Gefangen im Altland

von Gunnar Sohn16.10.2013Innenpolitik

Wenn PolitikflĂŒsterer das Internet unterschĂ€tzen. Eine Analyse.

Der Wissenschaftler und CDU-Politiker Stephan Eisel bezeichnet sich als kritischen Rationalisten im Geiste von Karl Popper und legt dementsprechend strenge Kriterien an, wenn ein Themengebiet wie „Internet und Demokratie“ erforscht wird. Alles mĂŒsse quellenkritisch hinterfragt werden, so Eisel in seinem Socialbar-Vortrag im Bonner Wissenschaftsladen. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete und frĂŒhere Redenschreiber von Helmut Kohl zĂ€hlt sicherlich nicht zur netzpolitischen Avantgarde seiner Partei – als wichtigen Stichwortgeber im schwarzen Lager sollte man ihn schon ernst nehmen. Er bietet sozusagen den ideologischen Überbau fĂŒr die Neuland-Thesen seiner Kanzlerin. Alles, was mit dem Internet zu tun habe, mĂŒsse doch nĂŒchterner und realistischer betrachtet werden, “so Eisel”:http://internetunddemokratie.wordpress.com/2013/10/09/das-buch-internet-und-demokratie/.

So bewege sich der Zugang zum Internet seit Jahren in einer GrĂ¶ĂŸenordnung von 75 bis 80 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ĂŒber 14 Jahren und verĂ€ndere sich nicht. Der neue “(N)ONLINER-Atlas der Initiative D21”:http://www.initiatived21.de/portfolio/nonliner-atlas/ und die ARD-ZDF-Onlinestudie wĂŒrden diese Stagnation bestĂ€tigen.

Gottgegeben und alternativlos ist dieser Status quo mitnichten. Deutschland dĂŒmpelt wie beim Breitbandausbau und der Etablierung eines schnellen Internets im Mittelfeld herum. Die Online-Durchdringung der 27 EU-Staaten liegt bei 76 Prozent. Spitzenreiter sind die skandinavischen LĂ€nder und die Niederlande, in denen ĂŒber 90 Prozent der BĂŒrgerinnen und BĂŒrger online sind. Was können die, was wir nicht können, Herr Eisel?

Ein Land von passiven TV-Couch-Potatoes?

Wenn es um die Digitalisierung von Bildung, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik geht, sind wir schlechtes Mittelmaß. Vielleicht sollten die selbsternannten PolitikflĂŒsterer hier eine Ursache fĂŒr die mangelhafte Ausbreitung sowie Nutzung des Internets suchen und von der Bundesregierung endlich eine netzpolitische Agenda einfordern, die diesen Namen auch verdient. Stattdessen verweist Eisel auf die PopularitĂ€t des Fernsehens als reines Konsummedium und sieht hier mögliche Ursachen fĂŒr Netzaversionen. Der Deutsche an sich zĂ€hlt also wohl mehrheitlich zur Gruppe der passiven Couch-Potato-Klientel, die sich lieber berieseln lĂ€sst, als im Internet selbst die Initiative zu ĂŒbernehmen.

Wenn man die Glotze einschaltet und nichts tut, dann tut sich eben nichts – da können sich die politischen Meinungsmacher des Establishments wieder gemĂŒtlich zurĂŒcklehnen und sich an Polit-Talkshows ergötzen, in denen wie bei einer Karussellfahrt immer wieder dieselben FunktionĂ€rsnasen der guten, alten Zeit auftauchen.

Netzaktivisten können kein Schwein schlachten

Zudem sollten die hochnĂ€sigen Netzaktivisten zur Kenntnis nehmen, dass es eine digitale Spaltung in der Gesellschaft gibt, die uns allen etwas fremd vorkommt. CDU-Mann Eisel sieht die Spaltung in der Internet-Nutzung am Arbeitsplatz. Das sei vielen Menschen aufgrund ihrer beruflichen Situation verwehrt: „Es gibt im Internet keine Chancengleichheit zwischen denen, die den stĂ€ndigen Zugang haben und denjenigen, die den Zugang nur in ihrer Freizeit haben. Es macht einen Unterschied, ob ich Busfahrer oder Krankenpflegerin oder ob ich Kommunikationsleiter bin. Auch das wird viel zu wenig diskutiert – vielleicht auch deswegen, weil ĂŒbers Internet vor allem in akademischen Zirkeln diskutiert wird. Und akademische Zirkel sind sich wenig bewusst, dass sie in der Minderheit sind.“ Auf die Netzkompetenz sollte man sich allerdings wenig einbilden, denn in vielen Berufen seien auch Akademiker Analphabeten, meint Eisel: „Wenn wir ein Schwein schlachten und Wurst herstellen mĂŒssten, wĂŒrden wir schnell an die Grenzen unserer Kompetenz stoßen.“

In der Tat, liebwertester Internet-ErklĂ€r-Gichtling Eisel. Jeder Experte ist auch ein Idiot und Laie fernab seiner Expertise. Nur sind die Metzgermeister wesentlich weiter, als es Politikwissenschaftler vermuten. So kommen beim Fleischverkauf intelligente Waagen zum Einsatz, die mit Warenwirtschafts-, ERP- oder SAP-Systemen verbunden sind – bis hin zur Kopplung an die Preisfindung. Mit der von “Philipp MatthĂ€us Hahn im 18. Jahrhundert erfundenen „Wand-Neigungswaage“”:http://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Matth%C3%A4us_Hahn hat das nichts mehr zu tun. Die Metzger-Maschinen sind wiegende und druckende Internet-Terminals.

Auch KĂŒhe und Schweine sind in der Computerwolke

Und selbst Traktoren, Milchvieh und Schweine halten sich schon lĂ€ngst im Netz auf. So etwas nennt sich PrĂ€zisionslandwirtschaft – neudeutsch auch Precision Farming genannt. „Beim Ackerbau wird nicht mehr konstant gedĂŒngt, sondern nur noch punktuell nach dem Bedarf der Pflanzen“, erlĂ€utert Antje Krieger, Marketing-Managerin von Agri Con in einer Bloggercamp.tv-GesprĂ€chsrunde.

So kann ĂŒber Bodenanalysen der Stickstoff-Bedarf genau ermittelt werden. Die Traktoren ziehen ĂŒber GPS automatisch ihre Bahnen, ohne dass der Fahrer lenken muss. Die Vermessung des Feldes liegt in der Computerwolke.

Die tĂ€gliche Nutzung des Internets am Arbeitsplatz skizzierte auch Gerald Maatmann, Jungbauer in der Grafschaft Bentheim. FrĂŒher wollte er seine 80 KĂŒhe ĂŒber Excel verwalten. „Eine Kuh produziert Daten und die möchtest du natĂŒrlich sofort eingeben. Da musste ich stĂ€ndig zum Rechner rennen. Das klappt einfach nicht.“ Jetzt setzt er das Programm von der QSX-Datenschmiede ein. „Unser Lehrling hat die Anwendung auf seinem Smartphone und auch mein Vater. Es lĂ€uft auf dem Stallrechner. Man muss keine Updates installieren – einfach anmelden und alles ist da.“

Bei einer TrĂ€chtigkeitsuntersuchung seiner KĂŒhe ist das Smartphone mal in den GĂŒlle-Schacht gefallen. „20 KĂŒhe hatten wir mit dem Tierarzt schon durch. Im vernetzten Stall gehen die Daten direkt nach der Eingabe in die Cloud. Das GerĂ€t war hinĂŒber, aber meine Daten nicht“, sagt Maatmann. Man könnte noch weitere Anwendungsfelder anfĂŒhren, die belegen, wie viele Berufsgruppen außerhalb des akademischen Milieus Zugang zum Internet haben und ohne Netzintelligenz gar nicht mehr auskommen können und wollen.

Eisel sollte sich die Statistik genauer ansehen

Schaut man sich die von Eisel zitierten Studien etwas genauer an, sieht man auch dort die Dynamik der digitalen Transformation fĂŒr Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich quer durch alle Bevölkerungsgruppen vollzieht. So geht der Internet-Zuwachs in Deutschland vor allem von den ĂŒber 60-JĂ€hrigen aus, von denen inzwischen 43 Prozent im Netz aktiv sind. 169 Minuten sind die Onliner tĂ€glich im Netz – eine Steigerung gegenĂŒber dem Vorjahr um 36 Minuten. Das liegt vor allem am Siegeszug von Smartphones und Tablets.

Aber, sagt jetzt wiederum Stephan Eisel, der AktivitĂ€tsgrad im Internet sei doch viel geringer als viele Internet-Aktivisten tatsĂ€chlich wahrnehmen wollen. Er erwĂ€hnt die Zahl der regelmĂ€ĂŸigen Nutzer von Facebook, die man auf rund 26 Millionen schĂ€tzt. Zur regelmĂ€ĂŸigen Nutzergruppe werden auch jene gezĂ€hlt, die sich nur ein einziges Mal im Monat einloggen. Das habe mit AktivitĂ€t wenig zu tun, so Eisel.

Er sollte sich die Statistik noch einmal etwas genauer anschauen, denn von den registrierten Nutzern sind 19 Millionen jeden Tag auf Facebook unterwegs – also knapp ein Viertel der deutschen Bevölkerung und nicht die vom frĂŒheren Kohl-Ghostwriter angefĂŒhrten drei bis vier Prozent.
Ja aber, erwidert dann Meister Eisel, Like-Klicks könne man doch nicht mit einem fundierten Diskurs verwechseln, der in einer Demokratie so wichtig sei.

Er könnte noch auf die von Jakob Nielsen vor sieben Jahren aufgestellte 90-9-1-Regel fĂŒr Online-Communities verweisen. Demnach konsumieren 90 Prozent die Informationen eher passiv, neun Prozent tragen gelegentlich etwas mit BeitrĂ€gen bei und nur ein Prozent sind wirklich aktiv bei der Erstellung von Inhalten. Aber auch diese These aus den FrĂŒhzeiten des Social Webs hat sich erledigt. Nach Analysen von BBC ist die Nielsen-Verteilung nicht mehr zu halten, da sich heute bereits mindestens 17 Prozent der Menschen intensiv im Social Web beteiligen. 60 Prozent sind aktiv beim Hochladen von Fotos, beim Start von Diskussionen oder bei der GrĂŒndung von Initiativen, da das technische RĂŒstzeug fĂŒr die Beteiligung im Social Web immer komfortabler und einfacher in der Handhabung wird.

eGovernment oder das Reich der digitalen Untoten

Es gibt allerdings immer noch ein „Ungleichgewicht der Partizipation“ zwischen den Möglichkeiten, die das Social Web bietet und den Beteiligungsangeboten von Politik, Staat und Wirtschaft. Technologisch komfortabel gelöst ist beispielsweise “das Portal FragdenStaat.de”:https://fragdenstaat.de. Das Begehren nach Information und Partizipation wird allerdings von den Behörden mit einer perfiden Kunst des Abwimmelns zunichte gemacht. So hat das Informationsfreiheitsgesetz 13 Paragrafen und fast die HĂ€lfte des Regelwerkes kann eingesetzt werden, um Anfragen wieder loszuwerden.

Wenn Partizipationsprojekte der öffentlichen Hand ins Leere gehen, wie beim „Liquid-Friesland-Projekt“, an dem sich innerhalb eines Jahres nur 60 BĂŒrger beteiligt haben bei einer Landkreis-Einwohnerzahl von 100.000, liegt es vielleicht nicht in erster Linie an der mangelhaften Beteiligungsbereitschaft der Bevölkerung, sondern an der schlechten Umsetzung dieser Initiativen.

Eisel kann sich mal das VergnĂŒgen machen, den eGovernment-Aktionismus der Bundesregierung etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Stichwort BundOnline. Das sind Internet-Mumien, die das Dasein von Untoten fristen. Kaum ein Projekt hat die erhoffte Nutzerfrequenz erreicht. Das Kabinett-Ärzteteam hat bei seinen Online-Initiativen etwas Wesentliches vergessen: Wo krankt der Patient und welche Therapie ist sinnvoll? Wer braucht die Internetdienstleistungen des Bundes, was muss getan werden, damit sie auch genutzt werden und wie können Doppelentwicklungen vermieden werden? Ohne Anamnese gibt es keine erfolgreiche Medikation.

Die verstorbenen Patienten des BundOnline-Projektes wurden in aller Stille zu Grabe getragen und die Todesursache lautet in allen FĂ€llen „Àrztliches Versagen“. Man braucht sich nur das Verteidigungsministerium anzuschauen. Die schreiben seit Jahren lieber wöchentlich lange Berichte, warum sie etwas nicht können, statt es einfach zu tun. Das PhĂ€nomen der mangelhaften Beteiligung liegt wohl eher an der digitalen Inkompetenz von Verwaltungen und Regierungen. Oder an einer Blockadepolitik, um sich nicht in die Karten schauen zu lassen.

Wenn also Internet-„Experten“ wie Eisel davor warnen, die eigene Lebenshaltung nicht auf andere zu projizieren, sollten sie doch bei ihren Analysen damit anfangen. Das gilt ĂŒbrigens auch fĂŒr Netzaktivisten, die an der LebensrealitĂ€t vieler Menschen vorbei agieren – allerdings an der digitalen LebensrealitĂ€t von Menschen wie Jungbauer Maatmann.

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