Provinzialismus als StaatsrÀson

Gunnar Sohn9.01.2012Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

In Zeiten wie diesen sind originelle Denker wichtig, um die politischen Entwicklungen zu kommentieren und den Akteuren einen Spiegel vorzuhalten. So wie die Zeitschrift Merkur.

Schade, dass Kurt Scheel und Karl Heinz Bohrer die Herausgeberschaft der Zeitschrift „Merkur“ zum Ende des vergangenen Jahres abgegeben haben. Könnten beide Autoren doch “jetzt die Selbstzerfleischung der schmalspurigen Kinder des Parteienstaates in der FDP”:http://www.theeuropean.de/malte-lehming/9439-die-agonie-der-fdp und im Schloss Bellevue sĂŒffisant kommentieren. Etwa in der Fortsetzung von Bohrers brillanten Provinzialismus-Essays aus den neunziger Jahren, die JĂŒrgen Habermas so auf die Palme gebracht haben.

Politische Klasse des Mittelmaßes

Sind nicht Wulff, Rösler und der liberale Versicherungsvertreter-Selbstdemontage-GeneralsekretĂ€r Döring (Stern: „Die Verkaufskanone“) wĂŒrdige Vertreter einer politischen Klasse des Mittelmaßes? Sie reprĂ€sentieren die geballte UnfĂ€higkeit zu irgendeinem Konzept, zu irgendeinem Projekt. Schaumschlagende Rhetoren, die sich Spot und HĂ€me der vielstimmigen Kommentatoren im Netz redlich verdient haben. Die psychologische und politische Spießigkeit, die Bohrer vor rund 20 Jahren geißelte, ist nach wie vor ein Ärgernis. Meine metaphorischen AusflĂŒge in die Gedankenwelt der deutschen JĂ€gerzaun-ReprĂ€sentanten finden ihren Ursprung in der Serie des „Merkur“. „Sie erschien zu Beginn der neunziger Jahre in sechs Folgen, in denen die bundesrepublikanische HĂ€sslichkeit in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen in UniversitĂ€t, Geselligkeit, politischem Bewusstsein, Reklame, Schlager, Film, StĂ€dtebau und Geschmack portrĂ€tiert wurde“, schreibt Bohrer in der Dezember-Ausgabe des „Merkur“. In Helmut Kohl erkannte er den Meister des provinziellen Parteienstaates: „
 die Provinzen nĂ€hren die politische Klasse ĂŒppig, vor allem wenn man MinisterprĂ€sident ist, ohne jemals im Bundestag geprĂŒft worden zu sein. Karrieren jenseits des Parlamentarismus also, wie sie Kohl eingefĂŒhrt hat. Er war der erste Kanzler, der sich seine Sporen nicht als Debattenredner des Bundestages verdient hat und der sich niemals durch sein Wort an der TribĂŒne der Nation darstellte. Im Gegenteil: Mit ihm begann der Niedergang des westdeutschen Parlamentarismus (der in den fĂŒnfziger, sechziger oder siebziger Jahren glĂ€nzende Stunden gehabt hat) und der Aufstieg der provinziellen Kooperation: Wie niedrig deren politisch-rechtliche Kriterien liegen, hat der Beifall fĂŒr Kohl in diesem Milieu abermals gezeigt.“ Wie gut passen diese Passagen zum heutigen BundesprĂ€sidenten. Im Gegensatz zu vielen seiner VorgĂ€nger will ihm keine politisch-reprĂ€sentative Sprache gelingen: Nun versinkt er wie sein frĂŒherer Mentor Kohl in Bimbes-AffĂ€ren.

Originelle Denker sind wichtig

“Umso wichtiger sind originelle Denker”:http://www.theeuropean.de/martin-eiermann/9480-wulff-gegen-die-medien wie Bohrer und Scheel, die den liebwertesten Gichtlingen des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Establishments die Geistlosigkeit ihrer WorthĂŒlsen deutlich machen. Das Credo der ehemaligen „Merkur“-Herausgeber sollte auch der Nachfolger Christian Demand beherzigen: „Den Rechten ein Ärgernis, den Linken ein Juckpulver.“

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