Selbst ist die Masse

Gunnar Sohn5.03.2012Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Soziale Medien statt Salongespräche: Für die Elite wird es immer schwieriger, den Dirigentenstab zu schwingen.

An der sozialen Intelligenz des Internets könne niemand mehr vorbeigehen, erklärte der Mind-Business-Unternehmensberater Bernhard Steimel “in einem Expertengespräch”:http://ichsagmal.com/2012/03/02/wie-man-soziale-intelligenz-fur-den-kundendialog-nutzt/ in Berlin: „Kunden suchen im Web oder über Apps nicht nur nach Produkten und Dienstleistungen. Sie vergleichen nicht nur Preise, sondern tauschen ihre Erfahrungen sowie ihr Wissen über Anbieter aus und beobachten die Bewertungen anderer Kunden. Wer diese Effekte vernachlässigt, hat auf dem Markt keine Chancen mehr.“

Notwendiger Kontrollverlust

Es gehe nicht mehr um die Verteilung und Organisation von Kommunikation. „In der Netz-Ökonomie machen das die Kunden selbst. Das Zulassen von selbstorganisatorischen Prozessen bedeutet eben Kontrollverlust. Das fängt beim Crowdsourcing an und geht bis zu komplett neuen Geschäftsmodellen, die immateriell existieren und von Kunden organisiert werden“, betont die Marketingprofessorin Heike Simmet von der Hochschule Bremerhaven. „Die Entscheidungen der Konsumenten beruhen nicht mehr auf Stiftung Warentest. Heute ist man mit dem Smartphone bewaffnet. Früher habe ich über Dinge geurteilt, die ich selbst überhaupt nicht genutzt habe. Mit meinem Smartphone und den sehr nützlichen App-Diensten hat sich das geändert. Hier schlägt Online ganz klar Offline. Es entsteht eine Wettbewerbssituation, die es so noch nicht gab. Entsprechend müssen sich Services neu positionieren“, erklärt der Berater Bernhard Steimel. Das gilt aber nicht nur für Kundendialoge. Die Intelligenz der unorganisierten und chaotischen Internet-Schwärme kann sich generell besser gegenüber Machtblöcken in Wirtschaft und Politik positionieren. Das ist die Quintessenz von Cord Riechelmann, der in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ die Machiavelli-Biografie von Volker Reinhardt (erschienen im C. H. Beck Verlag) rezensierte: Schwarmintelligenz statt Machtcliquen.

Machtverlust der Funktions- und Positionseliten

Klassische Netzwerke – nicht gleichzusetzen mit den technologischen Netzwerken des Webs – bleiben immer Herrschaftsinstrumentarien. Sie dienen der Verteilung von Einfluss und „damit dem Zugang zur Macht, unabhängig von allgemeinen Verdiensten, die sich jeder erwerben kann … Das Volk wird sich immer, weil es ja nur nicht beherrscht werden will, der Freiheit auf eine andere Weise nähern als die Großen.“ Auf einen modernen Begriff gebracht, bediene sich das Volk der “Schwarmintelligenz”:http://theeuropean.de/eberhard-lauth/9258-schwarmintelligenz-und-minderheiten, die Herrschenden der Netzwerke, Cliquen und Klüngel. „Schwarmintelligenz zeichnet sich in allen bisher untersuchten tierischen Verbänden wie Fischen, Vögeln, aber auch bei Bienen dadurch aus, dass in den Schwärmen eine übergeordnete Entscheidungs- und Koordinationsinstanz fehlt“, schreibt Riechelmann. Es gehe im Schwarm nicht um Hierarchisierungen und Positionierungen im Machtgefüge, sondern um schnell vermittelte Informationen, die immer in der Ebene des Schwarms bleiben, um beispielsweise eine effektivere Abwehr größerer Feinde zu gewährleisten. Im Internet wird es für die Funktions- und Positionselite in Unternehmen, Parlamenten und Parteien immer schwerer, den Dirigentenstab zu schwingen, um Kunden, Bürger und Wähler zu orchestrieren.

Gebrochenes Sprecher-Monopol

Die Dialogformen der sozialen Medien seien nichts anderes als die demokratisierte Form der Salonkonversation, die früher nur in elitären Kreisen geführt wurde – heute ist es ein Jedermann-Phänomen, so Professor Peter Weibel vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. Das Internet habe das Gespräch als politische Kraft zu einem Instrument der gemeinsamen Lebensgestaltung gemacht. Diese Dialoge müsse man als Philosophie des Sprechaktes sehen. „Hier werden Dinge mit Worten gemacht“, sagt Weibel. Das Sprecher-Monopol alter Machtcliquen ist gebrochen. Obsessionen für Verbote, Beschränkungen und Regulierungen der Netzfreiheit zeigen allerdings sehr deutlich, dass sich die liebwertesten Gichtlinge in den Chefetagen damit noch nicht abgefunden haben – sie stehen aber gegen die Weisheit der Masse auf verlorenem Posten. Christian Wulff wird es noch begreifen, wenn er weiterhin für seine “peinliche Bundespräsidenten-Amtszeit”:http://www.theeuropean.de/alexander-kissler/9949-praesidentenaffaere?page=3 neben dem satten Ehrensold “auch noch Geld für Büro und Personal verlangt”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819172,00.html. Wie wäre es mal mit einer Flashmob-Aktion in Großburgwedel?

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