Zwischen Porno und Rotkäppchen

Gunnar Sohn25.07.2012Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Wenn es nach Microsoft-Chef Ballmer geht, ist die Freiheit in den Wolken wohl doch nicht grenzenlos. Sex und Gewalt soll künftig nicht mehr in der Cloud stattfinden. Eine Antwort.

Liebwertester Microsoft-Gichtling Steve Ballmer, in Zeiten der Sexualisierung, Eitelkeit, Machtgier, Angeberei, Spielsucht, der um sich greifenden Säkularisierung und des Spekulantentums verrichten Sie in Ihrer Konzernzentrale in Redmond ein schweres Wächteramt. Sie müssen für Moral, Sitte, Anstand, Hygiene, Recht und Ordnung in der Computerwolke sorgen und Pornografie, Obszönität, Anstößigkeit, Frevel, Hass, Fanatismus, Rassismus, Nacktaufnahmen, einschließlich vollständiger oder teilweiser Nacktaufnahmen von Menschen oder in Cartoons, Science Fiction oder Manga, aus dem Cyberspace verbannen. Es sind ja nicht nur die abgelichteten Badeschönheiten auf Ibiza, die sich verführerisch an den Stränden tummeln und ihren blanken Busen der Weltöffentlichkeit darbieten, nein, es gibt eine Vielzahl von anstößigen Daten, die in den Cloud-Diensten des Netzes nichts zu suchen haben. Denken Sie nur an die illustrierte Ausgabe des Märchens Rotkäppchen, die aus gutem Grund in dem kalifornischen Städtchen Empire von der Polizei beschlagnahmt wurde. Digital lässt sich das im Internet unendlich reproduzieren und könnte zu mentalen Flurschäden führen.

Weg mit Rotkäppchen und Lucky Luke

Rotkäppchen wird ja von ihrer nicht gerade weitsichtigen Mutter gebeten, Kuchen und Wein zur Großmutter zu bringen. Wie diese Geschichte endet, muss ich Ihnen hier nicht weiter erzählen. Nicht nur das Aufschlitzen des Wolfes ist fragwürdig oder die Tierquälerei mit den eingenähten Steinen, sondern vor allem die Anstiftung zum Alkoholkonsum unter Einbeziehung eines unschuldigen Kindes. So etwas kann auch virtuell nicht geduldet werden. Sie sollten sich beim Reinheitsgebot Ihrer wolkigen Web-Angebote an dem kalifornischen Verbot dieser ketzerischen Schrift orientieren und der weinseligen Subversion ein Ende bereiten. Gleiches gilt für den Kettenraucher Lucky Luke, der in älteren Comic-Heften keinen unverdächtigen Grashalm nuckelt, sondern ständig mit Zigarette im Mund den kriminellen Daltons hinterherjagt. So etwas schadet der Weltgesundheit. Anempfehlen würde ich Ihnen, vorzüglicher Steve Ballmer, auch ein sittenstrenges Lektorat, um digitale Texte zu filzen und wieder auf Linie zu bringen. Etwa die Geschichten eines Sherlock Holmes, der sich offen zum Drogenkonsum bekennt und damit den Jugendschutz untergräbt. Löblich waren doch die Zeiten von George W. Bush junior, in denen ein Buch aus den Regalen verschwand, das im Januar 2007 auch noch mit dem angesehensten Kinderbuchpreis Ihres Landes ausgezeichnet wurde. Es handelt sich um das zweifelhafte Opus „The Higher Power of Lucky“ aus der bedenkenlosen Feder von Susan Patrons. Schon auf der ersten Seite des Machwerkes erzählt jemand, wie eine Klapperschlange seinen Hund in das Skrotum gebissen habe. Für Kinder ab zehn Jahren ist das Wort „Skrotum“ einfach nicht zumutbar. Sie sollten diese Formulierung ex post unkenntlich machen. Technisch dürfte das kein Problem sein, da ja auch Google mit Street View ähnlich vorgehen musste. Völlig fassungslos machen mich auch die Übeltaten von Max und Moritz: die erhängten Hühner der Witwe Bolte oder der mit Schießpulver entstellte Lehrer Lämpel. Lieber Herr Ballmer, ermahnen Sie zumindest die älteren Kunden von SkyDrive, der Verrohung von Kindern ein Ende zu bereiten. Eine Löschung oder Sperrung der Accounts dürfte nicht ausreichen, um die Wilhelm-Busch-Geschichte aus den Spielzimmern der lieben Kleinen zu entfernen. Was machen wir nur mit diesen lüsternen und physisch immer noch greifbaren Büchern? Da Sie ja in Zukunft noch stärker im Hardware-Geschäft aktiv sind, dürfte es kein Problem sein, einen Giftschrank in Ihr Sortiment aufzunehmen, um jugendgefährdende Schriften fernab des Bücherregals aufbewahren zu können. Dieses Möbelstück könnte mit einer Remote-App und biometrischen Daten der Eltern vor Einbrüchen des Sohnes oder der Tochter geschützt werden. Auch da vertraue ich der innovativen Entwicklungsabteilung Ihres Konzerns. Nun bleibt aber noch eine Aufgabe zu lösen, liebwertester Steve Ballmer. “Es ist ein Rätsel Ihres Pressesprechers in der deutschen Sektion(Link)”:http://ichsagmal.com/2012/07/23/stand-by-geschaltetes-kontrollgremium-des-kleingedruckten-microsoft-und-die-cloud-zensur. Ich selbst bin intellektuell nicht in der Lage, eine Lösung zu präsentieren.

Wir brauchen ein Microsoft-Wächteramt

Auf der Basis des von Ihrem Konzern entwickelten Verhaltenskodex muss irgendein Microsoft-Wächteramt entscheiden, was legal oder illegal ist, obwohl es ja Microsoft gar nicht entscheidet, sondern unter Umständen die Strafverfolgungsbehörden, die allerdings erst nach der Account-Schließung informiert werden, weil vorher ja schon irgendjemand entschieden hat, was legal oder was illegal ist. Das klingt kompliziert. Zu meinen Zeiten war das viel einfacher. Ich selbst stehe immer noch vor der Aufgabe, mich vom Saulus zum Paulus zu wandeln. Seit dem 16. Jahrhundert gelte ich als Schandmaul und derber Bonvivant. Entsprechend harte Konsequenzen blieben nicht aus, die meinem lästerlichen Treiben den Garaus machten. Schon meine Pantagruel-Geschichten wurden 1533 von der Sorbonne offiziell verurteilt. Als ich dann 1534 Gargantua veröffentlichte, musste ich Lyon fluchtartig verlassen und bei einem zwielichtigen Gönner Unterschlupf suchen. Auch die Neuauflage der beiden Bücher führte zu einer Verurteilung. Ebenso das dritte Buch, das 1546 herausgebracht wurde. Das vierte Buch wurde nicht nur von der Sorbonne für verwerflich erklärt, sondern durch einen Erlass des Parlaments verboten. Auch da blieb mir nichts anderes übrig, als zu fliehen. Meine spöttische Beharrlichkeit stand mir in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder im Weg. Ich bin ein unverbesserlicher Narr und werde wohl deshalb Ihre Cloud-Dienste nicht in Anspruch nehmen. Im hohen Alter von 518 Jahren fällt es mir schwer, mich noch zu ändern und Ihren moralischen Ansprüchen gerecht zu werden. Meine Possen, mein albernes Geschwätz und meine schamlosen Gedanken werde ich ohne Microsoft-Computerwolke mit Federkiel zu Papier bringen. Und Sie können mit Fug und Recht erzürnt formulieren: _In mentem tibi quid, Rabelle, venit_ – was fällt Dir ein, Rebullus. Mit vorzüglicher Hochachtung, Ihr zerknirschter François Rabelais

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