Der Fukushima-Schock

von Gunnar Sohn11.04.2011Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Damals Sputnik, heute Fukushima: Warum sollten es die Deutschen nicht schaffen, die Katastrophe in Japan für eine neue Welle technologischer Innovationen zu nutzen? Fest steht, dass wir bei allen Gefahren, die andere Energiequellen bergen, nicht vergessen dürfen, dass radioaktiver Müll von keiner Regierung der Welt Jahrtausende kontrolliert werden kann.

Seit Fukushima verschließen „die“ Deutschen ihre Augen ganz besonders vor den Segnungen des Fortschritts, meint der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf in einem „Focus“-Gastbeitrag. Und er versteigt sich zu der These, dass nicht nur die Kohle als Energiequelle tödlicher sei als Atomkraft. „Das gilt auch für die erneuerbaren Energien. Mit Staudammbrüchen und vielen lokalen Katastrophen verursachten die erneuerbaren seit 1975 pro zehn Milliarden Kilowattstunden achtmal mehr Tote als die Kernenergienutzung; Tschernobyl eingeschlossen.“ Der liebwerteste Gichtling der Relativierung bringt sofort auch die 1,2 Millionen Verkehrstoten, die weltweit zu verzeichnen sind. Die Sachschäden mit eingerechnet, würden die Straßenunfälle in Deutschland jährlich Kosten von gut 30 Milliarden Euro verursachen. „Ein Jahrzehnt auf deutschen Straßen war also bereits so teuer wie das Erdbeben, der Tsunami und die Reaktorkatastrophe in Japan zusammen“, schreibt Reichholf.

Entscheidend ist die Beherrschbarkeit

Es ist nicht zu bestreiten, dass es eine risikolose Welt ohne Unfälle, ökologische Schäden und Opfer nicht geben wird. Entscheidend ist aber die Beherrschbarkeit von Risiken zu Lebzeiten. Beim Atomausstieg geht es nicht um Technikfeindlichkeit, Hysterie oder Kulturpessimismus. Es geht um die Frage des „Zivilisationsrisikos“, wie es Peter Becker in seinem Buch „Aufstieg und Krise der deutschen Stromkonzerne“ ausgedrückt hat. Jedes Atomkraftwerk, ob es nun in die Luft fliegt oder nicht, produziert jahrhundertelang strahlenden Abfall. Wie kann die jetzt lebende Generation es verantworten, kommenden Generationen diesen Schrott als Nachlass zu überlassen? Becker verweist auf die strahlende Zeitachse. Man sollte sich bewusst machen, dass Atommüll rund 500 bis 100.000 Jahre strahlt und vom Staat überwacht werden muss. Der Evolutionsbiologe Reichholf ist doch darin geübt, die Zeitläufte zurückzurechnen. „300, 500, 1000 oder 10.000 Jahre – das sind unsere Geschicke seit dem Dreißigjährigen Krieg, sind die Entwicklungen seit Luthers Geburt, dem ‚Hexenhammer‘ und der Entdeckung Amerikas, das ist die Menschheitsgeschichte seit den Tagen des Neandertalers“, so ein Zitat des Verfassungsjuristen Hasso Hofmann. Hier geht es um eine Geschichte von Kriegen und Krisen, die niemand vorhersehen, kalkulieren oder steuern konnte. Glauben wir allen Ernstes, dass die Zukunft vom Staat so gesteuert werden kann, dass man mit den atomaren Entsorgungslasten in den kommenden Jahrhunderten zurechtkommen kann? Staudammbrüche, Überschwemmungen oder Autounfälle belasten die jetzt lebende Generation und führen zu einer zeitlich begrenzten Last.

Der Fukushima-Schock

Die veraltete, anmaßende und rückständige Atomenergie ist dagegen ein vergiftetes und nicht zu steuerndes Erbe für die Zukunft. Wir sollten also aufhören, die Ablehnung der Atomenergie als ökoromantisch, technikfeindlich oder angstgetrieben abzuqualifizieren. Sie ist das genaue Gegenteil. Auch wenn es jetzt mit dem Fukushima-Schock einen noch radikaleren Wandel des Meinungsklimas gibt. Es gibt keine Befunde, dass die Menschen in Deutschland in einer Angststarre verharren. Warum sollte es jetzt technologisch nicht einen extremen Schub geben wie nach dem sogenannten Sputnik-Schock? Allen sollte klar sein, dass wir mit barfüßigen Propheten und Ökopredigern die Energiewende nicht schaffen werden. Das ist eine Aufgabe für Ingenieure, Erfinder, Tüftler, Netzwerkspezialisten, Hersteller von Elektronikprodukten, Planern, Wissenschaftlern und Unternehmensgründern. Wir brauchen eine Effizienzrevolution, die in den vergangenen 200 Jahren durch technologischen Fortschritt ausgelöst wurde. In diesem Zeitraum hat sich die Arbeitsproduktivität verzwanzigfacht, wie Ernst Ulrich von Weizsäcker nachgerechnet hat. Ähnliches ist auch mit der Ressourcenproduktivität möglich. Es geht also nicht nur um die Umstellung auf erneuerbare Energien, es geht auch nicht um einen Kampf um Subventionen und Fördertöpfchen, wie es zur Zeit der Fall ist. So errichtete das Beschaffungsamt des Bundesinnenministeriums in Bonn ein neues Bürogebäude, das im Winter über eine Geothermieanlage vollständig mit Energie aus dem Erdreich aus Tiefen von rund 120 Metern beheizt wird. Wird dem Erdreich im Winter Wärmeenergie zur Beheizung des Gebäudes entzogen, wird dort gleichzeitig automatisch Kälte eingelagert. Sie wird nur teilweise zur Kühlung der IT-Räume benötigt. Der verbleibende Teil kann zur Kühlung der Büros herangezogen werden. „Haushalte, Firmen, Gemeinden können schon seit einiger Zeit ihre Energie selber produzieren und damit positive Geschäftsmodelle errichten. Damit schafft man robuste und dezentrale Systeme. Beginnend bei Fahrzeugen und Haushalten, über Firmen, Gemeinden, Kreise, Bundesländer, hin zu Staaten und Kontinenten“, so die Überzeugung des Netzwerkspezialisten Bernd Stahl von Nash Technologies. Für den Atomausstieg sind Untergangspropheten und Dogmatiker schlechte Ratgeber. Auch sollten wir Menschen misstrauen, die uns definitive und universelle Lösungen vorgaukeln. „Jedes menschliche Problem hat viele Lösungen, und Humanität beweist sich in dem Mut, den eingeschlagenen Weg konsequent, aber in dem Bewusstsein zu gehen, dass es auch andere Wege gibt, die nicht weniger berechtigt sind“, führt der Publizist Henning Ritter aus. Zurückhaltung, Bescheidenheit und weniger lärmende Besserwisserei führen zu Überlegenheit und Überzeugung. Auf internationalem Parkett sollten wir wieder lernen, kleine Brötchen zu backen, das kann der Weg zu Einfluss sein, so der Ratschlag von Ritter. Auch in der Energiepolitik! _Korrektur: In der ursprünglichen Version wurde der o.g. Focus-Beitrag unvollständig zitiert. Die Einheit “Kilowattstunden” wurde von uns nachträglich hinzugefügt._

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