Der lange Schatten des Steve Jobs

von Gunnar Sohn16.01.2013Wirtschaft

Der Kontrollwahn des Apple-Gründers könnte seinem Konzern das Genick brechen: Die Konkurrenz bietet mehr Freiheit – und damit auch bessere Produkte.

Während ihrer kompletten beruflichen Laufbahn stritten Bill Gates und Steve Jobs über zwei konkurrierende Philosophien für die digitale Welt: ob Hardware und Software eng integriert oder offen sein sollten. In seinem letzten Gespräch mit Steve Jobs machte der Microsoft-Gründer dann ein Eingeständnis: „Ich dachte immer, dass das offene horizontale Modell die Oberhand gewinnen würde, aber du hast bewiesen, dass auch das integrierte vertikale Modell großartig sein kann.“ Bei der Wiedergabe des Gesprächs machte Gates später eine Einschränkung und die könnte sich zu einer realitätsnahen Prophezeiung auswachsen:

bq. „Der integrierte Ansatz funktionierte gut, solange Steve am Steuer war. Das heißt aber nicht, dass er auch in Zukunft noch viele Runden gewinnen wird.“

Jobs bekam regelrecht Hautausschlag, wenn er darüber nachdachte, wie Apples tolle Software auf der schlechten Hardware anderer Firmen laufen könnte. Er reagierte allergisch auf nicht genehmigte Apps oder Inhalte, die die Perfektion eines Apple-Gerätes besudeln könnten. Die Fähigkeit, Hardware, Software und Content in ein einziges einheitliches System zu integrieren, machte es ihm möglich, Einfachheit durchzusetzen, die der Erhabenheit eines Zen-Gartens entsprach.

Apple fremdelt mit der App-Economy

Im Zeitalter des mobilen Internets ist dieser Grundsatz abhandengekommen. Für die App-Economy ist der Apfel-Konzern schlecht gerüstet. Wenn ein Apple-Fanboy wie der App-Entwickler und Mobile-Business-Experte Ralf Rottmann das Lager wechselt und von der Innovationskraft des neuen Nexus 4 von Google schwärmt, sollten in Cupertino die Warnleuchten angehen. Sein Blogpost “„An iPhone lover’s confession: I switched to the Nexus 4. Completely“ http://www.24100.net/2013/01/an-iphone-lovers-confession-i-switched-to-the-nexus-4-completely/ hat international wie eine Bombe eingeschlagen und mit über 17.000 Likes, Retweets und Google-Plus-Empfehlungen die exorbitanten Sascha-Lobo-Werte in den Schatten gestellt. Sein privater Server brach schon eine halbe Stunde nach der Veröffentlichung zusammen. Bei den „Hacker News“ landete er auf dem ersten Platz und selbst die „Times“ zitierte den App-Guru. In der Vergangenheit hat Rottmann regelmäßig andere Plattformen getestet. Dazu zählen auch die Android-Telefone. Spätestens nach vier Tagen ist er wieder wehmütig zum iPhone zurückgekehrt: „Und dann kam das Nexus 4. Auch hier hatte ich keine hohen Erwartungen. Statt das Gerät wieder bei eBay zu verticken, bin ich hängen geblieben. Eine Rückkehr zum iPhone 5 schließe ich aus“, so Rottmann im ichsagmal-Interview.