Die Oxymoron-Gesellschaft

von Gunnar Sohn26.09.2011Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Das Internet bedroht die deutsche Positionselite – und die reagiert vehement: Mit Verboten, Aversionen, Regulierung. Immer ängstlich, und immer an der Zeit vorbei.

Folgt man der “Work/Life Web-Studie von Clearswift , dann trägt Deutschland den zweifelhaften Ehrentitel des weltweit führenden Landes der Verbote, Regeln und Blockaden für Social Media-Dienste. Blickt man etwas genauer hinter die Kulissen von Wirtschaft, Politik und Medien, stößt man immer noch auf verschlossene Türen, exaltierte Phrasendrescher, Mimikry-Aktionen, hierarchiegläubige Stabilitätsnarren und rückwärtsgewandte Bedenkenträger. Warum ist das so? Der Organisationspsychologe Professor Peter Kruse vergleicht den Stress im Verhältnis zum Internet mit den fünf Phasen der Bewältigung von chronischen Krankheiten: Verleugnen, Auflehnen, Verhandeln, Resignation und Annahme: „Der Vergleich ist eine unzulässige Verharmlosung. Krankheitsverläufe sind bekannt. Es gibt Beispiele, Geschichten, Wahrscheinlichkeiten. Die Unsicherheit bezieht sich auf den individuellen Fall. Beim Internet ist das anders. Hier ist die Unsicherheit ein gesellschaftliches Phänomen und konkrete Vorhersagen können angesichts fehlender Erfahrungen im Grunde nicht mehr sein als der berühmte Blick in die Glaskugel“, so Kruse.

Statische Mechanismen für ein dynamisches System

Es fehlt der Wunsch, in Bewegung zu bleiben und Neues auszuprobieren. Es dominieren die Sehnsucht nach der „steinernen Ruhe“ und der Hass auf das Werdende, Bewegliche, Schwankende und Widerstrebende, wie es Ludwig Börne in der Auseinandersetzung mit dem Geheimrat Goethe zu Papier brachte. Man klammert sich stattdessen an Pläne und Web 2.0-Strategien. Das seien aber in sich widersprüchliche Begriffe – ein Oxymoron: „Strategie ist laut Definition das planvolle Erreichen eines Ziels unter Kenntnis der Mittel und Wege. Das gibt es im Netz aber nicht. Wenn Firmen von Web 2.0-Strategie reden, dann versuchen sie ein dynamisches System mit statischen Mechanismen zu beherrschen.“ Für den Organisationswissenschaftler Dr. Gerhard Wohland Y liegt hier der Kardinalfehler. Man versuche, Probleme mit deren Ursachen zu bekämpfen. Die Folge sei eine Havarie, so der Leiter des Instituts für dynamikrobuste Höchstleistung des IT-Spezialisten ITyx in Köln. „Die Zukunft ist so unsicher geworden, dass ihre Vorwegnahme für Zwecke der Steuerung nicht mehr gelingt. Derart ihrer Orientierung beraubt, erzeugt die Steuerung statt Wertschöpfung mehr und mehr ökonomischen Unsinn“, erklärt Wohland. Insgeheim spürt die Positionselite in Deutschland das Zerbröseln ihrer Macht und kultiviert deshalb lautstark ihre Aversionen: „Das Internet und die Vernetzung bringen eine immense Transparenz über die Welt, es ist ein einziges großes Wikileak entstanden. Alles ist quasi öffentlich. Diese Entwicklung erschüttert das Management und besonders auch die Politik in den Grundfesten“, skizziert der frühere IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck in seinem neuen Buch, Professionelle Intelligenz –Worauf es morgen ankommt , die Lage.

Mit der Gestern-Elite ist kein Staat zu machen

„Politik oder Management bestand bislang darin, ein Machtgeflecht in eine erwünschte Richtung zu bewegen. Durch geschicktes Lavieren zwischen den Interessengruppen, durch taktisch gute Sitzungstermine und Abstimmungsmodalitäten, durch Geheimtreffen und Abstimmungen im Vorfeld werden die politischen Gremien in Marathonmeetings so gelenkt, dass am Ende ein nun formal beschlossenes Gesetz oder eine Bau- oder Betreibergenehmigung vorliegt. Die, die nicken sollen, werden schlau zum Nicken gebracht“, so Dueck. Wer das schaffe, hat den Beweis erbracht, ein Profi-Politiker oder einflussreiches Aufsichtsratsmitglied zu sein. Diese Tendenz, in Politik und Wirtschaft das Ökonomische mit den Mitteln der Machtpolitik zu betreiben, schwäche sich ab. „Machtpolitik boxt einfach durch, es geht nicht um das ausgewogene Handeln in einem Netzwerk der betroffenen Unternehmen und Menschen“, moniert Dueck. Eine vernetzte Welt verlange das Zusammenarbeiten in voller Transparenz. Es gehe um Argumente und nicht um Taktik. Das Verändernde beißt sich mit dem Bewahrenden. Entsprechend wächst das Unbehagen der Netz-Generation an den retro-konservativen Zuständen in Deutschland: „Wir befinden uns in einer Revolution, deren Ausmaß wir noch nicht realisiert haben. Die globale Vernetzung erfasst uns alle, ändert uns, bringt uns zusammen und offenbart uns“, erklärt die Bloggerin Julia Schramm e in einem FAZ-Gastbeitrag (Wie ich Piratin wurde . „Wir befinden uns in einer neuen Epoche, der Metamoderne, und müssen diese nun gestalten“, fordert sie. Der antidigitale Fundamentalismus der Internet-Angsthasen sei nur hinhaltender Widerstand, klagt Dueck. Um das zu ändern, müsse die Internetbewegung endlich in ein „Realo-Stadium“ kommen. Mit professioneller Intelligenz sollte die Gesellschaft auf die Veränderungen eingestellt werden. Von den liebwertesten Gichtlingen im politischen und wirtschaftlichen Establishment sind da keine Impulse zu erwarten. Die hängen zu sehr am Gestern.

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