Alt werden mit Menthol-Zigaretten

von Gunnar Sohn17.09.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Viele vermeintlich unumstößliche Wahrheiten basieren bloß auf persönlichen Befindlichkeiten. Ein Plädoyer für mehr Skepsis.

„Was für ein Quatsch ist das denn wieder“, so “konterte vor einigen Monaten der Internet-Unternehmer Ibo Evsan auf Facebook”:https://www.facebook.com/evsan/posts/10152034672104370?stream_ref=10 einen “„Focus“-Artikel, der behauptet, dass Fleischesser seltener krank seien als Vegetarier”:http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/asthma/therapie/gesundheitsrisiko-fleischverzicht-vegetarier-sind-haeufiger-krank-als-fleischesser_id_3644733.html.

„Focus/Burda, meine Güte. Seit ich weniger Fleisch esse, bin ich fast gar nicht mehr KRANK. Das kann sogar meine Facebook-Timeline bestätigen. Seit ich keine Milch mehr trinke, bekomme ich kaum noch Ausschlag“, so die Behauptung von Evsan.

Hat er damit nun den unumstößlichen Gegenbeweis erbracht? Unterscheidet Evsan zwischen Ursache und Wirkung? Natürlich nicht.

Anmaßende Lebensrezepte

Helmut Schmidt könnte mit der These antreten, dass sein kettenrauchender Konsum von Menthol-Zigaretten dazu beigetragen hat, seinen 96. Geburtstag in relativ guter Verfassung zu feiern. Körperlich hat er einige Beschwerden, aber geistig ist Schmidt noch in bester Verfassung und kann mit unterschiedlichen Geistesgrößen kenntnisreich über die weltpolitischen Entwicklungen diskutieren. Auch ich rauche bekanntlich Menthol-Zigaretten, esse seit Jahrzehnten zum Frühstück Brötchen mit Himbeermarmelade (Achtung, enthält Blausäure), verspeise mit Wonne Berliner Currywurst, Grießbrei, Milchreis und saftige Steaks.

Ich erfreue mich einer fabelhaften Gesundheit, leide seit meiner Pubertät nicht mehr unter Ausschlag und kann auch in meinem 54. Lebensjahr im Volleyball-Verein gut mithalten, obwohl ich der Älteste in der Mixed-Mannschaft bin.

Liegt es jetzt an den Menthol-Zigaretten, an Himbeermarmelade, Currywurst oder Grießbrei? Keine Ahnung. Hab ich klinisch nie testen lassen. Ist mir auch völlig egal. Es liegt wohl daran, dass ich seit meiner Kindheit in verschiedensten Disziplinen sportlich unterwegs bin. Als Leistungssportler im Fußball, als Leichtathlet, Volleyballspieler, Bergwanderer und Skifahrer. Ich habe die Alpen überquert, scheute keinen 3000er Berggipfel, bin regelmäßig bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad unterwegs. Wahrscheinlich liegt hier eher die Ursache meiner derzeitigen körperlichen Konstitution. Ist meine Lebensart jetzt für andere kopierbar? Nee. Niemals. Ich könnte mich nicht auf irgendein Podium stellen und behaupten, mein Konzept sei ein Orientierungsmaßstab für andere Menschen – das wäre anmaßend.

Auf der Suche nach Bestätigungen der eigenen Vorurteile

Bei öffentlichen Bekenntnissen, die uns von liebwertesten Schlaumeier-Gichtlingen als unumstößliche Wahrheiten entgegengeschleudert werden, verwechselt man persönliche Befindlichkeiten mit Beweisen. Als Orientierungsmaßstab eignet sich der Wissenschaftstheoretiker Karl Popper und die Theorie des Kritischen Rationalismus: Den Geistesblitz für seine Erkenntnisse bekam Popper in der Wiener Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche des Individualpsychologen Alfred Adler. Dass alles menschliche Handeln durch einen tiefverwurzelten Minderwertigkeitskomplex beherrscht sein soll, konnte Popper in seiner Tätigkeit für Adler nicht überzeugen. Er berichtete Adler im Jahre 1919 über einen Fall in der Beratungsstelle, der nicht in das Schema „Inferioritätskomplex“ passte. Adler aber hatte nicht die geringste Schwierigkeit, ihn im Sinne seiner Theorie als einen Fall von Minderwertigkeitsgefühlen zu diagnostizieren, obwohl er das Kind nicht einmal gesehen hatte.

„Ich war darüber etwas schockiert und fragte ihn, was ihn zu dieser Analyse berechtigte. Meine vieltausendfältige Erfahrung, war seine Antwort; worauf ich mich nicht enthalten konnte zu erwidern: ,Und mit diesem Fall ist Ihre Erfahrung jetzt eine vieltausend-und-einfältige‘“, so Popper.

In den folgenden Jahren arbeitete er am Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere an einem Kriterium, das zwischen Wissenschaft und Scheinwissenschaft unterscheidet. Adler, Freud und Co. ging es ausschließlich darum, nach Bestätigungen ihrer Theorien zu suchen – also eine induktive oder positivistische Vorgehensweise, die damals Standard war. Man schließt vom Einzelnen auf das Allgemeine. Schon Ende des Jahres 1919 kam Popper zu dem Schluss, „dass die wissenschaftliche Haltung die kritische war; eine Haltung, die nicht auf Verifikationen ausging; sondern kritische Überprüfungen suchte: Überprüfungen, die die Theorie widerlegen könnten.“

Suspekt waren Popper trügerische Sicherheiten, die nicht kritisch infrage gestellt wurden. Vermeintliche Wahrheiten wurden und werden von gläubigen Anhängern ohne Überprüfung der Fehlerhaftigkeit verteidigt. Wer nicht an sie glaubt, gilt als verstockt, unaufgeklärt oder als Teil einer feindlich gesinnten Verschwörung. Skepsis und Zweifel werden ausgeblendet. Eine kritische Urteilsfähigkeit kann so nicht entstehen. Selbst eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf eine Gesetzmäßigkeit zu ziehen. Jeder sollte daher immer kritische Widerlegungsversuche von Hypothesen und Theorien anstellen, statt nur nach Bestätigungen des eigenen Gedankengebäudes zu suchen.

Alles menschliche Wissen ist ein Raten

Was Popper in seiner Wissenschaftstheorie formulierte, war übrigens schon den vorsokratischen Philosophen wie Parmenides und Xenophanes vor rund 2.500 Jahren klar. Alles menschliche Wissen sei ein Raten, durchwebt von Vermutung. Deshalb habe ich als Motto für meinen ichsagmal.com-Blog ein Zitat des spanischen Schriftstellers Fernando Savater gewählt: „Das Leben ist zu kurz, um sich nicht zum Eklektizismus zu bekennen, zur Freiheit des Auswählens und Verwerfens.“

Gelingt mir nicht immer. Aber ich versuche es wenigstens. Currywurst, Grießbrei, saftige Steaks und Himbeermarmelade mit Spuren von Blausäure werde ich auch in Zukunft essen, weil es mir schmeckt. Auch das gehört zur Freiheit des Auswählens und Verwerfens.

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