Die Dinge beim Namen nennen

von Gunnar Sohn26.12.2012Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Marketingeln Sie auch? Stehen ständig Schmeetings an? Oder leiden Sie an Bekanntitis? Dann helfen vielleicht nur noch Kafferien. Und wenn Ihnen all diese Begriffe nichts sagen, schauen Sie in Sascha Lobos Der kleine Duden für die Zukunft nach. Denn jeden Tag entsteht beruflicher Irrsinn, für den es passende Begriffe zu finden gilt.

Ein weithin unterschätztes Lexikon aus der Feder von Sascha Lobo möchte ich am zweiten Weihnachtsfeiertag zur Lektüre empfehlen, um nach dem mentalen Leerlauf der vergangenen Tage wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Es ist „Der kleine Duden für die Zukunft“, den man auch während der Entspannungszeiten auf dem Klo zu Rate ziehen oder als Ablenkungslektüre für sinnfreie Sitzungen nach dem Ende des wohlverdienten Jahresendurlaubs nutzen kann. Das Standardwerk liefert 698 schnell zu erlernende neue Wörter und philosophische Erhellungen für alle Lebenslagen.

Man muss sich ja nicht mit geistesschwachen Meetings zufriedengeben, die über die Frage brüten, ob schon die results für Q2 vorliegen und eine Antwort erntet wie: „Ja, und Sales performt schon wieder under!“ Passend zu dieser lachhaften Nichtkommunikation sind nach den Ausführungen von Sascha Lobo rund 90 Prozent aller Arbeiten im Büro nur vorgetäuschte Scheintätigkeiten zur Selbstvergewisserung der eigenen Nützlichkeit: „Büroarbeit am Anfang des dritten Jahrtausends ist abgesehen vom notwendigen Geldverdienen die kollektive Illusion, man sei geschäftig und betriebsam im Geschäft oder Betrieb, während man in Wirklichkeit einen Lebenspartner sucht oder jemanden, um den Lebenspartner zu betrügen, oder wenigstens einen Grund, um zu saufen“, schreibt Lobo in seinem Opus der Klugheitslehre. Wenn man schon tief in der Sackgasse des beruflichen Hospitalismus schmort, dann sollte man die Dinge wenigstens beim Namen nennen.

Gefährliches EXCEM

„Und zwar gerade die Dinge, die noch gar keinen Namen haben, weil die werktätige Bevölkerung aus einer Jobschock-Starre heraus bisher nicht zur Benennung kam. Und weil jeden Tag neuer, bis dahin unbekannter Irrsinn entsteht, der endlich mal benannt werden müsste“, so der Ratschlag des Web-Irokesen. „Marketingeln“ zählt zu den nützlichen Wortkreationen, um das ständige Umherschwirren derjenigen Mitarbeiter zu erklären, die außer der Entscheidung über die Farbe des Firmenfuhrparks praktisch nichts mehr zu tun haben und diesen Umstand durch geschäftiges Herumlaufen zu verbergen versuchen. Weitaus bedenklicher für das Büroleben ist das „EXCEM“. Es handelt sich um allergische Reaktionen auf Excel. Gesundheitsämter haben es als einziges Virus anerkannt, das vom Computer auf den Menschen übertragen wird und in manchen Organisationen einen Verbreitungsgrad von 104 Prozent bei Einberechnung freier Mitarbeiter erreicht. Inflationär breiten sich auch „Schmeetings“ aus. „Kurzform für Scheißmeeting. Aus jedem Meeting kann binnen Sekunden ein Schmeeting werden, in der Geschichte des Kapitalismus ist aber noch niemals aus einem Schmeeting wieder ein Meeting geworden“, warnt Lobo.

Gesundheitsfördernd sind hingegen die „Trimm-Dich-Laufgaben“. Es sind Aufgaben, bei denen man trotz aller digitalen Vernetztheit im Büro herumlaufen muss, soll, kann oder will. „Laufgaben eignen sich für Tage, an denen man sonst gar nichts hinbekommt, ebenso wie für Kollegen, die schon mit dem Starten eines Computers überfordert sind und einfach zu erzielende Erfolgserlebnisse benötigen.“

Wer bei den Laufgaben konditionell an seine Grenzen stößt, sollte einfach „Kafferien“ machen, also Kaffeepausen, die sich in die Länge ziehen. In den Kafferien findet man wieder seine innere Ruhe und Konzentration, um sich eine „PowerPointe“ einfallen zu lassen – auch wenn die PowerPointe eher ein sicheres Zeichen für ein onkelhaftes Humorverständnis ist. Seit 2009 hat sich die PowerPointe auch als Indikator für einen fehlenden Facebook-Account durchgesetzt. Die Betroffenen reagieren häufig mit „Egalness“. Die PowerPointisten müssen sich zumindest nicht mit der „Bekanntitis“ herumschlagen. Sie entfaltet sich nach der exponentiell gestiegenen Zahl der täglich online wahrgenommenen Gesichter. „Wer unter Bekanntitis leidet, glaubt bei fast jeder auf der Straße entgegenkommenden Person eine Bekanntschaft vor sich zu haben. Oder zumindest das Gesicht irgendwoher zu kennen. Facebook-Friend? Arbeitskollege? Zufallskontakt? Die Bekanntitis mündet zuverlässig in die Grübelei über Freundschaft, den Sinn des Lebens und das eigene Gedächtnis“, diagnostiziert der Social-Media-Therapeut Lobo.

Adepten des Sinnlosigkeitssatzes

Fast alle Bevölkerungsschichten klagen mittlerweile über die „Allephobie“, die der Höhenkoller-Regisseur Alfred Hitchcock nicht mehr filmisch verarbeiten konnte, da dieses Krankheitsbild zu Lebzeiten des cineastischen Meisters noch unbekannt war. „Allephobie ist die Angst davor, dass der Handy-, Laptop- oder Kamera-Akku leer sein könnte, bevor man eine Ladechance hat.“ Ein mitgeführter Ersatzakku steigert die Intensität der Allephobie. Schließlich könnten nun zwei Akkus zur Unzeit den Geist aufgeben. Ängste vor dem energetischen Leerlauf können durch Situativ-Strategien kompensiert werden. Der Zufall macht ohnehin jede Strategie zu einer Frage der Wahrscheinlichkeiten. Bauern kennen diese Methode schon lange: Abwarten und auf sich zukommen lassen – optional kann man auch Tee trinken.

Situativ-Strategen sind nicht selten Adepten des Sinnlosigkeitssatzes, denn zu viel Sinn in Produkten und Diensten stört den Kaufprozess. So lassen sich auch iFart-Applikationen gut verkaufen, die täuschend echte Furzgeräusche auf dem Smartphone erzeugen. Apple-Gerüchte-Küchenmeister rechnen im nächsten Jahr mit einer Geruchstaste auf dem iPhone 6, um neben den Audio-Effekten auch die entsprechenden Duftnoten auswählen zu können. Der Datenschutz-Deichgraf in Schleswig-Holstein sieht übrigens die mobilen Ortungsdienste von Facebook oder Google nicht als „Mapalie“ an – im Gegensatz zu Sascha Lobo.

„In Zeiten, wo schon jeder Leichtvernetzte mit zwei bis fünf navigationsfähigen Geräten aus dem Haus geht, lassen sowohl der Wille zur ortskundlichen Vorbereitung einer Reise wie auch die allgemeine Orientierungsfähigkeit deutlich nach. Manchmal geht das schief. Aber in den meisten Fällen handelt es sich bloß um eine mit Google Maps leicht lösbare Mapalie.“

Liebwerteste Gichtlinge und erlauchte Zecher, ich wünsche Euch für 2013 alles Gute und viele spöttische Rabelais-Gedanken.

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