Von der Kunst der Auflistung

von Gunnar Sohn15.10.2014Medien

Es ist höchste Zeit: Liebwerteste Gichtlinge kommt als eBook.

„Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?“ – so begann der Renaissance-Denker François Rabelais seine Rede und mit dieser schelmischen Sichtweise auf das Leben startete ich am 21. Januar 2011 meine wöchentliche Kolumne fĂŒr das Debattenmagazin The European. Im Dezember 2014 durchbreche ich die Schallmauer von 200 BeitrĂ€gen und “ein Ende ist noch nicht abzusehen.”:http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/1227-paternalismus-und-deutsche-internet-provinz

Höchste Zeit fĂŒr eine Auflistung im Sinne des Schriftstellers Umberto Eco: Ein Vademecum wider die Vergesslichkeit – vor allem meiner eigenen. WorĂŒber habe ich in den vergangenen Jahren so alles geschrieben. Eine Auswahl des Guten, Schönen, Kritischen, Überraschenden, Erfolgreichen und der publizistischen Flops. Denn auch jeder Niederlage und Peinlichkeit wohnt eine Erleuchtung inne, wie es Hans Magnus Enzensberger ausdrĂŒckt. WĂ€hrend der Arbeiter im Weinberg der Kultur seine Erfolge rasch vergisst, hĂ€lt sich die Erinnerung an einen Flop Jahre oder gar Jahrzehnte mit geradezu blendender IntensitĂ€t. „Außerdem entfalten Flops eine therapeutische Wirkung: Sie können berufsbedingte Autorenkrankheiten wie Kontrollverlust und GrĂ¶ĂŸenwahn wenn nicht heilen, so doch mildern“, erlĂ€utert Enzensberger in seinem Suhrkamp-Opus „Meine Lieblings-Flops“.

Subtile Jagd nach SĂ€tzen

Aber ich möchte nicht nur eine Revue von gescheiterten Kolumnen prĂ€sentieren, sondern mich auch auf die subtile Jagd nach dem einen Satz oder Wort begeben, in dem das Wesentliche eines Beitrags kondensiert. Es könnte gar eine versteckte SchlĂŒsselbotschaft sein, die mir selbst beim Schreiben vielleicht gar nicht so bewusst war. Denn letztlich lebt das Geschriebene nur durch den Leser. „Mir fehlt die objektive Distanz. Meine Fantasie ergĂ€nzt, was dasteht, zu dem, was dastehen sollte“, so das Credo des Schweizer Autors Hermann Burger. Der Autor erfĂ€hrt seinen Text im GesprĂ€ch. Deshalb ist dieses GesprĂ€ch sein wertvollstes Instrument. Nicht nur Publizisten sollten sich dazu bequemen, Fragen zu stellen, statt immer nur Fragen zu beantworten. Es geht nicht nur darum, alles infrage zu stellen. Man sollte bereit sein zum offenen GesprĂ€ch, ohne die Demontage des eigenen Weltbildes zu fĂŒrchten.

Leserdialog ohne inhaltsleeres Schaumbad

SchaumbĂ€der des inhaltsleeren Diskurses gibt es genĂŒgend. Echte GesprĂ€che sind eher selten. Auf dem Streamcamp in MĂŒnchen am kommenden Wochenende möchte ich den Dialog mit den Lesern beginnen, denen ich die AutoritĂ€t von strengen Kuratoren zuweisen möchte, um pĂŒnktlich zur Leipziger Buchmesse im FrĂŒhjahr 2015 die Liebwertesten-Gichtlinge-Kolumnen in einem eBook zu verewigen. Bei einem Livestreaming-Barcamp versteht es sich von selbst, die GesprĂ€che live via Hangout on Air zu ĂŒbertragen. Und auch in den kommenden Wochen und Monaten werde ich den Diskurs mit den Kuratoren netzöffentlich fĂŒhren. Das kann dann ab und zu in meiner Bibliothek bei Kaffee und Kuchen ablaufen, also so eine Art Gichtlings-Lesezirkel oder eben virtuell.

Was am Ende herauskommt, ist mehr als eine Bestenliste meiner The-European-Artikel. Es stecken auch die Gedanken der Kuratoren im eBook. Schließlich sollte sich der digitale Content vom gedruckten Buch unterscheiden, “wie es die eBook-Verlegerin Christiane Frohmann auf der Frankfurter Buchmesse ausfĂŒhrte.”:https://soundcloud.com/gsohn/content-startups-ebooks-und-angstgemeinschaften-fraufrohmann-leanderwattig-fbm14

eBook-Formate ausreizen

Vielleicht entsteht die nĂ€chste Literatur nicht nur ĂŒber Twitter, weil hier lesend und schreibend mit GerĂ€ten experimentiert werde, wie es @stporombka formuliert, sondern auch ĂŒber virtuelle Live-Dialoge.

Ich möchte jedenfalls erfahren, wie weit eBook-Formate ausgereizt werden können. Funktioniert das Social-Reading-Konzept der Sobooks-GrĂŒnder Sascha Lobo und Christoph Kappes? Sollte man eBooks aus dem GefĂ€ngnis von LesegerĂ€ten und Apps befreien? Welche Rolle könnten Video und Audio dabei spielen und, und, und?

eBook-Produktionen standen bislang nicht auf meiner Agenda. Das wird sich jetzt Ă€ndern. Und die liebwertesten Gichtlinge, die sich als Kuratoren fĂŒr meine Publikation zur VerfĂŒgung stellen, werden bestimmt mit Rat und Tat zur Seite stehen. Man hört und sieht sich am Wochenende auf dem Streamcamp in MĂŒnchen. Dann werden wir den Kuratoren-Fahrplan fĂŒr das eBook konkretisieren.

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