Trickster

Gunnar Sohn14.05.2014Medien, Wirtschaft

Hasen jagen die NSA-Spähradikalen – warum Netzaktivisten Listkompetenz im Kampf gegen die Totalüberwachung brauchen.

Der NSA-Spähfanatismus hat uns das Netz entrissen und wir tun uns schwer, den Widerstand gegen die verdachtsunabhängige und freiheitsfeindliche Datenspionage zu organisieren. Sascha Lobo und Felix Schwenzel brachten das in ihren Republica-Vorträgen in Berlin selbstkritisch zum Ausdruck. Petitionen, Manifeste und weitere Empört-Euch-Aufrufe werden daran wohl nichts ändern. Trotz der Enthüllungen von Edward Snowden ist es für die Zivilgesellschaft schwierig, das Bedrohungsszenario zu riechen, zu sehen und anzufassen. „Wir wissen nicht, was wir dagegen tun können und vor allem gegen wen oder was wir kämpfen sollen. Wir wissen nicht, wie wir aus dem Schlamassel wieder rauskommen sollen“, “sagt Felix Schwenzel.”:http://wirres.net/article/articleview/7157/1/6/

Druck auf die politischen Führungskräfte zu machen und von Staaten eine Umkehr zu erhoffen, sei dabei wohl der falsche Weg. Felix Schwenzel bringt deshalb „Sog statt Druck“ ins Spiel. Und noch wichtiger, er hat Beispiele vorgetragen, in denen der Staat durch Proteste in die Knie gezwungen werden kann, auch wenn es eine weit verbreitete Mir-doch-egal-oder-ich-hab-nichts-zu-verbergen-Haltung gibt. Es geht um Symbolkraft und Personalisierung oder, besser gesagt, um persönliche Betroffenheit.

NSA-Repression ist nicht sichtbar

Die Überwacher der westlichen Welt seien zu schlau, offen die repressive Fratze der Totalüberwachung zu zeigen, meint Schwenzel im ichsagmal-Interview.

Entsprechend sollte man die Gegenseite provozieren, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Dafür braucht man Ideen, Geduld, Ausdauer und eine bessere Vernetzung.

Fündig geworden ist Schwenzel im Opus von Malcolm Gladwell „David und Goliath – Die Kunst Übermächtige zu bezwingen“. Im sechsten Kapitel geht es um das wohl berühmteste Foto der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, das von dem Associated-Press-Fotografen Bill Hudson am 3. Mai 1963 in der Ku-Klux-Klan-Hochburg Birmingham im Bundesstaat Alabama aufgenommen wurde – im Volksmund auch Bombingham genannt. Das Foto zeigt einen schwarzen Jugendlichen, der von einem Polizeihund angegriffen wird. Für den Vorgesetzten von Hudson, der das Foto über den Ticker in die ganze Welt schickte, verkörpere die Szene einen Jungen, der „sich mit der Ruhe eines Heiligen den gefletschten Zähnen des Schäferhundes auslieferte“.

Veröffentlichungen in der „New York Times“, „Daily News“, „Los Angeles Times“, „Boston Globe“, „Chicago Tribune“, „San Francisco Chronicle“ und „Philadelphia Inquirer“ folgten und veränderten die innenpolitische Gemengelage. „Als Präsident Kennedy das Foto sah, war er entsetzt, Außenminister Dean Rusk war besorgt, es könne ‚uns vor unseren Freunden im Ausland blamieren und unsere Feinde jubeln lassen‘“, schreibt Gladwell. Seit Jahren hatten Martin Luther King und seine Gefährten gegen das Dickicht von rassistischen Gesetzen und Regeln in den Südstaaten angekämpft, ohne den großen durchschlagenden Erfolg zu erzielen. Mit der Aktion in Birmingham wendete sich plötzlich das Blatt. 1964 verabschiedete der US-Kongress den Civil Rights Act – als Geburtsstunde sah man die Aktivitäten in Alabama.

Listenkundige Bürgerrechtsbewegung

Die Szenerie in Birmingham war kein Zufall, sondern Teil eines listigen Plans, den der Kampagnenchef Wyatt Walker konzipierte. Sein Auftrag: Im Zentrum des Rassismus eine Krise heraufbeschwören und den Polizeichef Bull Connor zu Übergriffen gegen die schwarze Bevölkerung bewegen. Den geistige Überbau für Walkers Pläne lieferten altbewährte Überlebensstrategien: Unter den Sklaven der Vereinigten Staaten gab es die Tradition der sogenannten Trickster – trickreiche Helden in Tiergestalt, die mit kühlem Kopf übermächtige Gegner bezwingen. Der berühmteste Trickster ist ein Hase namens Br’er Rabbit. In einer der bekanntesten Geschichten fängt Bruder Fuchs den Bruder Hase mit einer Teerpuppe. Der Hase klebt daran fest und sein Schicksal scheint besiegelt zu sein. Da fleht der Hase: „Du kannst mit mir tun, was du willst, Bruder Fuchs, aber bitte wirf mich nicht in den Dornenstrauch.“ Genau das tut der Fuchs dann und der Hase, der zwischen Dornensträuchern aufgewachsen ist, streift sich an ihnen die Teerpuppe ab und rennt lachend davon.

Symbolträchtige Bilder provozieren

Eine andere bekannte Trickster-Geschichte handelt vom Wettlauf der bescheidenen und eher trägen Schildkröte Terrapin mit dem stolzen Hirsch. Sie versteckt sich an der Ziellinie und verteilt ihre Verwandten in kurzen Abständen entlang der Laufstrecke. Bevor der Hirsch vorbeiläuft, sollen sie sich kurz blicken lassen, damit er meint, die Schildkröte sei ihm immer voraus. Am Ende erklärt sich Terrapin an der Ziellinie zum Sieger. Der Hirsch lässt sich täuschen, da in seinen Augen eine Schildkröte aussieht wie die andere.

Der rassistische Polizeichef von Birmingham wurde Opfer dieser Strategeme. Er konnte nicht zwischen schwarzen Demonstranten und schwarzen Zuschauern unterscheiden. Für ihn waren es ausschließlich „Neger“. „Bull Connor wollte auf jeden Fall verhindern, dass die Nigger vor dem Rathaus aufmarschieren. Ich habe gebetet, dass er versucht, uns aufzuhalten … Wir hätten Birmingham verloren, wenn er uns erlaubt hätte, vor das Rathaus zu ziehen und dort zu predigen. Wenn er uns einfach durchgewinkt hätte, dann hätten wir keine Nachricht gehabt. Es hätte keine Bewegung und keine Öffentlichkeit gegeben“, erinnert sich der listige Baptistenprediger Wyatt Walker. Es waren gar keine Demonstranten, die der Polizeichef mit den Attacken seiner Hundestaffeln in den „Dornenstrauch“ warf, es waren nur Schaulustige. Eine Kombination aus Schildkröten-Gleichnis und Hasen-Metapher produzierte die symbolträchtigen Bilder, die Martin Luther King für den Fortbestand seiner Bewegung benötigte.

Die Schwächen des Stärkeren kennen

Um das zu erreichen, sollte man das Spiel des „Gegners“ kennen und ihn mit seinen eignen Waffen schlagen. Durch Provokation, Witz, Intelligenz und die Anwendung von List. Wie bei der Demontage von Senator McCarthy, der vom TV-Journalisten Edward R. Murrow als kleinbürgerliches, reaktionäres, demagogisches und niederträchtiges Arschloch entlarvt wurde. Ähnliches ist Greenwald/Ohanian in der Debatte mit Hayden/Dershowitz gelungen, wo die NSA-Altvorderen als kümmerliche Idioten der Überwachungsbürokratie rüberkommen, die nicht in der Lage sind, ihre eigenen Daten vor einem externen Mitarbeiter wie Edward Snowden zu schützen.

Die eigentliche Achillesferse des militärischen NSA-Überwachungsapparates sind aber die liebwertesten Gichtlinge in den Silicon-Valley-Konzernen. Selbstverliebte, machtgeile und erfolgshungrige Patrioten ihres Landes, die sich gerne im trauten Gesprächskreis mit US-Präsident Barack Obama ablichten lassen. Kann man ihre Eitelkeiten nicht für Br’er-Rabbit-Aktionen ausnutzen? Ein Obama-Stimmen-Imitator könnte Zuckerberg und Co. in Telefongesprächen an ihre patriotischen Pflichten erinnern und die NSA-Gefolgschaft für den Kampf gegen den Terror einfordern. Wie lustig wäre dann die Veröffentlichung dieser Telefonate, die den wahren Charakter der milliardenschweren Tech-Bubis offenbart, die sich in der Öffentlichkeit so zerknirscht über den Imageverlust ihres Landes äußern, in Wahrheit aber als nützliche Helfer für Spitzelattacken fungieren.

In der Netzbewegung sei das Potenzial für derartige Manöver vorhanden, glaubt Felix Schwenzel. Also weniger Petitionen unterschreiben und mehr Geist für smarte Störaktionen aufwenden.

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