Teil-weise!

von Gunnar Sohn19.05.2014Wirtschaft

Kopieren, verleihen, weitergeben: Im Netz müsste das längst die Regel sein. Doch noch wird die Sharing Economy von mächtigen Interessen verhindert.

Gibt es Grenzen für eine Ökonomie des Teilens? Ja und Nein. Die Voraussetzungen sind heute wesentlich besser, als es sich der Ökonom Martin Lawrence Weitzman in den 1980er-Jahren vorstellen konnte. Er zählt aus gutem Grund mit seinem Werk „The Share Economy: Conquering Stagflation” zu den Ideengebern einer politischen Ökonomie des Teilens. Fernab von sozialutopischen Vorstellungen hat Jeff Jarvis die Möglichkeiten der Share Economy in seinem Buch „Mehr Transparenz wagen!” auf den Punkt gebracht:

bq. Das radikal öffentliche Unternehmen ermutigt seine Angestellten, die Tools der sozialen Netze zu nutzen, direkte und offene Beziehungen mit den Kunden zu unterhalten, indem sie Fragen beantworten, sich Vorschläge anhören und umsetzen, Probleme lösen und Produkte verbessern.

Theoretisch. In der Praxis dominieren die Zuchtmeister des Controllings, die sich mit einer Kultur der Offenheit, des Teilens und der Mitbestimmung nicht anfreunden wollen. Sie verkriechen sich hinter Schutzrechten, Abstimmungsschleifen, Sprachregelungen und einem Dirigentenstab. Selbst jene, die die digitale Transformation in Schaufensterreden und Keynotes predigen, sind in ihrem Alltag alles andere als sozial.

Die alten Regeln funktionieren nicht mehr

Die Managementfraktion bevorzugt exklusive Zirkel, edle Clubräume und Regeln der Verschwiegenheit. Man zählt schließlich zur geistigen Elite. Netzöffentliche Anschlussfähigkeit und Teilbarkeit wird in den Geheimlogen von Wirtschaft und Politik panisch gemieden. Zu schnell könnte sich die dünne Buchstabensuppe als das herausstellen, was sie ist – wichtigtuerisches Gequatsche. Wenn diese autoritären und egozentrischen Organisationsprinzipien auf die anarchischen und unlogischen Strukturen des Internets prallen, lernen die überheblichen Egozentriker sehr schnell, dass die alten Mechanismen und Clubregeln nicht mehr funktionieren. Deshalb wird die Ökonomie des Teilens blockiert.

Die Systeme von Wirtschaft und Politik gleichen mehr einer Gruppe von Inseln, die durch das Meer von Inkompatibilität, unterschiedlicher Formate und Medienbrüche gekennzeichnet ist, bemerkt der Publizist Tim Cole. Man gießt kräftig analogen Wein in die digitalen Schläuche, um einen Rest von Kontrolle zu bewahren – scheitern dann diese Geschäftsmodelle mit Käfighaltung, liegt es an der digitalen Sphäre, nicht an den Hohepriestern der Abschottung: Etwa bei E-Books, die nicht weitergegeben werden dürfen und irgendwann verschwinden, falls der Rechteinhaber es so beschließt. Verleihen geht auch nicht. Wer gibt denn freiwillig seine Accountdaten mit den vielen Sonderzeichen in den Passwörtern weiter? Einfach den Anbieter wechseln? Sofort erscheint eine Warnmeldung: „Bitte beachten Sie, dass Sie bei DRM-geschützten Titeln nicht nur die ACSM-Ticketdatei laden, sondern diese auch via Adobe-ID lizenzieren und aktivieren müssen“.

Dabei ist das Kopistentum der Katalysator für wirtschaftliche und kulturelle Prosperität: Viele Erzähler, Maler, Musiker der Moderne sind nicht Erfinder, sondern Finder. Und das gilt nicht erst für die Moderne. Shakespeare etwa war so ein Ausplünderer, sein „Hamlet“ wäre heute vor einem Plagiatsprozess nicht sicher. Der große österreichische Volksdramatiker Johann Nepomuk Nestroy hat keines seiner über 80 Stücke selber erfunden – es sind meist Bearbeitungen französischer Possen, deren Plot er ungeniert übernahm.

Wer nicht teilt, steht mit leeren Händen da

Auch der Autor Walter Kempowski war ein Sammler, ein Kompilator, ein Zusammenträger von Fundstücken und hat daraus nie ein Hehl gemacht. Im Gegenteil. Er hat über seine Methode stets bereitwillig Auskunft gegeben, hat seine Interview-Collagen mit den TV-Film-Collagen seines Freundes und Filmregisseurs Eberhard Fechner verglichen: Aufzeichnungskünste einer neuen Volkskunde. Folgerichtig ist Kempowski von der Literaturkritik etwas abschätzig als „Zettelkasten-Literat“, eifriger Jäger und Sammler, Museumsdirektor einer literarischen Ausstellung tituliert worden. Doch nur mit dieser Arbeitsmethodik konnte das kollektive Tagebuchprojekt „Echolot“ entstehen. Der Literaturkritiker Jörg Drews stellte zu Recht fest, Kempowski erfülle das Vermächtnis Walter Benjamins, der sich seine Pariser Passagen als pure Montage von Zitaten gedacht hatte, die so sprechend zu arrangieren seien, dass der Kommentar des Autors überflüssig werde.

Auch in der Wirtschaft sind die Kopisten, Kombinierer, Plagiatoren und Imitatoren eine unverzichtbare Quelle des Fortschritts und Wohlstandes. Die Wirtschaft lebt vom Kopistentum. Patentrecht und Copyright werden häufig als Waffe gegen Konkurrenten missbraucht.
In der Ökonomie gibt es eindeutige Befunde, wie rückständige Volkswirtschaften mit dem Abkupfern existierender Technologien ihr Wachstum befeuern: Aufholen durch Nachahmen. Japan und Korea haben diese Strategie nach dem Zweiten Weltkrieg enorm genutzt. Häufig spielt der Zufall eine Rolle: Bei einem flüchtigen Besuch in amerikanischen Supermärkten sahen japanische Autofirmenvorstände, wie dort die Ware automatisch nachgefüllt wurde. Das war die Geburt der Just-in-time-Produktion.

Besonders die deutsche Industrie, die sich heute mit Leistungsschutzgesetzen gegen die digitale Welt abgrenzt, konnte ihre Rückständigkeit Ende des 19. Jahrhunderts nur durch kluge Imitation kompensieren. „Wenn man sich anschaut, welch unfassbar wichtige Wirkung Generika in der Medizin haben, etwa bei der Therapie von Aidspatienten, umso skandalöser ist es, wenn Menschen mit Patenten der Zugang zur Heilung verweigert wird“, kritisiert Dirk von Gehlen, Autor des Buches „Lob der Kopie“.

Die Grenzwächter der Share Economy schwächen die Entfaltungsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft. Wer nicht teilt, steht am Ende mit leeren Händen da.

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