Just great!

von Gunnar Sohn19.12.2011Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Wer glaubt, Esoterik sei lediglich der letzte Strohhalm vereinsamter Menschen, irrt. Ob Unternehmen oder Universitäten: Die Hoffnung auf das Überirdische zieht Menschen in ihren Bann – da hilft es auch nicht, Thomas Mann zu heißen.

Ich verstehe überhaupt nicht, warum sich liebwerteste Gichtlinge über das Esoterik-Geschwurbel der “Berliner Piraten-Fraktionsgeschäftsführerin Daniela Scherler(Link)”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,804278,00.html so aufregen. Sie befindet sich in bester Gesellschaft. Auch große Unternehmen pflegen ein skurriles Netzwerk mit Beratern, Managementgurus, Esoterikern, Wirtschaftsastrologen, Trainern und Agenturen: So gibt es Personalabteilungen, die neue Mitarbeiter über grafologische Gutachten auswählen und die Entwicklung von Führungskräften über Schamanen vorantreiben. Das geht am besten mit ganzheitlichen Konzepten, die in speziellen Kreativitätsseminaren gelernt werden. Manager stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor: „Es beginnt ein kreativer Tag und ich fühle mich gut. Just great.“ Gestresste Führungskräfte, die am Burnout-Syndrom leiden, ergehen sich in albernen Rollenspielen oder ruinieren ihr schwarz-graues Outfit durch unkoordiniertes Gefummel mit Knetmasse. Da fehlt dann nur noch das kollektive Einüben der Hechelatmung zwecks Unterstützung kreativer Presswehen in holistischen Trauma-Bewältigungs-Workshops. Und selbst im Tempel der Wissenschaften regieren nicht nur Prinzipien der Ratio und Vernunft. An einer hessischen Universität mit dem „Fachgebiet biologisch-dynamische Landwirtschaft“ prägt der ideologische Überbau des Anthroposophen Rudolf Steiner den Arbeitsalltag der Forscher.

Rindermist mit astralischen Kräften

Auf Grundlage seiner Lehren bemüht man sich, die landwirtschaftliche Praxis mit dem zu „verbinden, was für unsere normalen fünf Sinne verborgen ist“. Entsprechend sind die Lehrinhalte und Forschungsprojekte ausgewählt worden. Sie widmen sich dem „Unsichtbaren“: Es geht um die „Mondrhythmen im Pflanzenwachstum“, eine Doktorandin forscht über Lebens- und Ätherkräfte genannt und ergötzt sich an den übersinnlichen Methoden eines gewissen Herrn Dorian Schmidt. Über diesen anthroposophischen Methodenlehrer erfährt man in einem Essay zum Thema „Biogas“ in der Zeitschrift „Lebendige Erde“ (4/2006), er habe „mit übersinnlichen Erkenntnismethoden“ gezeigt, „dass die astralischen Kräfte des Rindermistes bei der Vergärung aus dem Mist heraus getrieben werden“. Zur „biologisch-dynamischen Landwirtschaft“ nach Steiner zählt auch das Vergraben von Kuhhörnern im Acker bei Vollmond. Die obskuren Vorstellungen für die Agrarwirtschaft sind eingebettet in ein nicht minder sonderliches Weltbild. Danach vollzog sich die Menschheitsentwicklung nacheinander auf sieben „Planeten“. Laut Steiner gab es keine Evolution. Vielmehr bildeten sich irgendwann „Lemurier“ und „Atlantier“ heraus, und aus Letztgenannten die „Arier“, zu denen der selbst ernannte Meister sich selbst und die kultivierten Westeuropäer zählte – nicht aber die „verkümmerten Menschen“, deren Nachkommen heute noch als sogenannte wilde Völker gewisse Teile der Welt bewohnen.

Thomas Mann und das teleplastische Zipfel-Taschentuch

Und auch der aufgeklärte Großschriftsteller Thomas Mann stand im Bann okkultistischer Lehren und war beeindruckt von der „teleplastischen Morphogenese“. Er besuchte in den 20er-Jahren über einen Zeitraum von vier Jahren regelmäßig die Séancen des Geisterbarons Schrenck-Notzing in München und hat sich bis zu seinem Lebensende nie von diesem Spiritismus-Zirkus distanziert, so “Germanistik-Professor Manfred Dierks(Link)”:http://www.youtube.com/watch?v=6dBfy5GxMKE auf einer Veranstaltung der “Thomas-Mann-Gesellschaft(Link)”:http://www.youtube.com/watch?v=eQtcFUYtAFI in Bonn. „Im Rotlicht des Sitzungssalons schwebte ein Leuchtring auf und ab. Immerhin ohne jede Menschenhilfe. Eine Tischglocke einsam und allein auf einem Tischchen läutete sich selbst. Und eine frisch erschaffene Materie, ein Plasma, stieg vom Körper des Mediums auf und erreichte als Nebel die Zimmerdecke. Dann gab es eine Verzögerung. Medium Willi hatte sich jetzt eine anspruchsvollere Leistung vorgenommen und nahm dazu einen längeren Anlauf. Es war eher eine Geburt. Etwas wollte heraus. Willi stieß seinen Körper hin und her, presste und stöhnte. Lustvoll erlitt er den Gebär- und Geschlechtsakt in einem. Thomas Mann hatte sogar von Samenergüssen Willis gehört. Aber was dabei herauskam, als es schließlich geschah, war es denn die Qualen wert?“, fragt sich Dierks, Autor des Buches „Thomas Manns Geisterbaron: Leben und Werk des Freiherrn Albert von Schrenck-Notzing“, das im nächsten Jahr erscheint. In der Regel entsprang der Materialisation schlichtweg ein Taschentuch. Mehr passierte nicht. Den Höhepunkt erreichten die spiritistischen Sitzungen, wenn das Objekt mit Zipfelchen in der Luft schwebte und das Auditorium von der wissenschaftlichen Beweisführung der teleplastischen Morphogenese überzeugt wurde. An der okkulten Echtheit der Phänomene wollte Thomas Mann 1923 nicht zweifeln, obwohl fast alle Star-Medien, die im Münchner Salon auftraten, als Betrüger entlarvt und juristisch belangt wurden: „Ich bin überzeugt, dass eine spätere Wissenschaft es denjenigen Dank wissen wird, die in unseren Tagen den Mut oder die Unbefangenheit hatten, ihren Sinnen zu trauen.“ Insofern sollte die Esoterik-Leere von Daniela Scherler etwas ernster genommen werden. Denn: „Der Dumme glaubt neue Wahrheiten hervorzubringen, indem er wirre Ideen vereinigt.“ (Dávila) Beste Voraussetzungen, um mit den Scherler-Vertiefungsseminaren „Lebe Deine Macht!” auch parteipolitisch zu punkten.

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