Zurück in die Zukunft

Gunnar Sohn31.07.2013Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Zukunft braucht Herkunft, schreibt der Philosoph Odo Marquard. Das gilt auch für moderne Technologie, und wer das nicht berücksichtigt, dem hilft auch kein Rettungsschirm mehr.

Je höher die Innovationsgeschwindigkeit ist, desto weniger altersanfällig sind frühere Lebensformen, so die überraschende Feststellung des Philosophen Odo Marquard. Die moderne Wandlungsbeschleunigung würde selber in den Dienst der Langsamkeit treten. So sollte man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte – je schneller sein Tempo wird – unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf – von hinten überrundend – wieder bei einem vorbeikommt.

Gerade die neuesten Technologien benötigen die alten Fertigkeiten und Gewohnheiten. Unsere Arche Noah im Umgang mit der Überinformation sei eine alte Kunst: der Rückgriff aufs Mündliche. Das war schon zur Zeit des Buchdrucks so.

Renaissance von Schrift und Mündlichkeit

„Wir werden künftig mitnichten dauernd vorm Bildschirm sitzen, sondern – je mehr datenspendende Schirme flimmern – wir werden fern vom Bildschirm im kleinen oder großen Gesprächskreise mündlich jenes Wenige besprechend ermitteln, was von dieser flimmernden Datenflut wichtig und richtig ist“, schreibt Marquard in seinem überaus klugen Essay „Zukunft braucht Herkunft“.

So bleiben die schnellen Informationsmedien zähmbar und in der Reichweite der langsamen Menschen. Auch die neue Welt kommt ohne die alten Fähigkeiten nicht aus. Jedes Medium rücke verdrängte Effekte oder Eigenschaften wieder in den Vordergrund. „Bei Twitter ist man gezwungen, sich kurz zu fassen. Das verlangt extrem viel Sprachfähigkeit. Damit die Tweets mit nur 140 Zeichen wahrgenommen werden, muss man einen aphoristischen Stil entwickeln. Das ist eine hohe Kunst“, stellt Jörg Blumtritt vom Slow-Media-Blog fest.

Gute Twitter-Streams seien wie Lyrik lesbar. Das, was andere Medien überflüssig gemacht haben, kehre also wieder.

Die Renaissance der Verschriftung im Kundenservice bestätigt das. Wo dumme Call-Center-Anbieter vom Markt gefegt und in die Insolvenz getrieben werden, entdeckt man alte Fähigkeiten mit überraschenden Vorteilen. Die Kundenanfrage über eine Hotline ist anonym und garantiert nicht, auf den richtigen Experten zu treffen. Läuft die gleiche Anfrage in schriftlicher Form über Twitter, Facebook oder über eine Online-Community, dann kann sie gesichtet und gezielt an den Spezialisten weitergegeben werden. Im technischen Service eines größeren Heizungsherstellers sind das Meister, Techniker und Ingenieure, die speziell für das Social Web geschult werden. Die beantworten auch Fragen auf Facebook und eben nicht das Marketingteam. Effekt: Viele Fragen werden gar nicht mehr gestellt, da die Antworten auf den Social-Web-Präsenzen des Unternehmens schon abrufbar sind – andere Kunden hatten das gleiche Problem und eine Lösung liegt für die Crowd vor.

Altes Ingenieurswissen up to date

Selbst beim Umgang mit Datenbanken ist altes Können gefragt. Egal, wo Daten abgelegt und organisiert werden. In Fragen der Systemsoftware braucht man immer noch Kenntnisse der alten Programmiersprachen, um die Migration der Daten in andere Umgebungen erfolgreich abzuschließen. Auch die radikale Umstellung und Konvergenz von Fernsehen, Telefon, Videokonferenzen oder Musikdiensten auf das Internet-Protokoll ist kein profaner Vorgang, der ein- und ausgeschaltet werden kann wie ein Lichtschalter, so die Erfahrung des Netzwerkspezialisten Bernd Stahl von Nash Technologies.

Sogenannte All-IP-Netze benötigen einen sanften Übergang von der alten analogen in die digitale Welt. „Um das zu realisieren, muss man beide Welten gut verstehen. Entsprechend ist auch das alte Systemwissen der Telekommunikation mehr denn je gefragt, wenn es um Ausfallsicherheit und dergleichen mehr geht“, bestätigt Stahl im ichsagmal-Interview.

Das bedeutet allerdings nicht, sich jetzt schlafen zu legen, um irgendwann wieder up to date zu sein. Eine Politik, die von den liebwertesten Gichtlingen der Bundesregierung beim Breitbandausbau bevorzugt wird. Wer so operiert, erleidet das gleiche Schicksal wie die großen Call-Center-Betreiber. Sie verschwinden von der Bildfläche – mit oder ohne Rettungsschirm.

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