Wir müssen in Afghanistan viele gemeinsame Tassen Tee trinken. Rajendra Pachauri

Ich bin so frei

Das Internet wird, anders als von manchen Zeitgenossen befürchtet, nicht den vollständig transparenten Bürger erschaffen. Denn auch wenn moderne Postkarten, also E-Mails, gelesen werden können: Was außerhalb der Schrift ist, bleibt ein Geheimnis.

Im Netz herrscht, ob wir wollen oder nicht, Transparenz. Und die Handlungsempfehlung ist fast so alt wie das Internet: „Schreibe nichts in eine Mail, was Du nicht auch auf eine Postkarte schreiben würdest. Das haben wir schon in den 1990er-Jahren gesagt, als das Internet aus der Kinderkrippe kam. Der Satz war vielleicht nicht radikal genug formuliert. Heute müsste man es anders sagen. Gehe davon aus, dass alles, was Du sagst, schreibst oder sogar denkst, im Internet auftauchen wird“, mahnt der Publizist Tim Cole.

Pathos der Distanz

Das ist radikal formuliert. Aber ins Innere meines Kopfes können auch die besten Algorithmen des Cyberspace nicht blicken. Einen Trend zur Pornogesellschaft oder zur Obszönität, wie ihn der Philosoph Byung-Chul Han an die Wand malt, kann ich nicht erkennen. Er fordert, sich im Pathos der Distanz zu üben: „Die Transparenz-Gesellschaft ist eine Gesellschaft des Misstrauens und des Verdachts, die aufgrund des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle setzt“, so Han in seinem Büchlein „Transparenz-Gesellschaft“, erschienen im Matthes & Seitz Verlag. Moralische Werte wie Ehrlichkeit oder Aufrichtigkeit würden auf der Strecke bleiben. Transparente Kommunikation, die nichts Undefiniertes mehr zulässt, sei obszön.

„Die Welt ist heute kein Theater, in dem Handlungen und Gefühle dargestellt und gelesen werden, sondern ein Markt, auf dem Intimitäten ausgestellt, verkauft und konsumiert werden“, meint der Professor für Philosophie und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Kein Arkanum, keine Intimität und der Verlust der Privatsphäre sind die Folge. Im Netz liefere man sich freiwillig dem panoptischen Blick aus und beteiligt sich am Aufbau eines digitalen Panoptikums, indem man sich entblößt und ausstellt. Der Insasse sei Opfer und Täter zugleich.

In seinem etwas weitschweifigen Diskurs streift Han auch das Werk von Roland Barthes, den Denker, Dilettanten und Dandy der Literaturwissenschaft, wie ihn der Publizist Matthias P. Lubinsky bezeichnet. Han erwähnt Barthes nur bruchstückhaft. Der Zeitgehalt des „Es-ist-so-gewesen“ sei für Barthes die Essenz der Fotografie. Das Datum sei Teil des Fotos und schreibe ihm die Sterblichkeit, die Vergänglichkeit ein – im Gegensatz zur digitalen Fotografie. Sie lösche das Werden, das Altern, das Sterben aus. Aber nicht die Erinnerung, liebwertester Philosophie-Gichtling. Die war für den französischen Intellektuellen essenziell. Warum versuchte denn Barthes, aus bestimmten Büchern das Leben bestimmter Autoren herauszulesen? Mit Vorliebe stürzte er sich auf Tagebücher von Schriftstellern wie Kafka oder Tolstoi. Ihn lockte die Lebensschrift, die „écriture de vie“, das geschriebene Leben.

Was außerhalb der Schrift ist, bleibt ein Geheimnis

Es war Roland Barthes aber klar, dass er den ungeschriebenen Teil des Lebens nur streifen konnte. Was außerhalb der Schrift ist, bleibt ein Geheimnis. Was wir im Netz wahrnehmen an Bildern, Tönen, Verlautbarungen, Posen, Gesten, Mythen, Einsichten und Beobachtungen sind Fragmente, wie das komplette Werk von Barthes. Es dokumentiert das Leben als Stückwerk, als Sammelsurium von Zufälligem.

Im Netz regieren nicht Übersichtlichkeit, Kalkulierbarkeit, Ordnung und Kontrolle, sondern eher das Gegenteil. Transparenz ist wohl eher eine Fiktion des „Als-Ob“: Sonst könnten Innenminister, BKA-Bubis und sonstige Überwachungsschlappohren ja auf die Programmierung von Spionage-Software verzichten. Zur Ausforschung von Postkarten brauchen die Sicherheitsfetischisten weit weniger Aufwand zu treiben.

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