Würde ist was für die Mittelschicht. Harald Schmidt

Pauschale Rundumschläge bringen halt mehr Aufmerksamkeit

Inzwischen gehört es für Intellektuelle fast schon zum guten Ton, das Internet zu kritisieren. Das nervt.

Den Text vorlesen lassen:

Twitter-Prosaist Günter Hack ärgert sich über die fehlgeleitete und ahnungslose Technik-Kritik, die Geistesgrößen wie Evgeny Morozov mit aggressivem Sendungsbewusstsein, gepaart mit Ahnungslosigkeit am laufenden Band absondern.

Morozov und seine deutschen Epigonen hätten schlicht keinen Dunst von einer IngenieursKULTUR, die das Internet und Open Software und viele andere Aspekte unseres täglichen Lebens sehr stark informiert haben. „Sie negieren diese Ingenieurskultur, obwohl es ihr gottverdammter Job wäre, sie zu kennen und sie zu analysieren. Wenn sie es täten, dann wären sie vielleicht wirklich dazu in der Lage, eine tragfähige Analyse zu schreiben, nämlich die, inwieweit sich diese Ingenieurskultur im Valley unter Einfluss und Druck von Geheimdiensten und Risikokapital und noch mehr Geheimdiensten und noch mehr Risikokapital verändert hat“, schreibt Hack.

Auf „der Tächnäkk“ herumdreschen

Das sei die eigentlich spannende Geschichte, die ein Intellektueller heute zu erzählen hätte, anstatt blind auf „der Tächnäkk“ herumzudreschen, die er sowieso nicht versteht. Pauschale Rundumschläge bringen halt mehr Klicks und Aufmerksamkeit. Dabei wäre es wichtig, zu verstehen, wie sich diese Technologen ausdrücken.

„Der Job des Intellektuellen bestünde darin, mit den Leuten zu sprechen, die den Code schreiben, und die generativen Feedbackschleifen aufzuzeichnen und dann Ursachen und Wirkungen allgemein verständlich zu benennen. Stattdessen bekommen wir platte Kapitalismuskritik (die einiges erklärt, aber eben nicht das Wesentliche) und Untergangsgeheul.
Der Programmierer macht also seinen Job, der Intellektuelle macht ihn nicht“, moniert Hack. Er plädiert für eine differenzierte Archäologie im Sinne der Actor-Network-Theory.

Paradoxe Interventionen gegen den NSA-Silicon-Valley-Komplex

Materiell-semiotische Netzwerke sind in der Regel fragil und kurzlebig. Bestimmte Beziehungen müssen wiederholt werden, um einer Auflösung entgegenzuwirken. Wer dieses Beziehungsgeflecht versteht, kann ein mächtiger Gegen-Akteur werden, um beispielsweise mit paradoxen Interventionen gegen den faustischen NSA-Silicon-Valley-Pakt zu agieren.

Mit den staatlichen Datenschützern, die Teil des Überwachungssystems sind, wird das nur schwer gelingen. Auch mit Verschlüsselungstechnologien kommt man nicht weit, das brachte der US-Sicherheitsexperte Phil Zimmermann im Interview mit „Futurezone“ klar zum Ausdruck: „Wenn die NSA hinter Ihnen her ist, wird Sie auch das Blackphone nicht schützen. Sie finden immer einen Weg. Die NSA kommt überall rein“, so der Entwickler von PGP, Silent Circel und Blackphone Kryptographie.

Zimmermann gab übrigens zu, dass er selber nicht mehr verschlüsselt kommuniziere, weil er nur noch iPhones und iPads nutze.

Wenn das so ist, muss man andere Methoden zum Einsatz bringen. Liebwerteste Gichtlinge der Technik-Kritik, werdet Mitglied im Chaos Computer Club.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

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