Die Exorzisten der Angst-Industrie

Gunnar Sohn19.03.2012Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Absolute Sicherheit gibt es nicht – Ängste zu schüren, scheint aber allzu oft ein gutes Geschäft. Es ist Zeit, einen Reset-Knopf für Sicherheitsfetischisten einzuführen.

Nichts ist im politischen und wirtschaftlichen Diskurs so nebulös wie die Frage der Sicherheit. Hier sind eine ganze Menge Scharlatane und Falschspieler unterwegs. Egal ob es sich um Vertreter von Krankenkassen, Konzernen, Softwarehäusern, Kirchen, Parteien, Ministerien oder Armeen handelt. Sie alle sind bei Kassandra in die Schule gegangen und übertreffen sich in der Meisterschaft, Gefahren heraufzubeschwören. Die größtmögliche Verunsicherung von Kunden, Bürgern und Wählern gewährleistet die bestmöglichen Ablass-Geschäfte. Ihre Grundlage sind diffuse, künstliche oder konkrete Ängste der Menschen. Wer Verunsicherung schürt, hat leichtes Spiel bei der Durchsetzung seiner Interessen. Nur jeder weiß, wie die Protagonistin Renate Meißner in dem neuen Steinaecker-Roman mit dem langen Titel „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“, dass niemand letzte Sicherheit garantieren kann. Kein Verteidigungsminister, kein Datenschützer, kein Exorzist und auch kein aalglatter „Anlagemanager“ für Versicherungspolicen, der sich bei Hausbesuchen so intensiv über mein Wohlergehen auslässt, meiner Frau Blumen schenkt, sich über meine Kinder erkundigt und seine antrainierten Werbesprüche loslässt. Vielleicht investieren wir häufig in Sicherheitsversprechen, wo Unsicherheit gar nicht existiert oder nur in den Hirnen von Vollkasko-Hütchenspielern konstruiert wird.

Schmierenkomödianten und Fegefeuer

Je abstrakter Risiken und Bedrohungen sind, umso radikaler wird vor den vermeintlichen Unwägbarkeiten für die Sicherheit gewarnt und Politik betrieben. Die Instrumentalisierung der Ängste für niedere Geschäfte perfektionierte der berüchtigte Ablasshändler und Schmierenkomödiant Johann Tetzel schon im 15. Jahrhundert. Mit der Parole „Sobald der Gülden im Becken klingt, im huy die Seel im Himmel springt“ oder „Wenn ihr mir euer Geld gibt dann werden eure toten Verwandten auch nicht mehr in der Hölle schmoren sondern in den Himmel kommen“ soll der Dominikanermönch in der Art eines Marktschreiers den Ablasshandel eröffnet haben. Wer nicht zahlte, schmorte bis in alle Ewigkeit im Fegefeuer. Wer kein Cyber-Abwehrzentrum baut, ist den Attacken von bösen Hackern und virtuellen Terroristen wehrlos ausgesetzt. Wer keine Truppen an den Hindukusch schickt, muss mit ähnlichen Konsequenzen rechnen wie New York am 11. September. Wer keine Anti-Viren-Software kauft und installiert, ist vor Betrügern des Netzes nicht gefeit. Fragt man bei den liebwertesten Gichtlingen des Verunsicherungsgewerbes nach, was denn nun konkret passiert sei, bekommt man in der Regel nur abstrakte Aussagen und irgendwelche Wahrscheinlichkeitsszenarien an den Kopf geballert. Leser von The European können das im Selbstversuch testen. Einfach mal bei einer Versicherung, einem Anbieter von Sicherheitssoftware, beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, bei einem Beauftragen für Datenschutz oder beim Bundesinnenministerium nachfragen, was denn nun wirklich an Gefahren vorliegt, wo sie eingetreten sind und welche Schäden bilanziert wurden. Man sollte sich aber nicht mit aggregierten Daten abspeisen lassen. Die Damen und Herren der Angstfraktion antworten fast immer im Konjunktiv.

Wäre, hätte, könnte: Bedrohung im Konjunktiv

Als traurigen Tiefpunkt sehe ich das „Spiegel Online“-Interview mit dem „Viren-Jäger“ Jewgenij Kaspersky im Sommer des vergangenen Jahres. Auf die Frage, wann er das letzte Mal Opfer eines virtuellen Angriffs wurde, antwortet er: „Jüngst wäre mein Computer zweimal fast infiziert worden. Bei einer Konferenz gab mir jemand meine Flashcard mit einem Virus zurück. Aber da half mir unser eigenes Virenprogramm. Beim zweiten Mal war die Web-Seite eines Hotels auf Zypern verseucht.“ Das sind ja richtig erschütternde Fälle von hoher Brisanz. Man könnte Mitleid bekommen, dass er dieser gewaltigen Flut an Cyber-Attacken ausgesetzt war. Genauso simpel ist seine Kategorisierung von Viren und Hackern: „Jeder Virus ist ein Verbrechen. Hacker tun Böses. Ich würde auch nie einen einstellen.“ Eine Frechheit: Schön alles in einen Topf werfen und dabei einen kriegerischen Jargon benutzen. Das fällt dem Kaspersky ja nicht schwer, schließlich wurde er als Kryptologe vom Geheimdienst KGB ausgebildet. Alle Spione leiden anscheinend unter Verfolgungswahn und ergehen sich in Andeutungen über mögliche Krisenszenarien. Eine Berufskrankheit. Deshalb mein Plädoyer: “Reset-Knopf für Sicherheitsfetischisten(Link)”:http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/6787-cyberwar-und-innere-sicherheit.

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