Warum man hausmeisterliche Algorithmen bekÀmpfen sollte

von Gunnar Sohn15.08.2011Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Algorithmen lauern hinter jeder Ecke. Was uns bei der Sortierung von Informationen hilft, kann gleichzeitig bevormunden und zur KonformitÀt zwingen. Wer hat noch Macht im Internet? Der Macher, oder das Werkzeug?

Mit Professor Joseph Weizenbaum und Professor Wolfgang Wahlster disputierten vor einigen Jahren auf der Berliner Fachmesse „Call Center World“ zwei der profiliertesten Informatiker ĂŒber Chancen und Grenzen der Mensch-Maschine-Kommunikation. Weizenbaum, der in den 60er-Jahren zu den bahnbrechenden Forschern auf dem Gebiet der Informatik zĂ€hlte und unter anderem am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete, stellte sich im Lauf seiner Karriere immer kritischere Fragen ĂŒber die gesellschaftlichen Folgen der Fortschritte in der Computertechnik. Was ihn im Kern immer mehr bewegte, war die Frage nach der Wechselwirkung zwischen technischer Entwicklung und gesellschaftlichen VerĂ€nderungen. Sein Hauptvorwurf: „Die Extremisten, die Ideologen der KĂŒnstlichen Intelligenz, versuchen, Gott zu spielen. Da muss man von GrĂ¶ĂŸenwahn, buchstĂ€blich von Wahnsinn sprechen.“

„Mein Ausgangspunkt ist der Mensch“

Wolfgang Wahlster, Leiter des Deutschen Forschungszentrums fĂŒr KĂŒnstliche Intelligenz (DFKI) in SaarbrĂŒcken und einziges deutsches Mitglied des Nobelpreiskomitees, spricht hingegen von einer „Informatik fĂŒr den Menschen“: Eine der wichtigsten Herausforderungen fĂŒr die zukĂŒnftige Wissensgesellschaft sei die Schaffung intelligenter Technologien fĂŒr die Mensch-Technik-Interaktion, die den natĂŒrlichen Kommunikationsstil von Technik-Laien akzeptieren, einen direkten Dialog mit der Technik unterstĂŒtzen und damit Hemmschwellen bei der Nutzung von Hochtechnologie abbauen. „Semantische Technologien ĂŒberbrĂŒcken die LĂŒcke zwischen der Fachsprache der Informatik und den Sprachen ihrer Anwender, weil sie es erlauben, verschiedene Begriffssysteme ohne Bedeutungsverlust ineinander zu ĂŒbersetzen. Automobilingenieure, Medizintechniker oder Logistikexperten sind mit semantischen Technologien in der Lage, sein Wissen und seine Prozessmodelle digital in der eigenen Fachsprache zu formulieren, ohne die speziellen kĂŒnstlichen Sprachen zur maschinellen WissensreprĂ€sentation erlernen zu mĂŒssen“, betonte Wahlster in Berlin. Der Computer, die Maschine mĂŒsse im Kommunikationsverhalten dem Menschen entgegenkommen, ist Wahlster ĂŒberzeugt. „Mein Ausgangspunkt ist der Mensch“, so die Position des inzwischen verstorbenen Informatikveteranen Weizenbaum. Der „Pionier, Dissident und Computerguru“ der KI-Forschung stellte den Begriff des „Verstehens“ infrage: „Heute ist es Mode geworden, ĂŒber ‚computer understanding of natural language’ zu sprechen. Dem Computer soll also beigebracht werden, die natĂŒrliche Sprache – zum Beispiel Deutsch oder Englisch – und nicht nur die kĂŒnstlichen Sprachen wie eben spezifische Computersprachen zu verstehen. Das beinhaltet die Idee, dass ein Satz eine bestimmte Bedeutung hat.“ Maschinen fehle aber der menschliche Erlebnishintergrund. Sie können sogar zu Vollstreckern von Befehlen werden und wesentlich brutaler agieren. Da lohnt die LektĂŒre des Werkes „Mythos der Maschine“ von Lewis Mumford. Jedes System, jeder Automat, jede Maschine ist ein Produkt des menschlichen Geistes, bemerkt Lewis Mumford in seinem Werk „Mythos der Maschine“. So kann sich anfĂ€nglich hilfreiche Technik sehr schnell zum repressiven Oberlehrer wandeln – mit und ohne semantische Technologien. Es ist aber höchst bedenklich, wenn Systeme, GerĂ€te oder Suchmaschinen darĂŒber entscheiden, was richtig und was falsch fĂŒr uns ist, unser Verhalten einschrĂ€nken oder sogar sanktionieren. In einer Debatte ĂŒber die Abschaltung eines Google+-Accounts verwies ein Diskutant auf das merkwĂŒrdige ServiceverstĂ€ndnis der liebwertesten Internet-Gichtlinge auf der Anbieterseite: “Shoot first, ask later”:http://gunnarsohn.wordpress.com/2011/08/09/shoot-first-ask-later-merkwurdiges-verstandnis-im-umgang-mit-kunden-uber-die-sperrung-eines-google-accounts/. Wer gegen die Regeln von Internet-Konzernen verstĂ¶ĂŸt, wird erst einmal mit der Auslöschung seiner virtuellen Existenz bestraft und kann erst danach nachweisen, ob er ĂŒberhaupt wĂŒrdig ist, wieder in den Kreis des Netzwerkes aufgenommen zu werden. Wer ist in diesem Spiel eigentlich Knecht und wer König? Mit der Web-2.0-Revolution sollte die Über- und Unterordnung doch vorbei sein. Mit den Peer-to-peer-Technologien wollte man die alte Leitdifferenz zwischen Herrschaft und Dienerschaft ĂŒberwinden – wie es Markus Krajewski in einer interessanten Untersuchung darlegt: „Der Diener – Mediengeschichte einer Figur zwischen König und Klient“ (S. Fischer Verlag) Der König ist tot, lang lebe der Kunde, der ohne weitere Kosten – seine Informationen aus dem Netz zu fischen und weiter zu verschenken vermag. Krajewski vergleicht das mit der Revolution von 1848 und dem berĂŒhmten Zitat der Köchin Trina, die im Hause Buddenbrook diente: „Warten Sie man bloß, Fru Konsulin, dat duert nu nich mehr lang, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak; denn sitt ick doar up’m Sofa in‘ sieden Kleed, und Sei bedeinen mich denn 
“ Ob dieser Rollentausch heute nicht mehr notwendig sei, wie Krajewski meint, halte ich fĂŒr fragwĂŒrdig. Im Virtuellen wĂŒrden nunmehr nur Gleichrangige kommunizieren. Das sehen die ausgestoßenen digitalen Existenzen wohl etwas anders.

Diktatur der Algorithmen

Kippen die MachtverhĂ€ltnisse in sozialen Netzwerken zugunsten der Anbieter von Netzinfrastrukturen, so besteht die Gefahr einer neuen Diktatur der Maschinen und Algorithmen. Der Anwender mutiert zum Knecht und der Anbieter zum König. Eine Automaten-Diktatur könnte sich nachhaltiger auswirken als das paternalistische Verhalten unter Menschen, warnen die Wissenschaftler Sarah Spiekermann und Frank Pallas: Zum einen wĂŒrden Maschinen automatisch und autonom reagieren. Sie lassen den Betroffenen nur wenig Möglichkeiten zur Antizipation oder Reaktion – Google und „Shoot first, ask later“-Prinzip. „Zum anderen ist Technik absolut. Hat beispielsweise ein Fahrer Alkohol in der Atemluft, so ist es ihm gĂ€nzlich unmöglich, das entsprechende Auto zu starten – auch in NotfĂ€llen, in denen das Fahren unter Alkoholeinfluss ĂŒblicherweise akzeptiert wĂŒrde.“ Der Paternalismus der gut meinenden Kontrolleure sei bei Technologien nicht nur mit Gehorsam oder Obrigkeitshörigkeit verbunden, sondern erzeuge einen Zwang zu absoluter KonformitĂ€t. Autonom agierende Maschinen werden zu absoluten KrĂ€ften, deren Entscheidungen und Handlungen nicht umgangen oder missachtet werden können. Wer hat nun wirklich die Macht, das Werkzeug oder der Meister, fragt sich der Multimedia-Regisseur Jean-Noel Lafargue. Wie kann man sein digitales Schicksal wieder in die eigenen HĂ€nde nehmen? Vielleicht brauchen wir mehr Hacker-RevolutionĂ€re, die Programme so einsetzen, wie es weder vorgesehen noch erlaubt ist. So kann der Nutzer nach Auffassung von Lafargue erfahren, wie ein Programm funktioniert und wie man es verbessern kann – nicht nur technisch, sondern auch politisch.

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