Technokraten aufgepasst

von Gunnar Sohn13.11.2013Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Alle Prognosen und Wirtschaftsmodelle können in die Tonne. Denn das Internet verändert unsere Wirtschaft tiefgreifender als bislang angenommen.

Ob man nun als Social-Web-Nerd in einer Filterblase gefangen ist oder nicht, ob man das als konstruierte Wirklichkeit bezeichnet oder nicht, ob man seinen Edgerank auf Facebook kennt (der ist mir übrigens so etwas von wurscht – “auch die Frage, ob er tot ist oder nicht”:www.thomashutter.com/index.php/2013/08/facebook-widerspruch-der-edge-rank-ist-doch-nicht-tot/): “Christine Dingler hat einen wichtigen Punkt in ihrem Blogpost aufgeworfen”:http://www.punktefrau.de/blog/2013/11/09/problem-mit-filterblase/: „Ich für meinen Teil bin an einem Punkt angekommen, an dem ich mir weniger Gedanken um Facebook-Ads, Twitter-Accounts, Google+-Communities und andere Plattformen machen möchte, sondern mehr um die Mechanismen hinter dem, was wir als Social Web bezeichnen. Wie verändert der digitale Wandel das Unternehmen, das Produkt und die Abteilungen? Wie werden wir zukünftig Wissen managen, uns weiterbilden und zusammenarbeiten? Was im Grunde auch viel spannender ist, da Plattformen kommen und gehen, die Mechanismen aber bleiben.“

Digitalisierung verändert die Ökonomie im Ganzen

Voll ins Schwarz getroffen. Man darf sich nicht nur mit den Werkzeugen beschäftigen, sondern muss die Veränderungen im Blick haben, die sich aus der Logik des Netzes ableiten. “Christoph Kappes hat sich dazu einige kluge Gedanken gemacht.”:http://www.christophkappes.de/okonomie-des-internets-2/ Wirtschaft, die im Internet stattfindet, kann kaum mehr sinnvoll abgegrenzt werden von solcher, die nicht im Internet stattfindet. Digitalisierung der Landwirtschaft, Robotereinsatz in der Altenpflege, Online-Marktplätze für Handwerker sind nur einige Phänomene, die auch traditionelle Branchen auf den Kopf stellen.

Inwiefern wird also die Ökonomie im Ganzen verändert? Diese Frage ist wichtiger als das Geschnatter über Plattformen, Analysetools oder neue Internet-Spielzeuge. Die Kultur des Teilens im Social Web und die Transformation zu einer Ökonomie des Gebens und Nehmens werden vor allem aus machtpolitischen Motiven blockiert. Schließlich gehört Abrichtung und Dressur zu den Grundtugenden des alten Industriekapitalismus, der nach wie vor unsere Volkswirtschaft prägt.

Zugang statt Machtkonzentration

„Aus dem Industriekapitalismus haben wir bis heute einen starren Arbeitstag übernommen, dessen dreimal acht Stunden – Schlaf, Arbeit, Freizeit zur Erholung für die Arbeit – bis heute als normal, manchen sogar als ,natürlich‘ gelten“, schreibt Wolf Lotter in seinem neuen Buch „Zivilkapitalismus“. Die alten Machtinstitutionen lassen ihren Kunden und Käufern nie die Wahl, sondern stellen sie stets vor vollendete Tatsachen. Die Zivilgesellschaft, so Lotter, beruht aber auf Entscheidungs- und Handlungsfreiheit. Abhängigkeit sei kein Geschäftsmodell mehr. Wird heute die Vision der Beat- und 68er-Bewegung Wirklichkeit, aus den kollektivistischen, gleichförmigen und normierten Strukturen ausbrechen zu können, wie es Stewart Brand in seinem berühmten „Whole Earth Catalogue“ demonstrierte?

Die Waffe gegen Machtkonzentration heiße Zugang. Zugang zu Wissen, Technologie, zu nützlichen Ideen, die unabhängig machen. „Wer bessere Produkte will, bessere Unternehmen, bessere Arbeitsbedingungen, der kann das nicht an die Politik delegieren, wie es heute geschieht“, erklärt Lotter.

Das ständige Wegdelegieren führe zwangsläufig zu Machtmissbrauch. Die Zugangsökonomie ist für den „brandeins“-Autor die Grundlage für Zivilkapitalismus. „Fast alle Bemühungen und Produkte im Netz haben zugangsökonomischen Charakter. Der Mensch soll sich ausdrücken, kommunizieren, auf Wissen, das vorher verschlossen war, zugreifen können. Social Networks und Suchmaschinen, Blogs und Wikipedia folgen alle diesem Muster.“

Computerexperte müsse man nicht mehr sein, um mit seinem Tablet bei Amazon einzukaufen oder über sein Hobby zu twittern. Damit sei der Computer tatsächlich zur Universalmaschine geworden und das Internet drückt die Vielfalt der Menschen aus, die es gestalten und mit Inhalten füllen.

Niedergang des Manager-Kapitalismus

Die Voraussetzungen zur Schaffung einer neuen Ökonomie der Beteiligung mit den Mitteln der Digitalisierung waren noch nie so gut wie heute. Schließlich erleben wir den Niedergang eines Manager-Kapitalismus, der auf den Prinzipien „Head down and deliver“ beruhen: Schnauze halten und abliefern, was verlangt wird. Führungskräfte definieren sich selbst gerne als Agenten des Wandels. „In Wahrheit sind sie meist das Gegenteil, nämlich Advokaten des betriebswirtschaftlich optimierten Status quo. Sie sind ökonomische Fossilien einer Zeit vor der Krise. Innovativ sind die Technokraten-Manager nur bei der Gestaltung ihrer PowerPoint-Folien“, kritisiert Benedikt Herles in seinem Opus „Die kaputte Elite: Ein Schadensbericht aus unseren Chefetagen“.

Sie simulieren naturwissenschaftliche Exaktheit mit pseudo-wissenschaftlichen Werkzeugen aus einer hohlen Management-Ausbildung und versagen schon bei der Unterscheidung von Kausalitäten und Korrelationen – in der modernen Form nennt sich das „Big Data“. Es ist eine ökonomische Elite mit Schmalspur-Wissen ohne ethischen Kompass. Das theoretische Fundament habe substanziell versagt und sei moralisch verrottet, urteilt der ehemalige Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger: „Ideologisch gesehen sind die großen Business Schools doch fast alle lebendige Leichen.“

Mythos der Berechenbarkeit

Schicken wir diese Excel-Tool-Optimierungs-Athleten in den vorzeitigen Ruhestand. Das gilt auch für die liebwertesten Modell-Gichtlinge der Wirtschaftswissenschaft, deren mathematische Prognosemodelle komplett versagten. Ein ähnliches Debakel werden die Big-Data-Algorithmen-Märchenerzähler mit ihrem mechanistischen Menschenbild erleben.

Hier könnte die Netzgemeinde einen Schulterschluss mit dem Netzwerk Plurale Ökonomik wagen, um sich vom technokratischen Dogmatismus der Berechenbarkeit des Menschen zu verabschieden. Ihre drei Grundforderungen lauten: „Theorienvielfalt statt geistiger Monokultur“; „Methodenvielfalt statt angewandter Mathematik“ und „Selbstreflexion statt unhinterfragter, normativer Annahmen“.

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