Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Ernst-Wolfgang Böckenförde

Der Spion, der aus der Tasche kam

Die Angst vor den Datenkraken Google und Facebook wird immer wieder geschürt. Aber wie steht es um der Deutschen liebstes Spielzeug, das Handy? Ein erster Hinweis lässt stutzen: Regierungsmitglieder benutzen keine Smartphones, denn die sind nicht sicher.

Ein Handy hat jeder. Das Protokoll, nach dem die meisten Geräte arbeiten, heißt GSM. Alle reden von den Datenkraken Google und Facebook im stationären Internet. Kaum einer interessiert sich für die Sicherheit in der mobilen Kommunikation. Daran sind die Geheimdienste nicht ganz unschuldig, vermutet Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs.

Der Verschlüsselungsstandard, der die Verbindung des Telefons mit der Funkzelle gegen ungewollte Lauschangriffe absichern soll, sei absichtlich schwach konstruiert worden, sodass Geheimdienste ihre Arbeit ohne Hürden verrichten können. "GSM-Telefonie ist die auf der Welt am weitesten verbreitete Kommunikationstechnologie. Man sollte also meinen, es gäbe ein gewisses Interesse daran, für Abhilfe zu sorgen, wenn Sicherheitslücken öffentlich werden. Stattdessen wurde jedoch jahrelang abgewiegelt und zuweilen dreist geleugnet“, schreibt Kurz in einem Gastbeitrag für die FAZ.

Keine Smartphones für Regierungsmitglieder

Bei GSM-Handys von Geheimnisträgern wie der Bundeskanzlerin sieht das etwas anders aus. Die Sicherheitsanforderungen für die Informationstechnik der Bundesverwaltung werden durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) als zuständiger Behörde festgelegt. Insbesondere für den Einsatz in Bereichen wie den Regierungsnetzen, die den Regelungen der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift des Bundesministeriums des Innern zum materiellen und organisatorischen Schutz von Verschlusssachen (VS-Anweisung – VSA) unterliegen, ist für einen Einsatz eine Zulassung oder eine Einsatzempfehlung des BSI erforderlich: "Für die verschlüsselte Sprachkommunikation über das klassische Handy gibt es im Moment zwei Geräte, die vom BSI für den Einsatz bis VS-NfD (VERSCHLUSSSACHENUR FÜR DEN DIENSTGEBRAUCH) zugelassen sind: Dies sind die Produkte Secuvoice der Firma Secusmart und TopSec Mobile der Firma Rhode & Schwarz SIT. Alle diese Produkte werden bereits in der Bundesverwaltung eingesetzt“, sagt die BSI-Sprecherin Nora Basting gegenüber NeueNachricht.

Angeblich werden für Regierungsmitglieder keine Smartphones angeschafft. Zumindest wenn es um vertrauliche Informationen geht. Ein mobiler Datentransfer gilt als zu unsicher. Bestätigt wurde das vom BSI nicht: "Grundsätzlich werden Smartphones, ebenso wie andere mobile Geräte wie Handys oder Laptops, auch in der Regierungskommunikation eingesetzt. Das BSI kann jedoch keine Auskünfte darüber geben, welche Personen in der Bundesregierung welche einzelnen Geräte einsetzen. Zuständig sind die einzelnen Ressorts“, so die BSI-Sprecherin.

Nimm mal wieder den Akku raus

In internen Analysen sollen die Aktivitäten ausländischer Geheimdienste zum Smartphone-Verbot geführt haben. An der Spitze steht wohl die USA. Das BSI möchte dazu nichts sagen: "Für nachrichtendienstliche Aktivitäten sind auf Bundesebene andere Institutionen zuständig wie beispielsweise das Bundesamt für Verfassungsschutz.“ Allerdings bestätigt das BSI die Möglichkeit, "Schadsoftware über offene Schnittstellen wie Bluetooth oder W-LAN auf ein Smartphone zu spielen – unabhängig von Zielen oder Hintergrund der Angreifer“. Für Aufklärung könnten ja die liebwertesten Gichtlinge von WikiLeaks sorgen. Oder man beherzigt den Vorschlag von Constanze Kurz: Gelegentlich mal wieder den Akku aus dem Telefon zu nehmen hat viele Vorteile. "Man hat plötzlich wieder Zeit zum ungestörten Reden und Nachdenken. Und der kleine nagende Zweifel im Hinterkopf, wer denn noch so alles am Gespräch teilhat, kann für ein Weilchen ruhen.“


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