Es ist gut, dass die Menschen ihr Geldsystem nicht verstehen, denn sonst hätten wir noch vor morgen früh eine Revolution. Henry Ford

Jede Autorität ist antastbar

Der Philosoph Markus Gabriel macht klar: Debatten kann man nicht einfach für beendet erklären.

Wie schön, dass es Philosophen wie den Bonner Wissenschaftler Markus Gabriel gibt. Mit seinem Bestseller „Warum es die Welt nicht gibt“, der vergangene Woche in der Verlagsbuchhandlung Bernstein in Siegburg vorgestellt wurde, macht er den alternativlos daherredenden Zeitgenossen wie Kanzleramtsminister Pofalla das Leben schwer. Debatten können nicht einfach für beendet erklärt werden, weil das für Spitzenpolitiker einfach bequemer ist und irgendwelche halbseidenen Beweise für die Unschuld von NSA & Co. vorgelegt wurden. Die betroffenen Geheimdienste haben angeblich nicht auf „deutschem Boden“ spioniert und halten sich „in“ Deutschland an deutsches Recht. Man achte auf die feine Rabulistik: in Deutschland und auf deutschem Boden.

Was sie außerhalb mit deutschen Daten treiben, bleibt weiterhin unbeantwortet. Es kann deshalb kein Ende der Disputation geben, wie Professor Gabriel in seinem erkenntnistheoretischen Opus schreibt: „Die Anerkennung des Umstandes, dass andere anders denken und anders leben, ist der erste Schritt zur Überwindung eines Denkzwanges, der alles umfassen möchte. Deswegen steht die Demokratie ja auch dem Totalitarismus entgegen, weil sie in der Anerkennung der Tatsache besteht, dass es keine abschließende, alles umfassende Wahrheit, sondern nur ein Perspektiven-Management gibt, dem man sich politisch stellen muss.“

Gebärmutter des Willkürlichen

Oder, in den Worten von Bastian Reichardt, dem Kollegen von Markus Gabriel, der den Auftakt der Siegburger Diskussionsreihe R²-Katheder moderierte: Die Philosophie darf als wissenschaftliche Disziplin keine Gebärmutter des Willkürlichen sein. Es geht bei den philosophischen Theorien um eine saubere Beweisführung. Jede Annahme steht unter Voraussetzungen, die ihrerseits wieder hinterfragt werden müssen. Das Geschäft des Philosophen steht also unter der Bedingung der Rechtfertigung. Das gilt nicht nur für Philosophen, sondern auch für Ronald-Ronny Pofalla, Big-Data-Gurus, Quantenphysiker an der Wall Street, Sozialdarwinisten, Kleckskundler der Neurowissenschaften und sonstige Welterklärer, denen der Jungstar der Philosophen-Szene den Fehdehandschuh hinwirft. Da sei jemand, der sagt mal etwas, erklärt Reichardt.

Disputation ohne Kindergarten-Prechtisierung

Der Leser, Wähler oder Zuhörer werde nicht im Kindergarten abgeholt. Es handelt sich auch nicht um eine Unterrichtsstunde, in der man herauszufinden versucht, wer man ist und wenn ja, wie viele man dann ist. Also eine klare Abwendung von den Floskeln der Prechtisierung. „Es handelt sich um einen gehaltvollen und kontroversen Vorschlag, den Markus Gabriel unter dem Titel ‚Neuer Realismus‘ einführt und der darin besteht, sich von einer Grundintuition der Philosophie loszureißen“, betont Reichardt.

Auch die philosophische Theoriebildung sei oftmals eine angeblich alternativlose Entscheidung zwischen zwei Polen. Entweder gebe es ein von uns unabhängiges metaphysisches Grundprinzip, aus dem heraus sich die Welt erklären lässt, oder wir müssen einsehen, dass die Welt, wie wir sie erblicken, im Wesentlichen unsere Konstruktion ist. Gabriel versucht einen Neuanfang des Existenzbegriffes.

Wahrheit in Tüten

„Katzen, Toilettenspülungen, Zahlen, das Kanzleramt, Schamhaare – all das gibt es. Aber die eine große Tüte, in die alles hineinpasst, existiert nicht“, erläutert Gabriel. Um die Welt als Ganzes zu erfassen, müsse man von draußen auf sie schauen, und dieser Blick müsste auch sich selbst wahrnehmen. Da das unmöglich sei, habe sich auch die faustische Suche nach dem erledigt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das Forschen nach einer „Weltformel“, die die Naturwissenschaftler so lieben. Besonders jene, die sich auf das Parkett der Sozialwissenschaften, Finanzmärkte oder Unternehmensberatungen wagen. „Es hängt eben nicht alles mit allem zusammen.“

Die Welt sei mitnichten nur der Bereich der Naturwissenschaften, auch Träume, Staaten und Kunstwerke seien schließlich Teil der Welt. Sie ist allumfassend, und deshalb komme, definitionsgemäß, die Welt in der Welt nicht vor, sie habe keine Eigenschaften, sei also gar kein erkennbarer Gegenstand.

Von einem wissenschaftlichen „Weltbild“ zu sprechen oder Formeln zur Erklärung der Welt vorzulegen, sei daher eine Anmaßung. Es gebe nämlich auch „alles, was es nicht gibt“, Einbildungen zum Beispiel, alles, was eine Tatsache in der Welt ist und Gegenstand der Betrachtung werden kann. Niemand ist ernsthaft in der Lage, zu erklären, dass die Elementarteilchen objektiver, wirklicher oder tatsächlicher seien als die Gedanken, die wir uns machen, oder die Farben der Salatbar.

Es lässt sich klarer sagen

Wir sollten uns nicht von den Weltbild-Erklärern festnageln lassen, die sich als unantastbare Autoritäten inszenieren und uns einhämmern, was wir als „wirklich“ oder „existent“ wahrzunehmen haben. Das gilt für angeblich eineindeutige neuronale Prozesse wie für Algorithmen, die den Zufall beerdigen wollen.

„Das Verstehen einer persönlichen oder auch einer politischen Entscheidung oder eines Kunstwerkes ist weder rein biologisch oder mathematisch beschreibbar, noch ist es völlig willkürlich oder eine Sache bloßer Geschmacksfragen. Das wissenschaftliche Weltbild legt fälschlicherweise nahe, dass der Sinn der menschlichen Existenz übergangen werden kann, da es eine privilegierte Tatsachenstruktur geben soll, die im Wesentlichen mit dem Universum, dem Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften identisch ist“, schreibt Gabriel. Das Universum kann keine Sinnfragen stellen. Menschen, oder das von ihnen Gemachte, dagegen schon. Gabriel will den Geist rehabilitieren und uns dazu auffordern, interdisziplinär zu streiten. Bislang ist jeder Big-Data-Guru meiner Aufforderung ausgewichen, seine Welterklärungsformeln live und ohne doppelten Boden in unserem Livestreaming-Format Bloggercamp.tv vorzuführen.

In gleicher Weise fordert Gabriel die naturwissenschaftlichen Welterklärer heraus, mit ihm zu disputieren. Oder wie wäre es denn mit den Neuro-Schlaumeiern, die noch nicht einmal in der Lage sind, das Gehirn eines Frosches nachzubauen oder eindeutig zu erklären, was in einem Frosch-Gehirn überhaupt abläuft. Alle liebwertesten Welterklärungs-Gichtlinge sind aufgefordert, sich der Devise Ludwig Wittgensteins zu stellen: „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen.“

Streiten wir!

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