Ruhig Blut

von Gunnar Sohn28.08.2013Innenpolitik

Das Credo der Kanzlerin lautet: Nicht-Handeln, Noch-nicht-Handeln, Später-Handeln. Sie folgt damit Holm Friebe. Dieser plädiert für eine Kultur des Abwartens – so lange wie irgend möglich.

Die Spin-Doktoren und Wahlkampfmanager der SPD sollten sich bis zum 22. September noch schleunigst das neue Opus des Publizisten Holm Friebe besorgen und intensiv studieren. Auch Blogger wie Richard Gutjahr könnten einen Blick in das Werk des Geschäftsführers der Zentralen Intelligenz Agentur werfen und aufhören, über die kategorische Langeweile des politischen Wettstreits um den Einzug ins Kanzleramt “zu lamentieren”:http://gutjahr.biz/2013/08/wahlkampf-im-netz.

„Asymmetrische Demobilisierung“

Dahinter steckt ein Konzept, ein durchdachter Schachzug, eine Strategie: „Die Stein-Strategie – Von der Kunst, nicht zu handeln“. Steinbrück und Co. müssten doch so langsam kapiert haben, wie das vonstatten geht, denn es wiederholt sich das Szenario von 2009. Angie Merkel meidet jegliche Auseinandersetzung. Adressat dieser Einschläferungstaktik ist nicht das schwarze, sondern das rote Lager. Dieser Wählerklientel will man keinen Anlass geben, sich von einer Anti-Merkel-Stimmung an die Urne treiben zu lassen. „Asymmetrische Demobilisierung“ nennen das die Demoskopen der Forschungsgruppe Wahlen. Merkels Dramaturgie folgt dem nüchternen und pragmatischen Habitus des legendären „Was bin ich?”-Moderators Robert Lembke, der die Aura eines Fernsehbeamten hatte.

Das Credo der Kanzlerin lautet: Nicht-Handeln, Noch-nicht-Handeln, Später-Handeln. Der SPD-Spitzenkandidat versucht sich zwar abzugrenzen und als Macher zu profilieren. Er findet allerdings keinen Widerhaken bei seiner Gegnerin. Fast wortgleich übernahm der SPD-Herausforderer Peer Steinbrück die Leitplanken von Merkel in sein Wahlkampf-Repertoire und warf der CDU-Politikerin vor: „Sie sind, Frau Bundeskanzlerin, eine Last-Minute-Kanzlerin. Sie haben eine Neigung zum Nicht-Handeln, Noch-nicht-Handeln, Später-Handeln.“

Pragmatismus statt Macher-Attitüde

Dabei haben Steinbrück und seine SPD-Spin-Doktoren nach Ansicht von Friebe verkannt, dass eine solche Attacke Merkel gar nichts anhaben kann, weil Steinbrück damit genau eine ihrer subtilen Stärken zu stigmatisieren versucht.

„Während Steinbrück auf das etwas angestaubte Bild des Politikers als zupackendem Haudrauf mit feurigem Reformeifer referenziert und sich selbst als solcher in Pose setzt, bestätigt Merkel, was Frank Parnoy in Wait über die Prokrastinations-Neigung von Spitzensportlern, medizinischen Koryphäen oder auch Investment-Genies herausgefunden hat: ‚Top-Profis versuchen, genau zu verstehen, wie viel Zeit sie für eine Entscheidung zur Verfügung haben, um dann innerhalb dieses Zeitrahmens so lange zu warten wie irgend möglich’“, schreibt Friebe.

Da Politik sowieso ein zähes, langwieriges und zeitraubendes Überzeugungsgeschäft ist und aus dem Bohren dicker Bretter besteht (Max Weber), fehlt es den hemdsärmeligen Sprücheklopfern in Macher-Pose häufig an Glaubwürdigkeit. Etwas weniger auf die Sahne hauen, etwas realpolitischer argumentieren und auf die Schwierigkeiten der Umsetzung verweisen. Patentrezept-Rhetorik hat eine zu kurze Halbwertzeit – auch das durchschauen die Wählerinnen und Wähler. Deshalb muss ich mir allerdings keine Wahlkampf-Rede von Merkel antun.

Spaghetti Arrabiata statt Merkel

In Bonn machte ich mit meiner Frau einen großen Bogen um die CDU-Großveranstaltung auf dem Marktplatz und genoss bei einem guten Italiener eine würzige Portion Spaghetti Arrabiata – ein echter Wachmacher. Auch das Holm Friebe-Buch ist nicht einschläfernd. Im Gegenteil. Er wagt sich gekonnt an ein Genre, das sich im 17. und 18. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute: “Der Klugheitslehre”:http://ichsagmal.com/2011/04/26/uber-die-unmoglichkeit-in-der-netzoffentlichkeit-authentisch-zu-sein. In Deutschland ist in erster Linie das von Schopenhauer ins Deutsche übersetzte „Handorakel” des Jesuiten Baltasar Gracián bekannt.

Bertholt Brecht hat die Empfehlungen des spanischen Intellektuellen ausgiebig rezipiert. Walter Benjamin hatte das 1931 im Insel-Verlag herausgegebene Exemplar seinem Freund geschenkt und mit einem Vers aus dem Lied „Von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ aus der Dreigroschenoper als Widmung versehen: „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug“. Brecht versieht 26 der 300 Verhaltensregeln mit An- und Unterstreichungen. Nachzulesen im Brecht-Jahrbuch 23 (1997/98).

Mit sicherem Griff fand Brecht Texte, die er gebrauchen, bearbeiten, verwerten konnte. „Er hatte bekanntlich keine Scheu, sich die Lektüreerfahrung anderer nutzbar zu machen. Auf diese Weise akkumulierte er eine erstaunliche Menge Lesestoff“, so Helmuth Lethen und Erdmut Wizisla. Eine Eintragung offenbart die Lust des Dramaturgen, sich kommentierend mit Graciáns Handlungsanweisungen auseinanderzusetzen: an den Rand der Regel „Nicht mit übermäßigen Erwartungen auftreten“ notiert Brecht in der Höhe der Zeile: „Viel besser ist es immer, wenn die Wirklichkeit die Erwartung übersteigt und mehr ist, als man gedacht hatte.“ Eine Weisheit, die auch der Antipode von Angela Merkel im Wahlkampf beherzigen sollte. Genauso wie das Plädoyer von Holm Friebe für eine Kultur des klugen Abwartens. Apple-Gründer Steve Jobs war davon beseelt: „I am going to wait for the next big thing.“

Pro-aktiver Aktionismus

„Keine vollmundigen Zielverkündigungen, kein wolkiges Wunschdenken, vielmehr Ausdruck von gut abgehangener Klugheit und Demut vor der Zukunft“, führt Friebe aus. Dazu passe, dass Steve Jobs sich seit seiner Collegezeit mit fernöstlicher Spiritualität befasste und vom Zen-Buddhismus inspirieren ließ. Auf der Suche nach einem philosophischen Überbau für die Stein-Strategie werde man am ehesten dort fündig: in den fernöstlichen Lehren und den geharkten Steingärten des Zen, deren Ästhetik vor über tausend Jahren von chinesischen Mönchen nach Japan importiert wurde: „Die Grundprinzipien ‚Kanso’ (Schlichtheit), ‚Shizen’ (Natürlichkeit) und ‚Shibumi’ (Eleganz) kennzeichnen nicht nur die Designsprache von Apple, sondern lassen sich als ethische Maximen im Sinne der Stein-Strategie auf das ganze Leben übertragen“, so das Credo von Friebe.

Dieses Gedankengebäude folgt nicht den monokausalen Ziel-Plan-Vorgaben der westlichen Controlling-Gichtlinge, sondern nutzt eher das Potenzial der Situation. Die Wirksamkeit entfaltet sich nicht mit der Brechstange von Apologeten einer modellierten Kunstwelt, sondern widmet sich den Chancen der vorliegenden Situation. Handeln durch Nicht-Handeln und dabei das Gras wachsen hören. Wer sich also von den pro-aktiven Leerformeln des so genannten Change-Managements lösen möchte, sollte sich den Thesen von Holm Friebe widmen.

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