Ein Handbuch der Niedertracht

von Gunnar Sohn13.06.2011Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Nach oben gelangen nicht immer die besten und klügsten Köpfe. Doch was ist die Voraussetzung für Erfolg? Ein beschränkter Geist, findet der Journalist Maurice Joly. Im Geiste Machiavellis meint Joly, dass die richtige Anwendung der Verlogenheit noch jedem geholfen habe.

Wer sich über farblose, mittelmäßige, technokratische und dilettantische Erscheinungen in Wirtschaft und Politik ärgert, sollte sich mit der Biografie ihres Aufstiegs beschäftigen. Nach oben gelangen nicht immer die besten und klügsten Köpfe. Es sind häufig intrigante, servile, raffinierte und rücksichtslose Geister, die den Weg nach oben schaffen. Sie kennen die Schwächen ihrer Konkurrenten, organisieren meisterlich nützliche Seilschaften und wechseln im geeigneten Moment die Fronten. „Unter den Füßen seiner Konkurrenten wird der Fallende wertlos, ein Kadaver, der vom Schlachtfeld zu verschwinden hat. Sein Ächzen geht im Lärm der Menge unter, und im Getümmel hört man nur einen Schrei: Aufsteigen! Erfolgreich sein!“, schreibt der Anwalt und Journalist Maurice Joly in seinem satirischen Exkurs „Handbuch des Aufsteigers“ – ein Leitfaden der Niedertracht in sechs Kapiteln, der als Voraussetzung für Erfolg nur eines erkennen mag: den beschränkten Geist.

Richtige Anwendung der Verlogenheit

Er verfasste seine ätzende Schrift vor rund 140 Jahren im französischen Gefängnis. Amüsanter geschrieben als die Management-Schinken, die uns vom Fließband präsentiert werden. Joly verbüßte eine Haftzeit von 18 Monaten wegen seiner vorausgegangenen Veröffentlichung „Ein Streit in der Hölle. Gespräche zwischen Machiavelli und Montesquieu über Macht und Recht“ (1864). Mit Scharfsinn, Ironie und Spott beschreibt er in seinem Handbuch die auch heutzutage noch gültigen Imperative für den Erfolg der mediokren Akteure des öffentlichen Lebens: „Berühmtheit gibt es aufgrund von Vorurteilen, übertriebenem Ansehen und konventioneller Bewunderung.“ Durch die richtige Anwendung der Verlogenheit und der kalkulierten Anbiederei kann jeder die schnelle Karriere machen. Joly deckt eine anthropologische Grundkonstante auf. „Es ist Gott recht klar, dass wir ein Volk von eitlen Gecken sind, die sich vor Neid verzehren.“ Er geht davon aus, dass in der menschlichen Gesellschaft ein dauernder, durch das Gesetz geregelter Kriegszustand herrscht, und zieht daraus, im parodistischen Stil eines Leitfadens, die Konsequenzen.

Eine Kombination aus Borniertheit, Besessenheit und Zynismus

Mit ironischer Distanz seziert Joly die Laufbahnen der Eitelkeit, die kalkulierten Kabalen jener „dicken, fetten“, von grundlosem Ruhm sich nährenden Parvenüs, die früher wie heute zu den Schaumschlägern der prominenten Gesellschaft zählen. Eine Kombination aus Borniertheit, Besessenheit und Zynismus bringt selbst die dümmsten Gestalten in den Olymp des Starkultes. Am Rollenspiel der hohlköpfigen Aufsteiger sind in erster Linie die Massenmedien beteiligt. Auch dieses Zeitgeistphänomen beschrieb Joly schon im neunzehnten Jahrhundert. „Diese universelle Ruhmsucht kann offensichtlich nur durch den Journalismus befriedigt werden. Er allein hat die Macht, diese Begierde zu demokratisieren, indem er sie ein wenig in die Reichweite von jedermann rückt.“ Man braucht sich nur die Inflation von pseudoprominenten Schwachköpfen in den Talkshows betrachten und wird jeden Tag fündig. Die Öffentlichkeit verlangt nach jemandem, den sie bewundern kann, Journalismus dagegen bewundert nur, wen und wann er will. Joly: „Das muss so sein, schließlich ist es seine Auswahl, die das Signal für den Applaus gibt, eine neue Welle schafft, die Besucherströme ins Theater, zum Buchhändler, zum Kaufmann lenkt … Die Gewohnheit des Publikums, sich nur noch unter den Einpeitschungen einer wild gewordenen Reklame in Bewegung zu setzen, löst einen perfekten mechanischen Ablauf aus. Kein Geschmack, keine Vorliebe kann der Kraft eines aufgedrängten Erfolgs standhalten. Es gibt sogar eine Art fassungsloser, abgestumpfter Faszination, die sich aus dem Zynismus der Werbung ergibt.“ Eine Lebensweisheit von Joly ist für viele liebwerteste Berater-Gichtlinge niederschmetternd: „Wer über die Dinge des Lebens die besten Beobachtungen angestellt hat, ist im Allgemeinen am wenigsten erfolgreich.“ So ein Pech.

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