Eine Unze Mythos

von Guido Walter23.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Seit der Antike ist Gold ein Knappheitsprodukt. Des Goldes wegen wurden Kriege geführt, geplündert und erobert. Die Gier danach ist geblieben. Obwohl die Menge des weltweit geförderten Goldes seit neun Jahren stagniert, steigt in der Finanzkrise die Beliebtheit von Gold als vermeintlich sicherem Investment. Dass Gold meist unter schwierigen sozialen Bedingungen gefördert wird, blenden seine Käufer gern aus.

Elam Harnish, genannt Burning Daylight, ist dem Goldfieber erlegen. Als Ende des 19. Jahrhunderts am Klondike in Alaska gewaltige Vorkommen des gelben Metalls entdeckt werden, setzt er sich den Strapazen einer 2.000 Meilen weiten Schlittenfahrt aus, um in den neuen Claims im Norden Gold zu waschen. Und tatsächlich gelingt Daylight ein großer Goldfund. Jetzt will er mehr. Er gelangt als Minenbesitzer und Unternehmer zu Vermögen, und es reicht ihm immer noch nicht. Er zieht nach New York, zockt in der Welt der Hochfinanz um noch mehr Reichtum. Aus dem idealistischen jungen Anwalt ist längst ein verbitterter Zyniker geworden, der sich dem Alkohol hingibt. Das Gold hat ihn zwar reich, aber nicht glücklich gemacht. Erst als Daylight die schüchterne Dede Mason kennenlernt, ändert er sein Leben. Die beiden kaufen sich eine Ranch in Kalifornien und leben fortan im Einklang mit der Natur. Bis zu diesem Tag im April, als Burning Daylight bei Gärtnerarbeiten in einem Graben eine Goldmine von unvorstellbaren Ausmaßen entdeckt. Was nun? Kein Autor hat seinen Lesern Mythos und Wirkung des Goldes klarer aufgezeigt als Jack London mit “Lockruf des Goldes”. Der Roman ist zeitlich im Goldrausch des Jahres 1897 am Klondike River in Alaska verortet, als das Goldfieber zur Epidemie wuchs. Die Gier danach aber ist viel älter. Gold zählte zu den ersten Metallen, die von Menschen verarbeitet wurden, und hatte von Anbeginn die Aura des Göttlichen. Die griechischen Argonauten trotzten der See, um zum Goldenen Vlies nach Kolchis zu gelangen. Im Alten Testament hämmerten sich die Israeliten mit dem Goldenen Kalb ein Götzenbild, während Moses die Zehn Gebote empfing. Im Neuen Testament wird Gold neben Weihrauch und Myrrhe als eines der Huldigungsgeschenke der Weisen aus dem Morgenland für den neugeborenen Jesus erwähnt. Des Goldes wegen wurde geplündert und erobert. Die Gier nach Gold lockte die Konquistadoren nach Amerika, indigene Kulturen gingen wegen ihres Goldes unter, Spanien wurde im 16. Jahrhundert zur reichsten Nation der Erde. Gold steht seither für Gier und Macht. Herrscher aller Epochen begehrten es. Denn Gold war gleichbedeutend mit Prestige.

Teures Gold für Indien – die Hochzeitssaison hat begonnen

Daran hat sich bis heute nichts geändert. So hat die Volksrepublik China zur Feier ihres 60-jährigen Bestehens 10 Kilogramm schwere Goldbarren gießen lassen. Zwar liegt die aufstrebende Wirtschaftsmacht mit 393 Tonnen hinter Indien nur auf Platz zwei bei den jährlichen Goldimporten. Doch auf dem Goldmarkt ist das Riesenreich eine feste Größe. Als der Internationale Währungsfonds kürzlich bekannt gab, neue Kredite durch den Verkauf von 403 Tonnen Gold zu finanzieren, signalisierte China Interesse. Der Hintergrund ist klar. China, aber auch Japan oder Russland wollen weg vom schwächelnden Dollar. Gold ist der letzte Hort der Stabilität, weil es knapp ist. Papiergeld kann man in jeder gewünschten Menge nachdrucken. Die Goldförderung dagegen ist schwierig, neue Vorkommen lassen sich nur unter hohen Kosten erschließen. Seit neun Jahren stagniert die Menge des weltweit geförderten Goldes. Auch wenn die Nachfrage nach Goldschmuck in der weltweiten Finanzkrise gesunken ist, sorgt die Sehnsucht der Anleger nach Stabilität für eine große Nachfrage nach dem gelben Metall. Zertifikate, die dem Anleger ein Recht auf die Auslieferung von physischem Gold verbriefen, boomen. Die Anbieter dieser Finanzprodukte müssen deshalb ihre Goldbestände stetig weiter aufstocken. Dennoch sind ihre Deckungskäufe nicht hauptverantwortlich für den rasanten Anstieg des Goldpreises. Der resultiert in erster Linie aus den hohen Kaufvolumen an der US-Terminbörse, also aus Spekulation. Wenn die “zittrigen Hände” ihre Goldfutures auf den Markt werfen, droht ein rascher Preisverfall. Rückschläge stehen auch wegen des massiven Rückgangs der Nachfrage bei Goldschmuck auf der Agenda. Hier hängt viel von Indien ab, dem 2008 mit 713 Tonnen im Jahr größten Goldimporteur der Welt. In Indien beginnt im Oktober traditionell die Hochzeitssaison, teure Goldgeschenke gehören einfach dazu. Aber auch Tradition hat ihre Grenzen. Um nahezu 90 Prozent sind Experten zufolge aktuell die Goldimporte nach Indien eingebrochen. Gold ist den Indern derzeit schlicht zu teuer. Denn der Preis für eine Unze Gold hat die 1000-Dollar-Marke hinter sich gelassen, und selbst damit liegt das Allzeithoch noch in weiter Ferne. Anfang der 80er-Jahre wurden 850 Dollar für die Unze gezahlt, inflationsbereinigt wären das heute 2.300 Dollar. Seinen Tiefstand erreichte Gold am 21. Juni 1999, als die Unze nur noch 252,90 US-Dollar kostete. Das Hauptargument der Skeptiker war damals schon das gleiche: Gold zahlt keine Zinsen. Relativ neu ist, dass Gold wegen der ausbeuterischen Bedingungen, unter denen es zumeist gefördert wird, als ethisch nicht korrekte Anlageform kritisiert wird. Die Investmentklasse Gold ist, so die Anhänger von alternativen Anlageformen, nicht mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Gold macht also nicht jeden glücklich. Das wusste schon der verliebte Elam Harnish aus “Lockruf des Goldes”. Er nahm Spitzhacke und Schaufel, lockerte das Erdreich und schüttete so die eben entdeckte Goldmine zu, damit sie für ewige Zeiten vor dem Tageslicht verborgen bleibt.

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