Die politischen Visionen des Piraten Peter Sunde

von Gunnar Sohn16.12.2015Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Ob es um den Euro, um Facebook oder das Abendland geht: Untergangspropheten wandeln in einer Komfortzone des Schlauermeiertums: Als Alarmglocken-Lautsprecher hat man in jedem Diskurs-Szenario recht.

Als Alarmglocken-Lautsprecher hat man in jedem Diskurs-Szenario recht. Falls das Unheil eintritt, hat man es immer schon gewusst. Je größer das Elend, desto triumphaler die Geste des Allwissenden. Bleibt zu Lebzeiten die Niedergangs-Vorhersage aus, ist es sogar noch besser: Dann waren es die eigenen Warnungen, die die Menschheit gerettet haben. Den Rest erledigt die Vergesslichkeit des Publikums oder die Kunst der Umdeutung eigener Aussagen. Die Wahrheitsmenschen mit dem “Ich-weiß-was-Image” entfalteten in den 1920er Jahren als barfüßige Propheten begnadete Show- und Reklame-Talente, um sich als Heiler geschundener Seelen zu verdingen.

In diese Kategorie passt auch Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde, der sich im “Vice-Interview”:http://motherboard.vice.com/de/read/pirate-bay-gruender-peter-sunde-ich-habe-laengst-aufgegeben-228 als Kämpfer des einzig wahren und freien Internets inszeniert. Die Leute seien einfach zu blöd, um zu erkennen, dass derzeit nur raffgierige kapitalistische Profiteure wie Apple, Facebook, Google oder Uber das Geld einsacken. Da er sich mit seiner Definition eines freien Internets nicht durchsetzt, müsse halt die gesamte Menschheit erst einmal in den Abgrund stürzen, um das digitale Weltgeschehen nach den Maßstäben des flattr-haften Crash-Jodlers Sunde zu gestalten.

Blut, Tod und Niedergang

Kostprobe aus dem apokalyptischen Interview: „Hoffentlich werden Roboter uns die Jobs wegnehmen, was zu einer weltweiten Arbeitslosenquote von bis zu 60 Prozent führen könnte. Menschen wären sehr unglücklich. Das wäre toll, denn dann würde man sehen, wie der Kapitalismus uns einholt. Es wird viel Angst geben, viel verlorenes Blut und viele Leben kosten, um an diesen Punkt zu gelangen. Aber der vollständige Kollaps des Kapitalismus ist das einzig Positive, was ich in der Zukunft noch sehe. Hoffentlich sobald wie möglich. Ich wäre lieber 50 als 85, wenn das System zusammenbricht“, so die anmaßende Prognose des mit kapitalistisch teuren Apple-Technik ausgestatteten Piraten. Er wünscht sich Blut, Tod, Untergang und rechnet mit dem totalen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems.

Danach könne man dann einen Kommunismus etablieren, der jedem Menschen die gleichen Chancen und Perspektiven bietet. In der Vergangen habe dieses Modell nicht so gut funktioniert. Beim nächsten Versuch wird das besser? Also eine Ideologie etablieren, die zentralistischer daher kommt als jedes private Monopol und im ersten Anlauf über 100 Millionen Menschen das Leben kostete? Was für ein selbstgerechter und egozentrischer Polit-Depp. Da Klein-Sunde sich mit seinen Aktivitäten gegen die Copyright-Gesetzgebung nicht durchsetzen konnte, muss das Weltgeschehen erst einmal den Bach runtergehen, um den heiligen Gral seiner Download-Kultur zu entdecken.

Totalzusammenbrüche sind ausgeblieben

Totalzusammenbrüche mit Analogien zur wirtschaftlichen Depression von 1929 erwarteten nach der Lehman-Krise auch einige Medien in Deutschland. Nüchterne Stimmen im Meer der schlechten Nachrichten konnte man mit der Lupe suchen. Das Sozialprodukt ist in dieser Zeit zwar geschrumpft, aber auf einer sehr hohen Basis. Der prozentuale Rekordeinbruch sagte wenig über die realen Effekte aus. Faktisch sind wir nach der Finanzkrise auf die Wirtschaftsleistung von 2006 zurückgeworfen worden – ein Jahr, das wir als ein opulentes Jahr des Aufschwungs in Erinnerung haben. Unser Wohlstandsniveau liegt um ein Vielfaches über dem vor 85 Jahren.

Was immer man vergleicht – die Lebenserwartung, die Qualität des Essens, das Bildungsniveau, die Wohnsituation, der industrielle Kapitalstock – wir leben so dramatisch viel reicher als die Generation von 1929. Auch das Wohlstandskind Peterle Sunde. Wir müssten schon eine Rezession von 90 Prozent Niveaurückgang erleiden, um in eine Welt aus Suppenküchen und Tuberkulose-Epidemien zurückzufallen. Fatalistische Phrasen, die der wenig faktenkundige Sunde durch die Gegend pustet, machen das Internet nicht besser..

Fatalismus lähmt

Aktivisten sollten nach Meinung des Wissenschaftlers Steven Pinker aufhören, ständig zu jammern, dass die jüngste Krise die allerschlimmste sei, dass es uns so schlecht gehe wie nie und dass die Welt sowieso dem Untergang geweiht sei. Damit würde man anderen Leuten doch nur das Gefühl vermitteln, dass es nichts bringt, sich einzusetzen – dass Jahrzehnte des Aktivismus reine Zeitverschwendung waren. „Aktivistinnen und Aktivisten müssen anfangen, mit Logik und Fakten zu hantieren, und nicht nur Moral predigen. Man muss nicht sein Gehirn abschalten, um Aktivist zu sein.“

Konstruierte Krisengewissheiten, wie sie der liebwerteste Gichtling Sunde kommuniziert, führen zur Erstarrung und stärken gar die Machtverkrustungen, die man kritisiert. Es gibt nur begrenzte Wirklichkeitshorizonte. Es wird weitere Krisen geben mit überraschenden Sollbruchstellen. Die kann man nutzen, um Dinge zu ändern. Pragmatisch, skeptisch und in kleinen Schritten. Durch Machteliten-Hacking, Ideen-Infiltration und unberechenbare Aktionen.

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