Ich bin kein blindwütiger Sicherheitsfanatiker. Wolfgang Schäuble

Schafsköpfige Einfaltspinsel

Geht es um die USA, ist Europa immer noch grenzenlos naiv. Die USA müssen nicht mit Fähnchen begrüßt, sondern als Konkurrent auf dem Weltmarkt begriffen werden.

„Mein Gott, jetzt wissen sie alles über uns“, kreischt eine hysterische Verteidigungsministerin namens Jackson in dem Science-Fiction-Filmstreifen „Der Tag, an dem die Erde stillstand“, der am Montag im ZDF ausgestrahlt wurde – just in time. Die Niederlage der Großmacht USA scheint besiegelt, da Außerirdische über das Anzapfen eines militärischen Satelliten die geheimsten Geheimnisse der selbst ernannten Weltpolizei abgesaugt haben. Mit diesem Wissen könnten die hybriden Eindringlinge alles ausschalten: das Rote Telefon des Präsidenten, die Spionagewerkzeuge der NSA und die gesamte Flugabwehr. Nicht nur der Central Park sei dem Untergang geweiht, sondern die gesamte Menschheit. Merkwürdig, dass Ufos bevorzugt in New York landen – aber das liegt wohl an der Nabelschau einer Supermacht. Und was die hyperintelligenten kosmischen Wesen können, kann die amerikanische Administration schon lange. „Wir suchen nicht nur nach der Daten-Nadel im Heuhaufen, sondern kassieren über eine Verwanzungsinvasion gleich den kompletten Heuhaufen.“ Denn Wissen ist Macht – fünf Euro ins Phrasenschwein.

Wir sind ein Ziel, keine Verbündeten

Bis auf willfährige Bündnispartner wie Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland steht jeder im Verdacht, insgeheim ein Feind zu sein – auch wenn noch so viele Fähnchen beim Empfang des US-Präsidenten gewedelt werden, wie jüngst vor dem Brandenburger Tor. „Ähnlich eifrig wie in China, dem Irak und Saudi-Arabien überwachen die Amerikaner in Deutschland. Genau 50 Jahre nach Kennedys Ich-bin-ein-Berliner-Rede müssen wir einsehen: Wir sind ein Ziel, keine Verbündeten. Hier zerbricht ein deutsches Weltbild“, schreibt Jakob Augstein in seiner wöchentlichen Kolumne für „Spiegel Online“.

Vielleicht zerbricht auch nur unsere Naivität. Vielleicht dient die Totalüberwachung von Daten, die außerhalb der USA kursieren, ganz anderen Zielen. Im Unterschied zu Deutschland hat es sich in den angloamerikanischen Ländern längst eingebürgert, Wettbewerb und Marktstrategien mit den Instrumenten militärischer Planung anzugehen. Werden jetzt aus Verbündeten automatisch Feinde? Auf diese Frage hat man beispielsweise in Frankreich eine dualistische Sichtweise entwickelt: politischer Freund, aber wirtschaftlicher Gegner.

In einer Welt, die aus vielen Schafen und wenigen Füchsen besteht, gibt es für den Sinologen und Strategem-Experten Harro von Senger keine Zweifel, wer das Sagen hat. Alle Geistessysteme, die vom Besten im Menschen ausgehen, verbreiten eine Schafsethik, bei der am Ende die Füchse regieren. Vor allem die Europäer zeichnen sich als schafsköpfige Einfaltspinsel aus – listenblind und leicht zu täuschen.

„Die Europäer legen hinsichtlich der Zusammenhänge dieser Art der Konfrontation eine gewisse Heuchelei an den Tag. Die Wirtschaftsexperten und Managementspezialisten prangern die Wirklichkeit an, indem sie sie als Verschwörungstheorie verharmlosen. Aber diese Ablehnung, die Wirklichkeit zu akzeptieren, wie sie ist, geht fast schon ins Lächerliche. In Deutschland spricht man höchstens über Wettbewerb zwischen den Marken. Diese Sichtweise ist jedoch zu einseitig und birgt langfristig das Risiko, den Überblick darüber zu verlieren, wie Teile der weltweiten Wirtschaft wirklich funktionieren“, sagt Christian Harbulot, Gründer und Direktor der École de Guerre Économique.

Resolutionen werden die USA nicht beeindrucken

Etwa beim Wettbewerb „Boing versus Airbus“ oder bei der Destabilisierung der Euro-Länder über halbseidene Einstufungen durch die Rating-Agenturen der USA. Die gezielten Lauschangriffe auf die politischen Institutionen der EU dienen mit Sicherheit nicht dem Anti-Terrorkampf. So langsam dämmert es auch den liebwertesten Polit-Gichtlingen in Berlin, dass es darum geht, einen Konkurrenten auf dem Weltmarkt in Schach zu halten. Das macht die Totalüberwachung nicht sympathischer.

Die Europäer sollten sich jetzt nicht nur mit irgendwelchen Resolutionen die Zeit vertreiben, um das Vorgehen der USA moralisch zu ächten. Sie sollten die wahren Ziele der Spähprogramme aufdecken, die Rolle der Internet-Giganten Google, Facebook und Co. unter die Lupe nehmen, eine eigene Rating-Agentur auf die Beine stellen und Abwehrmaßnahmen gegen die Daten-Spionage überlegen. Sie könnten die Verhandlungen über die transatlantische Freihandelszone aussetzen und jegliche Abkommen für den Transfer von Daten kündigen. Denn Staaten kennen keine Freundschaften, sondern nur Interessen. Werdet in den politischen Metropolen Europas endlich erwachsen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

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