Big Data als verkäuferischer Geniestreich | The European

Die grausame Welt der Daten

Gunnar Sohn20.03.2013Medien, Wirtschaft

Das Modewort Big Data bringt die Augen vieler Scharlatane zum Leuchten. So lange die Datenanlyse in den Kinderschuhen steckt, sollten wir aber lieber auf etwas vertrauen, das die Natur uns mitgegeben hat.

1df94da0c4.jpeg

Michael Saechang

Angeblich vertrauen Führungskräfte in den Unternehmen immer weniger ihrer Intuition. Zu diesem Befund kommt zumindest die “Unternehmensberatung Actinium(Link)”:http://www.actinium.de in Lindau am Bodensee. Die Mehrheit setze auf Entscheidungen, die sogenannte Business-Intelligence-Systeme generieren.

Im Jahr 2006 folgten 47 Prozent der befragten Manager eher ihrem Bauchgefühl und rund 40 Prozent orientierten sich an faktenbasierten Entscheidungen. Doch dieses Verhältnis habe sich zwischenzeitlich umgekehrt. Die Frage ist nur, ob auch die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Denn selbst die Interpretation von Fakten ist wieder eine Sache der Intuition oder, in den Worten eines britischen Journalisten, eine Konstruktion der Wirklichkeit: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“

Die Illusion rationaler Entscheidungen

Ob Business Intelligence, Big Data oder Data Mining. Es geht um die Illusion der rationalen Entscheidungsfindung. Vielleicht erleben wir auch nur die letzte Schlacht des Controllings, um in den Zeiten des Kontrollverlustes die alte Logik des Industriezeitalters in die vernetzte Welt zu retten; um neue Übersichtlichkeit im chaotischen Universum des Cyberspace zu schaffen. Vielleicht rühren daher der Wunsch nach Rückgewinnung der Deutungshoheit und die Sehnsucht nach maschinengesteuerten Entscheidungen auf dem Fundament der Ratio. Nachzulesen in der Frühjahrsausgabe der “Zeitschrift „GDI Impuls“(Link)”:http://www.gdi.ch/de/gdi-impuls mit dem Schwerpunkt „Big Data – Rohstoff oder Müll? Eine Reise zu den Minen und Raffinerien der Datenzeit“.

Daten bleiben scheu und grausam, sagt etwa Nikolas Bissantz, Gründer und Mehrheitsgesellschafter von Bissantz & Company, im Interview mit „GDI-Impuls“. „Es ist schwierig, aus ihnen zu lernen und noch schwieriger, das Gelernte umzusetzen.“

Zaubertricks hinterfragen

Gute Manager müssten in der Lage sein, das Modell zu hinterfragen, das der Analyse zugrunde liegt. „Zaubertricks, die wir nicht durchschauen, sind sympathisch – im Varieté. Im Business nicht“, erklärt Bissantz. Big Data sei ein Sammelbegriff für mehrere Phänomene und gleichzeitig ein verkäuferischer Geniestreich. Im Moment werde mehr Zeit in die Speicherung als in die Analyse von Daten gesteckt.

Derzeitig dehnen fast alle Business-Intelligence-Unternehmen ihr Angebot auf das Thema Big Data aus, um damit ein Schlagwort mit hoher Aufmerksamkeit zu bedienen, weiß der IT-Personalexperte Karsten Berge von “SearchConsult(Link)”:http://www.searchconsult.eu in Düsseldorf. „Viele Kandidaten auf dem Personalmarkt, die aus dem Vertrieb oder der Beratung kommen, positionieren sich für Big-Data-Stellenangebote, ohne genau zu wissen, was sie dabei erwartet. Ein Manager aus dem Verkauf, der in ein Unternehmen gewechselt ist, um Big Data abzudecken, stellte fest, dass er etwas zu euphorisch war und die internen Voraussetzungen beim neuen Arbeitgeber alles andere als positiv waren. Es gab noch keine Kunden und man arbeitete hoch defizitär“, so Berge.

Bauchentscheidungen, das belegen die Forschungsarbeiten von Professor Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, können die raffiniertesten Computerstrategien in den Schatten stellen. Business Intelligence und Big Data werden die Intuition nicht überflüssig machen. Die liebwertesten Big-Data-Gichtlinge sind übrigens herzlichst eingeladen, ihre Analysemodelle live im Bloggercamp-Werkstattgespräch für das Un-Buch zur Streaming Revolution vorzuführen für das Kapitel: “Die Vermessenheit der Big-Data-Weltvermesser – Ein Crowdsourcing-Experiment mit Hangout on Air(Link)”:http://ichsagmal.com/2013/02/25/big-data-und-das-ende-des-kontrollverlustes/.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Große Kabinettsumbildung für die Ampel

Nancy Faeser könnte bald eine größere Kabinettsumbildung der Bundesregierung auslösen. Die Innenministerin strebt offenbar nach Hessen, um dort im kommenden Jahr neue Ministerpräsidentin zu werden. Für die unglückliche Verteidigungsministerin Lambrecht wäre dann eine bessere Verwendung greif

Steinkohlekraftwerke melden ein Plus von 32 Prozent

Der Energieverbrauch in Deutschland wird 2022 voraussichtlich um 2,7 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres liegen. Zu dieser Einschätzung kommt die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AG Energiebilanzen) auf Grundlage der aktuellen Daten zum Energieverbrauch der ersten neun Monate des laufenden

Die Bedeutung der Familie wird unterschätzt

Wem die Stärkung der Familie ein Anliegen ist, hat oft das Gefühl, einen aussichtslosen Kampf zu führen. Und tatsächlich dominieren Schlagzeilen, die den Eindruck vermitteln, die klassische Familie sei ein Auslaufmodell. Das wahre Stimmungsbild der Bevölkerung sieht hingegen ganz anders aus. Hi

Treten Sie zurück, Herr Infantino!

Der FIFA-Präsident verkörpert die zynische Geldgier und offene Korruption des Fußballverbands. Mit höhnischen Auftritten verschlimmert er den Skandal um die Katar-WM immer weiter. Es wird Zeit, dass die mächtigen Fußballverbände Europas endlich einen Neuanfang einfordern. Von Wolfram Weimer

Die Ukraine kämpft für unsere Werte – nur werden wir diesen auch gerecht?

Es ist immer wieder davon die Rede, die Ukraine kämpfe auch für unsere westlichen Freiheiten. Nur was meinen wir eigentlich, wenn wir von Freiheit sprechen? Von Florian Maiwald

Prominente Gäste feiern „SignsAward“-Jubiläum in BMW Welt  

Hohe Auszeichnung für Judith Gerlach, Victoire Tomegah Dogbé, Nicola Sturgeon, Fabian Hambüchen, Cassandra Steen, Max Mutzke und Lore Bert: Sie werden in der BMW Welt München mit dem „SignsAward“ ausgezeichnet.

Mobile Sliding Menu