Neue Netzwerke in alten Kabeln

Gunnar Sohn22.01.2014Wirtschaft

Kann das Internet die hierarchischen Endlos-Schleifen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems beenden?

Meine Überlegungen zur Netzwerk-Ökonomie und der Durchbrechung von hierarchischen Organisationsformen finden im Social Web ein geteiltes Echo: „Praxisfernes Geschwurbel!“, heißt es in einer Tweet-Replik von Dagmar D.

Ohne Netzwerke könnten Hierarchien gar nicht entstehen, bemerkt Sascha Stoltenow auf Google Plus und verlinkt dabei auf einen Wikipedia-Eintrag zur Systemtheorie, der mir in meiner Argumentation dann doch ein wenig Entlastung verschafft, “wahrscheinlich unbeabsichtigt”:https://plus.google.com/u/0/+GunnarSohn/posts/YzZdV7i8eTt: „Konkretisiert auf den (zumeist) wirtschaftlichen Bereich bedeutet der systemtheoretische Ansatz eine Abkehr von herkömmlichen, hierarchisch-dirigistisch gesetzten Organisationsstrukturen und eine Hinwendung zu Kooperation und Koordination in Netzwerken in Wirtschaft und Gesellschaft.“

Große Unternehmen sind keine Netzwerk-Künstler

Puh. Glück gehabt. Besser hätte ich es wohl nicht ausdrücken können. Vielleicht sollte ich lieber von liquiden oder durchlässigen Netzwerken sprechen, um die strukturellen Vorgaben zu unterlaufen, wer wem in der Organisation unterstellt ist. Staat und Wirtschaft könnten sich auch damit auseinandersetzen, wie man den Zugriff auf externe Netzwerkleistungen verbessern kann, die sich den hierarchischen Ordnungsprinzipien entziehen. „Netzwerke halten eine Komplexität möglicher Beziehungen parat, die von der Spitze eines Unternehmens weder überschaut noch sinnvoll sortiert werden können.

Das kann man nur den einzelnen Abteilungen und den Stellen der eigenen Organisation überlassen“, schreibt der Soziologe Dirk Baecker in seinem lesenswerten Opus „Postheroisches Management“. Deswegen seien große Unternehmen, wenn sie nicht eine hochgradige Autonomie ihrer Abteilungen und Stellen zulassen, alles andere als Netzwerk-Künstler: „Sie geben die Definitionsmacht dessen, was von wem warum zu tun ist, nicht aus den Händen.“ Hier liege der Vorteil von kleinen und mittelständischen Unternehmen, die auf Nachbarn, Partner, Informanten und Berater nicht nur angewiesen sind, sondern sie überhaupt erst ins Leben rufen. Genau das meint wohl auch der kanadische Management-Professor und Buchautor “Don Tapscott im Interview mit der „FAZ“”:http://ichsagmal.com/2014/01/20/vernetzung-statt-hierarchien-ob-sich-das-in-deutschland-durchsetzt: „Der Metabolismus der Arbeit erlangt ein höheres Niveau, wenn Sie den Rest der Welt beteiligen.“

Vernetzte Kunden erschüttern die Märkte

Der Wissensaustausch über virtuelle Plattformen befördert zumindest eine Kultur des Teilens und beflügelt das kollaborative Arbeiten – ein Vorteil für dezentrale Organisationsmodelle. Nachvollziehbar dürfte auch die Analyse des Smarter-Service-Bloggers Bernhard Steimel in seiner Studie über die Digitale Transformation sein: „Das wirklich neue Phänomen ist die exponentiell wachsende Vernetzung der Kunden und die Erschütterung bestehender Marktstrukturen durch Internetfirmen, die bestehende Geschäftsmodelle angreifen und ganze Wertschöpfungsketten verändern.“

Damit gerät die Hierarchie innerhalb der Unternehmensorganisation kräftig ins Wanken. „Je stärker wir in das digitale Zeitalter kommen, umso deutlicher werden Unternehmen erkennen, dass Kommunikationsverantwortung dezentralisiert werden muss“, meint Steimel.

Über kafkaeske Superbehörden und Endlos-Schleifen

Noch gravierender sind die Herausforderungen durch Innovatoren wie NEST, die an der Erfahrungswelt des vernetzten Kunden ansetzen und mit ihren Produkten etablierte Geschäftsmodelle pulverisieren: „Denn Nest schafft mit seinen Thermostaten und Brandschutzmeldern vernetzte Services statt komplizierte Geräte mit Netzanschluss“, bemerkt der “Smarter-Service-Blogger”:http://www.smarter-service.com/2014/01/17/internet-der-dinge-komplex-schlaegt-kompliziert/.

Mit einem „V O R G A N G S V E R F O L G U N G S S Y S T E M“ im Stil einer bürokratischen und kafkaesken Superbehörde wird es den liebwertesten Ingenieurs-Gichtlingen in Deutschland wohl nicht gelingen, aus den hierarchischen Endlos-Schleifen auszubrechen. Da sind die Tech-Giganten in den USA und in Südkorea schneller. Bei Bloggercamp.tv vertiefen wir die Debatte über Netzwerke unter der Überschrift: „Wenn Unternehmen in der Cloud verschwinden“.

Vielleicht sollten wir – also Pia Kleine Wieskamp, Thorsten Ising, Hannes Schleeh und meine Wenigkeit – die Netzwerk-Disputation als Session-Thema für die republica im Mai vorschlagen. Bis zum Ende des Monats muss ich nämlich noch ein “CALL FOR PAPERS einreichen”:http://re-publica.de/call-papers. Wäre das interessant?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Winfried Kretschmann - Wir müssen die Disruption des öffentlichen Raums verhindern

Wie kann es uns gelingen, die fragmentierte Öffentlichkeit wieder zusammen zu führen? Wie können wir Brücken zwischen der ganzen Fülle unterschiedlichster Gruppen bauen? Müssen wir vielleicht den Ort erst schaffen, an dem ein gemeinsamer Diskurs wieder möglich wird?

Rentner zahlen sechsmal so viel Steuern wie Erben

Rentnerinnen und Rentner, die in diesem Jahr in Rente gehen, zahlen bis zu fünfmal mehr Steuern, als Rentnerinnen und Rentner, die 2010 in Rente gegangen sind. Und das bei gleicher Rentenhöhe, die seitdem real an Kaufkraft verloren hat. Dass die Finanzämter selbst bei einer Bruttorente von 1200 E

Mobile Sliding Menu