Erleben, was verschwindet

Gunnar Sohn1.05.2013Gesellschaft & Kultur

Bloß drei Prozent aller Telekom-Kunden seien von der angekündigten Drosselung des Datenvolumens betroffen. Unser Kolumnist glaubt davon kein Wort.

Wie konnten wir Telekom-Vorstandschef René Obermann nur so verkennen. Bei der “Erdrosselung des Netzes”:http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/6792-die-drosselpolitik-der-telekom geht es gar nicht um den schnöden Mammon, sondern um den Antrag auf Mitgliedschaft bei den barmherzigen Samaritern. Das machte der liebwerteste Magenta-Gichtling in einem Schreiben an Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler deutlich. Es gehe einzig und allein um eine faire Behandlung der Noch-Kunden des Bonner Konzerns und um preiswerte Angebote:

bq. „Deshalb kann es uns mit der für 2016 geplanten Vorgehensweise auch gelingen, für zirka 97 Prozent der Kunden die Preise stabil zu halten. Folglich wären nach heutigem Stand von dieser vorgesehenen Preisänderung nur zirka drei Prozent der Kunden betroffen. Diese drei Prozent nutzen in unserem Netz 10 bis 20 Mal größere Datenmengen als ein durchschnittlicher Kunde, der zirka 15 bis 20 Gigabyte pro Monat verbraucht. Die Alternative wäre eine Preiserhöhung für alle Kunden, die in unseren Augen weder klug noch gerecht wäre.“

So also sieht die pharisäerhafte Linie der Telekom aus, um die breite Masse von den sogenannten Vielnutzern abzugrenzen und für die Suche nach schnellem Umsatzwachstum auch noch das Argument der Gerechtigkeit in Anspruch zu nehmen – wo es schlichtweg um Shareholder-Value-Interessen geht.

Power User sanieren die Telekom?

Oder könnte man mit den höheren Preisen für die Power User so viel Geld einnehmen, um Deutschland flächendeckend mit Glasfaserkabel zu versorgen? Marc Jacobs “hat in einem Google-Plus-Posting nachgerechnet”:https://plus.google.com/u/0/111579224038088397021/posts/JHAiuTsugA1:

bq. „Es gibt hier wirklich Leute, die es in irgendeiner Form angemessen finden, dass ein Anbieter, an den nicht wenige Teilnehmer quasi zwangsgebunden sind, seine Leistung um über 99 Prozent zurückfährt, um nach offizieller Darstellung 3 Prozent ‚Heavy User‘ zu ärgern und 0,1 Prozent mehr Umsatz zu machen?“

Mal davon abgesehen, dass die von Obermann und Co. genannten Durchschnittswerte beim Datenverbrauch reine Kosmetik sind, ist die Konsequenz eher folgende Empfehlung: Haltet euch zurück beim Datenverbrauch und alles wird gut oder, an die Pionierzeiten der Bundespost anknüpfend, „Fasse Dich kurz“ und ignoriere unsere Always-on-Sprüche, die wir derzeitig in der Werbung rausballern – das hat mit dem Durchschnittsnutzer nichts zu tun. Es könnte demnach nur theoretisch eine Welt geben, in der man das Zuhause von unterwegs steuern kann, immer live dabei ist, in der man selber nicht mehr zur Sprechstunde muss und das Büro überall sein könnte – auch auf dem eigenen Balkon. Erleben, was verbindet – aber nicht mit der Drosselkom.

Auch Lieschen Müller wird gedrosselt

In Wahrheit weiß die Telekom, dass sie als marktbeherrschendes Unternehmen an einer Stellschraube dreht, um ohne großen Aufwand die Kassen zu füllen – auch mit Lieschen Müller, die ein Telekom-Sprecher als Fallbeispiel so gerne anführt. Selbst bei den Stichworten Industrie 4.0 und Internet der Dinge ist Otto Normalverbraucher mit von der Partie:

bq. „Hier rollt die nächste Welle von Datenvolumina auf das Netz zu, die dringend mit einer verbesserten Infrastruktur aufgefangen werden müssen. Das Problem ist die Kumulation der Datenmengen. Und da geht es auch um die letzte Meile der Netze, weil immer mehr der private Nutzer eingebunden wird. Das betrifft Angaben zum Energieverbrauch, die Vernetzung des kompletten Haushalts und dergleichen mehr. Ich nenne nur das Stichwort ‚Breitband auf der letzten Meile‘“,

erläurtert Harvey-Nash-Chef Udo Nadolski im ichsagmal.com-Interview.

Ein Telekom-Insider ist den wahren Plänen “wohl ziemlich dicht auf die Schliche gekommen”:http://stadt-bremerhaven.de/telekom-drosselung-das-schreibt-ein-insider: „2016 werden fast alle von der Drossel betroffen sein. Hat heute ein durchschnittlicher Kunde 20 GB, soll sich das Volumen bis 2016 vervierfachen.“ Mit 80 GB ist man damit deutlich über der Drosselgrenze. Will man dann sein Netz in gewohnter Geschwindigkeit genießen, muss man Bandbreite nachkaufen. Ein Lieschen-Müller-Haushalt wird also geschröpft und nicht von der Last irgendwelcher Vielnutzer befreit, Mister Telekom-Sprecher.

Demontage der Netzneutralität trifft die breite Masse

Eigene Dienste und Partnerdienste sind bekanntlich von der Drosselung ausgenommen – aber mit welchem Effekt? Markus Beckedahl von netzpolitik.org “nennt das im Karlsdialog”:http://karlsdialoge.de/karlsdialoge-19-mit-markus-beckedahl-uber-netzneutralitat-und-telekomdrosselung den doppelten Markt. Die Telekom kassiert die normalen Nutzer mehr ab und verlangt noch Geld von externen Anbietern, um in den Genuss der Daten-Überholspur zu kommen. Große Unternehmen können sich das leisten. Kleine und mittelständische Unternehmen aber nicht – auch hier fällt Lieschen Müller wieder durch den Rost der Drosselkom.

Bislang war ja der Begriff der Netzneutralität recht abstrakt und es fiel den Netzaktivisten schwer, diesen Punkt auf die politische Agenda zu bekommen. Dank der Telekom und Lieschen Müller, die schlauer ist, als es der Telekom-Sprecher vermutet, sieht das nun anders aus. Jetzt wird klar, welche Tragweite der Abschied von der Netzneutralität für die Netzbewohner hat – mit Ausnahme der Provider und den großen Konzernen, die sich eine Sonderbehandlung im Internet erkaufen.
„Als Gesellschaft müssen wir uns jetzt klar positionieren und die Netzneutralität verteidigen. Sie hat uns Fortschritt und Innovation im Netz beschert. Als öffentliches Gut darf das Internet nicht den Profitinteressen der Provider geopfert werden“, fordert Beckedahl.

Hangout on Air-Operator Hannes Schleeh und bwlzweinull-Blogger Matthias Schwenk sehen das ähnlich. Jetzt sei die Zeit gekommen, gesetzliche Maßnahmen zur Bewahrung der Netzneutralität zu fordern, den Staat in die Pflicht zu nehmen bei der Etablierung eines schnellen Internets als Grundversorgungsauftrag und die zweifelhafte Rolle der Provider regulatorisch unter die Lupe zu nehmen. Denn betroffen von der Drosselkom-Politik sind wir als Inhalte-Lieferanten von freien Software-Projekten, Podcasting- und Livestreaming-Formaten, Blogs und generell als Internet-Nutzer. All das werden Lieschen Müller und viele andere dem Telekom-Vorstand um die Ohren hauen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Ausschluss von Stephan Brandner ist ein klares Signal gegen Hetze und Hass

Stephan Brandner von der AfD hat Menschen ausgegrenzt und Hass geschürt. Nun muss er seinen Posten aufgeben - die Abgeordneten des Rechtsausschusses haben ihren Vorsitzenden abgewählt. Einen vergleichbaren Fall hatte es bislang in der Geschichte des Bundestages noch nicht gegeben.

Der Erfolg der AfD liegt in der Austauschbarkeit der Altparteien

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde in Thüringen gewählt. Zum dritten Mal in diesem Jahr kann die AFD zum Entsetzen von Medien und Politik einen Wahlerfolg in „Dunkeldeutschland“ (Gauck) feiern. Die linke Mehrheit ist gebrochen, die SPD liegt bei 8,2 %, die AfD macht als zweite Kraf

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie und soll also am liebsten aus den Medien verbannt werden. Zu groß scheint die Angst, als Gaukler entlarvt zu werden.

Wir müssen wieder miteinander streiten lernen

Es hat lange gedauert, aber nun haben auch die liberalen Blätter endlich erkannt, dass etwas schief gelaufen ist mit dem „Haltung zeigen“. Als ich es wagte, ein Buch mit dem Titel „Wir können nicht allen helfen“ zu veröffentlichen, begrüßte mich die Kreuzberger Grünen-Abgeordnete auf d

Wir müssen den Rechtsstaat vor seiner Opferung auf dem Altar der Hypermoral bewahren

Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht, ist mein Lieblingsbonmot des polnischen Satirikers Stanisław Jerzy Lec, das ein Dilemma auf den Punkt bringt. Geschichte wird immer wieder umgeschrieben, so wie es den jeweiligen Inhabern der Deutungshoheit gefällt. Wir erleben gerade in diesen Tagen wie

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Mobile Sliding Menu