Veto-Maschine gegen dümmliche Politik

von Gunnar Sohn24.06.2015Gesellschaft & Kultur

Politiker erzählen viel und nicht selten reden sie über Dinge, die sie nicht verstehen. Ein Rechner namens „Watson“ könnte ihren Halbwahrheiten nun auf die Schliche kommen.

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Der IBM-Rechner „Watson“ ist wohl ein ziemlich schlaues Kerlchen. Nicht erst seit seinem legendären Sieg über die Champions des Ratespiels „Jeopardy“. Er kann noch viel mehr. Watson ist ein Fakten-Checker:

Seine Software der künstlichen Intelligenz ist bereits bei Behörden, Institutionen und Unternehmen in den USA im Einsatz. Das System unterstützt Onkologen bei der Behandlung von Krebspatienten, führt natürlich-sprachliche Verkaufsberatungen bei einer Bekleidungsmarke und leitet aus der permanenten Analyse digitaler Medien ab, welche Themen sich als gesellschaftliches Mem abzeichnen und welche davon auf die Agenda der Wirtschaft gehoben werden sollten. In der Definition von Patrick Breitenbach spricht man von einem Internet-Mem erst dann, wenn sowohl der Variationsgrad als auch die Anzahl der Verbreitung dermaßen zunimmt, dass die Quantität der Verbreitung für die beobachtenden Internetnutzer als Trend wahrgenommen wird. Nachzulesen im Opus „New Media Culture: Mediale Phänomene der Netzkultur“, erschienen im Transcript Verlag.

Entlarvung von politischen Scharfmachern

Watson könnte nach Ansicht von Brightone-Analyst Stefan Holtel auch den Politikbetrieb dramatisch verändern, da er Aussagen von Politikern einem Echtzeit-Faktencheck unterziehen kann. Oder bei Wahlkampfreden, wenn mal wieder irgendein Sündenbock-Thema aufgetischt wird, beispielsweise bei der CSU-Kampagne „Wer betrügt, der fliegt“.

Gleiches könnte bei der Propaganda-Show der SPD zur Durchsetzung der Vorratsdatenspeicherung zum Einsatz kommen, um die Scharfmacher, Überwacher und Salonsheriffs der Sozialdemokraten vom Schlage des Innenministers Reinhold Gall zu entlarven. Sie werben selten mit redlichen Argumenten, sondern mit „populistischem, faktisch falschem, dumpfem Dreck, der die allerfalschesten Teile der Bevölkerung politisch anspricht“, “kritisiert Sascha Lobo in einem Blogpost”:http://saschalobo.com/2015/06/22/wie-man-nicht-fur-die-vorratsdatenspeicherung-argumentiert/.

Es würde sich lohnen, jedes einzelne Wort des unsäglichen Tweets von Starker-Staat-Gall zu analysieren. Die Geisteshaltung des baden-württembergischen Politikers sei in wirklich jedem Detail unwürdig für einen Innenminister in einer Demokratie.

Polit-Rhetorik entzaubern

Vielleicht würde die Kognitionsmaschine den liebwertesten Gichtlingen der Politik endlich vermitteln, wie man mit Kontrollverlust richtig umgeht. Letztlich ist die Speicherwut des Staates ein Ausdruck der Hilflosigkeit. „Es ist die Aufrechterhaltung der Hoffnung auf eine einfache Lösung für komplexe, digitale Probleme. Es ist eine Form von Sicherheitsesoterik und Datenaberglauben, die viele Behörden mit anfachen: Wenn man nur genug speichert und überwacht, kriegt man die gesellschaftlichen Probleme in den Griff. Das ist leider ein bitterer Trugschluss“, so Lobo.

Inhaltsleere Polit-Rhetorik und polemischer Alarmismus könnten mit einer Veto-Maschine fundierter sowie schneller ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden, erklärt Holtel. Damit wird Watson nicht zum Gestalter von Politik. Er könnte mit seinen Echtzeit-Analysen allerdings die Barrieren für dümmliche Agitation erhöhen.

Kognitive Höchstleister

Selbst die recht bescheidenen Hotline-Angebote würden sich verbessern – jenseits von den Marketing-Versprechungen der Service-Industrie, wie Brightone-Analyst Stefan Holtel beim G-Summit in Berlin deutlich machte.

Die kluge Kombination von Mensch und Maschine sei dem Fachexperten, der nicht auf intelligente Hilfsmittel zurückgreifen kann, statistisch immer überlegen. Die Stärken beider „Denkeinheiten“ werde die Wissensarbeit verbessern. Wenn es um Empathie geht, sei der Mensch der Maschine klar überlegen. Maschinen wiederum sind nach Ansicht von Holtel kognitive Höchstleister, wenn es um Erinnerung, Analyse, Erkennung, Kombinatorik und Schlussfolgerung geht. Schweißt man beides zusammen, profitiert vor allem der Mensch.

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