Man kann im Rahmen des Grundgesetzes wunderbar den Kapitalismus überwinden. Sahra Wagenknecht

Provinzialismus als Staatsräson

In Zeiten wie diesen sind originelle Denker wichtig, um die politischen Entwicklungen zu kommentieren und den Akteuren einen Spiegel vorzuhalten. So wie die Zeitschrift Merkur.

Schade, dass Kurt Scheel und Karl Heinz Bohrer die Herausgeberschaft der Zeitschrift „Merkur“ zum Ende des vergangenen Jahres abgegeben haben. Könnten beide Autoren doch jetzt die Selbstzerfleischung der schmalspurigen Kinder des Parteienstaates in der FDP und im Schloss Bellevue süffisant kommentieren. Etwa in der Fortsetzung von Bohrers brillanten Provinzialismus-Essays aus den neunziger Jahren, die Jürgen Habermas so auf die Palme gebracht haben.

Politische Klasse des Mittelmaßes

Sind nicht Wulff, Rösler und der liberale Versicherungsvertreter-Selbstdemontage-Generalsekretär Döring (Stern: „Die Verkaufskanone“) würdige Vertreter einer politischen Klasse des Mittelmaßes? Sie repräsentieren die geballte Unfähigkeit zu irgendeinem Konzept, zu irgendeinem Projekt. Schaumschlagende Rhetoren, die sich Spot und Häme der vielstimmigen Kommentatoren im Netz redlich verdient haben. Die psychologische und politische Spießigkeit, die Bohrer vor rund 20 Jahren geißelte, ist nach wie vor ein Ärgernis. Meine metaphorischen Ausflüge in die Gedankenwelt der deutschen Jägerzaun-Repräsentanten finden ihren Ursprung in der Serie des „Merkur“.

„Sie erschien zu Beginn der neunziger Jahre in sechs Folgen, in denen die bundesrepublikanische Hässlichkeit in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen in Universität, Geselligkeit, politischem Bewusstsein, Reklame, Schlager, Film, Städtebau und Geschmack porträtiert wurde“, schreibt Bohrer in der Dezember-Ausgabe des „Merkur“.

In Helmut Kohl erkannte er den Meister des provinziellen Parteienstaates: „… die Provinzen nähren die politische Klasse üppig, vor allem wenn man Ministerpräsident ist, ohne jemals im Bundestag geprüft worden zu sein. Karrieren jenseits des Parlamentarismus also, wie sie Kohl eingeführt hat. Er war der erste Kanzler, der sich seine Sporen nicht als Debattenredner des Bundestages verdient hat und der sich niemals durch sein Wort an der Tribüne der Nation darstellte. Im Gegenteil: Mit ihm begann der Niedergang des westdeutschen Parlamentarismus (der in den fünfziger, sechziger oder siebziger Jahren glänzende Stunden gehabt hat) und der Aufstieg der provinziellen Kooperation: Wie niedrig deren politisch-rechtliche Kriterien liegen, hat der Beifall für Kohl in diesem Milieu abermals gezeigt.“

Wie gut passen diese Passagen zum heutigen Bundespräsidenten. Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger will ihm keine politisch-repräsentative Sprache gelingen: Nun versinkt er wie sein früherer Mentor Kohl in Bimbes-Affären.

Originelle Denker sind wichtig

Umso wichtiger sind originelle Denker wie Bohrer und Scheel, die den liebwertesten Gichtlingen des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Establishments die Geistlosigkeit ihrer Worthülsen deutlich machen. Das Credo der ehemaligen „Merkur“-Herausgeber sollte auch der Nachfolger Christian Demand beherzigen: „Den Rechten ein Ärgernis, den Linken ein Juckpulver.“

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