Tinder-Shopping

Gunnar Sohn14.10.2015Medien

Immer mehr User verwenden AdBlock, um unliebsame Werbeinhalte beim browsen herauszufiltern. Die Industrie reagiert auf das neue Nutzerverhalten mit „Tinder-Shopping“

Die Cluetrain-Autoren Doc Searls und David Weinberger kritisieren die Online-Werbestrategien der Unternehmen massiv: Anbieter betreiben Tracking und Targeting, sie fangen und akquirieren, managen und verwalten „ihre“ Kunden, als ob wir Sklaven oder Vieh wären. „Das meiste sogenannte Conversational Marketing ist genau genommen peinlich“, so David Weinberger. Vieles sei roboterhaftes Gefasel. Netzunterhaltungen werden verfälscht und verseucht.

Erpressung bei AdBlock

Entsprechend wächst der Anteil der nervigen Werbung. Popups, Popunder, Banner-Müll mit Stalking-Mechanismus und Videos, die ungefragt abspielt werden, dominieren das dröhnende Werbespiel im Netz. Bei den vernetzten und gut informierten Kunden stößt das immer mehr auf Granit. Mit gesundem Menschenverstand erkennt man recht schnell, ob Unternehmen relevante Inhalte bieten oder nur manipulativen Schrott verbreiten. „Wer nervt, ist mit einem Klick draußen“, so der Werber Amir Kassaei. Die Argumentation von Views, Likes und Reichweite sei in dieser Welt fehl am Platz: „Darum geht es nicht mehr. Es geht um Relevanz, die sich nicht an Definitionen von Google, Facebook und Marketing-Fachleuten orientiert.“

Entsprechend wächst der Anteil von Internet-Nutzern, die sich über Filtersysteme gegen die Cookie-Attacken der liebwertesten Werbe-Gichtlinge zu wappnen. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass auch das Geschäftsgebaren der so genannten AdBlocker nicht ganz sauber erscheint. Das Angebot des „Whitelisting“, bei dem sich Publisher von der Werbeblockade freikaufen können, sei aus Sicht des Axel Springer Verlages ein erpresserisches Vorgehen. Die Nerven liegen blank, wie man an der Anti-AdBlocker-Strategie von Bild.de erkennen kann. Wer AdBlocker einsetzt, wird von den Inhalten des Tratsch-Mediums ausgeschlossen. Ich kann das verkraften. Beim Boulevard-Blatt sieht die Sache anders aus. Meedia geht davon aus, dass das Portal Bild.de seine “Spitzenposition”:http://meedia.de/2015/10/13/konsequenz-vs-marktfuehrerschaft-die-moeglichen-folgen-der-anti-adblocker-strategie-von-bild/ bei der „Reichweite“ einbüßt. Zur Zeit liege der Anteil der Werbeverweigerer, die Bild.de mit AdBlockern ansteuern, bei 20 bis 23 Prozent. Der Medienrezipient scheint in diesem Machtkampf wohl nur eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Tinder-Shopping

In der aktuellen Ausgabe von GDI-Impuls wird eine interessante Alternative ins Spiel gebracht. Das Ganze nennt sich Tinder-Shopping und lehnt sich an dem Auswahlmechanismus der Dating-App Tinder an. Das Prinzip ist simpel: Wisch nach links: gefällt nicht, Wisch nach rechts: gefällt. „Du magst Sneakers, neonfarbig und nicht geschnürt? Schon poppen die ersten Angebot auf dem Screen aus. Ein kleiner Wisch nach links, und du lässt jedes Produkt fallen, das dir nicht gefällt. Hast du einer Marke zehnmal eine Abfuhr erteilt, verschwindet sie für immer von deinem Screen: „Shop until they drop“, schreiben Judith Mair und Bitten Stetter.

Der Kunde entscheidet über den individuellen Zuschnitt der Angebote von Produkten und Diensten. Das setzt die Werbeindustrie kräftig unter Druck, denn sie müssen es in diesem Szenario schaffen, den Nerv des App-Anwenders genau zu treffen – ansonsten droht die Verbannung vom Smartphone-Screen. Publisher und Werber müssen sich vom Spam-artigen Zumüllen aller Kommunikationsplattformen verabschieden, wenn sie Kunden nicht verlieren wollen.

„Matchmaking“ ist das Zauberwort. Anbieter, Mittler und Kunden sollten steuern können, wo und mit welchen Inhalten sie zueinander finden. Jan Steinbach und Uwe Freese von Xengoo schmieden für die Blogosphäre an so einem Projekt. „Der Schlüssel dazu sind Transparenz der Interessen und klare Strukturen für die Zusammenarbeit“, sagt Steinbach. Erste Ideen werden auf der “Next Economy Open”:http://nexteconomy.me/2015/07/07/auf-zur-neo15/ am 9. und 10. November in Bonn vorgestellt.

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