultur“, erklärt Sattelberger.

Schwarmdumme Unternehmen

In der Vergangenheit ist das mehr oder weniger gut gegangen. Die Unternehmen hatten nach Ansicht des Publizisten Gunter Dueck so viel Fett angesetzt, dass es ein Leichtes war, sie zu verschlanken. „Dann kamen die Optimierungstechniken dazu, die durch Tabellenkalkulation und kaufmännische Unternehmenssoftware immer neue Einsatzfelder fanden.

Jahr um Jahr wurde eingespart und eingespart. In letzter Zeit sind viele Unternehmen schon fast totgesagt, wie man sagt. Aber das Management will immer weitere Einsparungen sehen, die eigentlich nur noch über das Einsparen von Mitarbeitern, deren geringere Bezahlung oder unbezahlte Überstunden realisiert werden können“, schreibt Dueck in seinem neuen Buch „Schwarmdumm – So blöd sind wir nur gemeinsam“, erschienen im Campus-Verlag.

Nach dem Abschneiden von Fett ging es ans Eingemachte. Jetzt demontiert man gar die Rest-Substanz via „Mikromanagement“. Da kümmert sich der Controller auch um den Schwund von Kaffeetassen in Büroküchen und überprüft die Notwendigkeit jeder Taxifahrt. Am Ende erfordern die kleinteiligen Einsparungen mehr Arbeitsaufwand, als sie einbringen.

Sparen bis zum Tod der Organisation

Wenn man alle halbwegs vernünftigen Stellschrauben abgeerntet hat, könne man am Ende nur noch auf Kosten anderer agieren. „Diese anderen sind in großen Unternehmen oft weit weg, deshalb wird so ‚erfolgreich‘ eingespart, weil man das Unheil an anderer Stelle nicht einmal wahrnimmt“, so Dueck.
Das stört aber keinen großen Geist im Top-Management. Es reicht dabei nicht aus, bis zum letzten Atemzug die Unternehmensorganisation auszupressen, die Diätkur muss bis zum Erbrechen kontrolliert werden. Leitmotto: „Mach Deine Zahlen! Keine Ausreden!“

Die unerbittlichen Topmanager tracken das Management bis in den letzten Winkel des Etagen-Klos. „Alle Manager und Mitarbeiter werden von den Mess- oder Tracking-Systemen des Unternehmens zur Leistungsmessung so hart in die Mangel genommen, dass sie unter allen Umständen ihre Zahlen bringen wollen. Die Drohungen des Chefs bei zu schlechten Zahlen sind in den letzten Dekaden so massiv geworden, dass es schon fast um das persönliche ‚Überleben‘ zu gehen scheint“, führt Dueck in seinem Opus aus.

Sowjetisches Controlling

Als Ergebnis entsteht ein Zahlen-Fantasie-Regime wie bei der Erfüllung der Fünfjahres-Pläne in der Sowjetunion. Das Controlling-Reich will sogar beschissen werden, damit man dem Finanzmarkt bessere Ergebnisse serviert und den Aktienkurs „pflegt“. Wenn etwas schiefgeht, sind die Mitarbeiter schuld. In schwarmdummen Unternehmen ist es wichtig, den Schwarzen Peter loszuwerden.

Alle großen Firmen tun das: Place your blame, please. Im Manager-Deutsch wählt man selbstredend gesittete Formulierungen: „Das wirtschaftliche Umfeld ist schwierig.“ „Der Preisdruck nimmt zu.“ „Die Kunden wollen immer mehr für das gleiche Geld, sie lassen uns kaum noch leben.“ „Wir finden kaum noch Mitarbeiter, die alles können und für wenig Geld arbeiten wollen.“ „Die Politik setzt sich nicht für uns ein, obwohl wir den regierenden Parteien viel spenden.“ „Das globale Umfeld ist seit Jahren ungünstig.“ „Wir leiden unter der Eurokrise, die uns unverschuldet trifft.“ Laber, Rhabarber.

Vernetzung erschwert das Macho-Management

Dennoch geht es den heroischen und herrischen Unternehmensführern so langsam an den Kragen. „Das heroische Unternehmen ist auf Hierarchie angewiesen, denn Helden können nur oben stehen“, so der Soziologe Dirk Baecker. Das funktioniert wunderbar in stabilen Umwelten der Massenproduktionsära.

In turbulenten Zeiten werden diese hierarchischen Topmanager auffällig und als störende Verzerrer wahrgenommen. Allerdings könne es nach Ansicht von Baecker noch 40 bis 50 Jahre dauern, bis die liebwertesten Gichtlinge des Macho-Managements von der Bildfläche verschwinden. Unternehmen werden in vernetzten Strukturen immer mehr von der Außenwelt gesteuert.

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