Lebendige Diskurse

von Gunnar Sohn22.10.2015Medien

Livestreaming erfreut sich auch im Business-Bereich immer größerer Beliebtheit. Vorbei sind die Zeiten der in Postproduktion “schön gemachten” Firmen-Filmchen – Interaktivität und Partizipationsmöglichkeiten sind das Gebot der Stunde.

Der TV-Journalist Richard Gutjahr hat die Devise aufgebracht, dass Livestream der neue Mainstream sei. Mit den mobilen Diensten Periscope – von Twitter aufgekauft – und Meerkat hat sich in diesem Jahr in der Tat einiges verändert. Man startet mit dem Smartphone die App, drückt auf Senden und schon geht die Übertragung los. Mit Dritt-Anbietern wie katch.me lassen sich die „Stream your Life“-Aufnahmen speichern, ohne die eigene Mediathek in Anspruch zu nehmen und wertvollen Speicherplatz auf den mobilen Geräten zu blockieren sowie ohne Notwendigkeit des Hochladens auf Youtube oder Facebook – das Einloggen läuft über den eigenen Twitter-Account.

Aseptische Imagevideos zum Wegklicken

Der Charme dieser Spontan-TV-Applikationen liegt in der Schnelligkeit. Echtzeitkommunikation mit Interaktionsmöglichkeiten: Live, ungeschminkt, ohne Teleprompter und verfälschende Postproduktionen mit Anwendungen wie Final Cut. Viele liebwerteste Gichtlinge in der Unternehmenskommunikation neigen zu Schönwetter-Filmchen, wo die Akteure ihr weltweit führendes und gut aufgestelltes Plastikdeutsch ins Mikrofon stottern. Aseptische Imagevideos zum Wegklicken. Wer gebaute Beiträge mag, kann das ja machen und sich stundenlang mit der Videobearbeitung herumschlagen. Mich interessiert das nicht sonderlich. Bei längeren Gesprächsrunden lade ich ab und zu via ClipGrab die Audiospur herunter und packe die Datei als Podcast für die Badewanne und für längere Bahn- oder Autofahrten auf Soundcloud. Wird immer wieder so gewünscht. Sind Ereignisse planbar, wie die IBM BusinessConnect in Köln oder die Next Economy Open in Bonn, bevorzuge ich nach wie vor den Google Dienst Hangout on Air für die Liveübertragung.

Google könnte mehr tun

Ist das schnell und mobil? Die Hangout-App sicherlich nicht. Sie ist in die Jahre gekommen und wird von Google sträflich vernachlässigt. Videokonferenzen sind wie bei Skype möglich. Schickt man den Zugangslink zum Live-Hangout an ein Smartphone, gehen auch Außenreportagen. Dabei wäre ohne großen Entwicklungsaufwand mehr drin: Mit der Youtube-Anbindung von Hangout on Air, einer Chatfunktion wie bei Periscope oder Meerkat und der Zuschaltmöglichkeit von weiteren Gesprächspartnern könnte Google sehr leicht an die Spitze der mobilen Livestreaming-Apps schießen.

Dennoch eignet sich Hangout on Air auch für mobile Szenarien. Periscope und Meerkat sind exzellent einsetzbar für spontane Stimmungsberichte, schnelle Sendekritik wie bei heute+ oder Making-of-Einblicke. Live-Hangouts punkten bei der nachhaltigen Wirkung von Ereignissen – linear gesendet mit einem Live-on-Tape-Effekt, da beim Start des Livestreams sofort der virtuelle Rekorder auf Youtube anspringt und die Konserve schon während der Ausstrahlung angelegt wird. Wer verspätet einen Hangout als Zuschauer anklickt, kann zurückspulen und danach wieder in den Live-Modus zappen. Mit einem Laptop, vernünftigen USB-Mikrofonen oder einem Audio-Interface wie das Scarlett 2i2 von Focusrite für XLR-Mikrofone, einer externen Webcam, guter Beleuchtung und schnellem Internet ist das Livestreaming-Studio für unterwegs innerhalb von zehn Minuten aufgebaut.

Über Google+ wird die Veranstaltungsseite für die Live-Übertragung eingerichtet und fungiert wie eine Landing-Page. Sehr praktisch ist der Kalender, mit dem man Live-Hangouts terminieren kann. Es ist allerdings noch nicht möglich, eine Sendung für das Jahr 3995 zu fixieren. Zu diesem Zeitpunkt dürften wir das Merkel-Ziel der Gigabit-Gesellschaft erreicht haben, wenn wir uns beim Breitband-Ausbau weiterhin so anstrengen, wie in den vergangenen Jahren….. Für anstehende Konferenzen, Messen, Barcamps, Seminare, Lesungen, Workshops, Podiumsdiskussionen, Webinare und Kundenevents dürfte diese zeitliche Einschränkung kein Hindernis sein.

Eine neue Art der Improvisationskunst

Mich reizt das Unperfekte beim Livestreaming. Es gleicht der Improvisationskunst von Jazz-Musikern, schreibt Umberto Eco. Es werden Bilder erzeugt und zur Ansicht gebracht ohne die Möglichkeit der Wiederholung. Als Operator stürzt man sich in ein Gestaltungsabenteuer. Es geht um Zufall, Handlung und Überraschungen, wie beim SocialTV-Konzept, das ich für die IBM BusinessConnect realisiert habe.

Wenn etwa brandeins-Autor Wolf Lotter Empfehlungen für das Arbeiten in der Ablenkungsgesellschaft gibt, die sich deutlich abheben von den Digitalisierungsstrategien der Unternehmen. Es geht Lotter um die Rückkehr zur Konzentration. Computer müssen uns die Zeit freischießen, um geistig arbeiten zu können. Das kommt im öffentlichen Diskurs zu kurz. „Wir kommen aus der Fabrikgesellschaft, aus der Industriegesellschaft und denken die Digitalisierung immer noch falsch. Wir organisieren uns in den Routinen der Industrialisierung.“

Die Netzökonomie dürfen wir nicht mehr im Maschinen-Kopf denken, sondern als individuelle Problemlösungs-Gesellschaft. Deshalb ist die Metapher von der Universalmaschine irreführend. Nicht mehr Routinen und Prozesse sollten der Mittelpunkt der Informatik sein. Es muss etwas Neues kommen, nämlich die Unterstützung des personalisierten Wissensprozesses. Das Hamsterrad-Prinzip sollte nicht mehr den Arbeitsalltag bestimmen. Genauso wenig das Duckmäusertum, wie im Top-Management von VW, bemerkt Ole Wintermann von der Bertelsmann-Stiftung.

Das Social Web lebt von der Partizipation und von der Autonomie, entsprechend müsse auch die Arbeitswelt neu ausgerichtet werden. Also soziale Netze in das Unternehmensleben integrieren, wie es Cornelia Heinke (Bosch) und Harald Schirmer (Continental) im Live-Hangout-Gespräch skizziert haben.

Klar und unverblümt äußerten sich Sascha Pallenberg von Mobile Geeks und der Analyst Axel Oppermann zur Allianz von IBM und Apple.

Die früheren Rivalen werden zu einem Machtfaktor bei Business-Anwendungen in Konkurrenz zu Microsoft, SAP, Cisco und Salesforce. „Wir haben hier einen weiteren wichtigen Player im Markt in der Kooperation von Hardware, Software und Software-Entwicklung. Hier muss sich jeder angegriffen fühlen, der in diesem Umfeld unterwegs ist“, so Pallenberg. Knackige Aussagen, die nur im Live-Modus möglich sind.

Wir sehen, hören und streamen uns beim NextSendezentrum der “Next Economy Open am 9. und 10. November in Bonn”:http://nexteconomy.me/2015/08/14/neo15-als-ideenspender-vom-nextsendezentrum-bis-zur-plattformisierung-der-wirtschaft-ab-nach-bonn-im-november/

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