Der Nibelungenschatz von New York

von Guido Walter23.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

In Frankfurt am Main unterhält die Bundesbank einen schwer bewachten unterirdischen Tresor. In etwa 20 Meter Tiefe lagern die milliardenschweren Goldreserven der Bundesrepublik Deutschland. Ein schöne Geschichte, die nur leider nicht stimmt. Die Wahrheit über den Goldschatz der Deutschen.

33 Liberty Street, an der Südspitze von Manhattan. Ein Sandsteinbau mit hohen Gitterfenstern. Rein kommt nur, wer zuvor seine Daten vom FBI überprüfen lässt. Durch den schmalen Eingang führt dann der Weg, vorbei an drei Schwerbewaffneten, in den Untergrund. Zahlreiche Türen sind zu überwinden, die mit Stahlzylindern und Lichtschranken gesichert sind. “Gold is irresistable – Gold ist unwiderstehlich” – prangt auf dem Schild über der letzten Tür. Dann stehen die Stahlkäfige da. Aus ihnen leuchtet und schimmert Gold. Hier, im Tresor der Federal Reserve Bank of New York (Fed), lagert das Gold der Welt: rund 550 000 Barren im Wert von über 100 Milliarden Euro. Dagobert Duck würde heulen vor Glück. Noch unglaublicher: Ein großer Teil des Goldes soll der Deutschen Bundesbank gehören. Dass die Hüter des deutschen Goldes ihre rund 3.400 Tonnen hauptsächlich in New York lagern, ist ein offenes Geheimnis. Der genaue Standort der deutschen Goldbarren gilt dennoch als geheim. Die Bundesbank schweigt sich über die genaue Verteilung aus. Der größte Teil liegt wohl in Manhattan. Weitere Teile im amerikanischen Fort Knox, bei der Bank of England und bei der Banque de France in Paris. Einen Teil ihrer Goldbestände hält die Bundesbank in eigenen Tresoren im Inland, weitere Bestände werden insbesondere an wichtigen Goldhandelsplätzen bei den dort ansässigen Zentralbanken verwahrt.

Welcher Barren wem gehört, weiß nur die Fed

“Dies hat sich historisch und marktbedingt so ergeben, weil das Gold an diesen Handelsplätzen an die Bundesbank übertragen wurde”, sagt Madleen Petschmann von der Deutschen Bundesbank. Marktbedingt, weil die Bundesbank zur Durchführung ihrer Goldaktivitäten an den Handelsplätzen Goldbestände vorhalten muss. Historisch, weil in den Zeiten des Kalten Krieges der deutsche Staatsschatz in New York wesentlich sicherer lagerte. Frankfurt am Main wäre im Kriegsfall von der Roten Armee in wenigen Stunden erreicht worden. Auch der Ursprung des deutschen Goldes reicht in diese Zeit zurück. Es ist das Gold der Mark. Als die Währung 1948 eingeführt wurde, waren die Deutschen Währungshüter fast blank an Gold. Doch 20 Jahre später besaß die Bundesbank den zweitgrößten Goldschatz der Welt. Ein Ergebnis des Wirtschaftswunders, genauer gesagt: des erfolgreichen Außenhandels. Die Überschüsse zahlten die europäischen Staaten fast zur Hälfte mit Gold. Doch das edle Metall hat Deutschland nie gesehen. Die Fed hat einfach die Barren in deutsche Boxen umgepackt. Das System funktioniert bis heute so. Die bei der Fed gelagerten Goldreserven gehören 60 unterschiedlichen Nationen. Welcher Barren wem gehört, weiß nur die Fed. Sie allein kann die Nummern zuordnen, die an den Goldkäfigen hängen. Obwohl die Golddeckung der Mark 1972 endete, bleibt das deutsche Gold in den Tresoren unangetastet. Es schlummert vor sich hin, wie der Nibelungenschatz auf dem Grund des Rheins. Natürlich haben diverse deutsche Finanzminister versucht, das Gold flüssigzumachen.

Die Goldbestände der Bundesbank sind Teil des Volksvermögens

So kritisierte Ex Bundesfinanzminister Hans Eichel im Jahr 2004 die Entscheidung der Bundesbank, ihre Verkaufsoption auf Gold nicht ausgenützt zu haben. Ludwig Erhard wäre vor Schreck die Zigarre im Mund verdorrt. Und er hätte recht behalten. Denn 2009 steht der Goldpreis erheblich höher als 2004. Bundesbankpräsident Axel Weber ist sich ihrer Verantwortung bewusst, wenn er sagt: “Die Goldbestände der Bundesbank sind Teil des Volksvermögens, sie haben für die Bevölkerung einen hohen Symbolwert.” Würde Weber das Gold liquidieren und unter das Volk verteilen, würde sich wahrscheinlich aber niemand dagegen wehren. 3.400 Tonnen Gold, aufgestapelt zu etwa 270.000 Goldbarren à 12,5 Kilo, sind derzeit etwa 76 Milliarden Euro wert. Verteilte man das Gold auf jeden Einwohner Deutschlands, würde jeder Gold im Wert von etwa 926 Euro erhalten. Ohnehin ist Gold hierzulande beliebt. Berechnungen des World Gold Council zufolge lag die Investmentnachfrage im zweiten Quartal 2009 mit 28 Tonnen satte 23 Tonnen höher als im Vergleichsquartal des vergangenen Jahres. Deutschland ist einer der wichtigsten Goldimporteure. 2008 wurden 115 Tonnen eingeführt. Aber der Staatsschatz wird wohl in New York bleiben. Zwar sind Lagerstellenwechsel laut Angaben der Bundesbank nicht generell ausgeschlossen, aber ein Transport nach Deutschland und die Verwahrung in eigenen Tresoranlagen mit zu hohen Kosten verbunden.

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