Plot-Spoiler, ihr sollt in der Hölle schmoren!

von Guido Walter2.04.2010Gesellschaft & Kultur, Medien

Bei TV-Serien mit einer durchgängigen Handlung wie bei “Lost” kann es fatal sein, auf jemanden mit Informationsvorsprung zu treffen. Denn ein Plot-Spoiler genießt die Macht seines Herrschaftswissens allzu gerne.

Ein Abendessen in Berlin-Kreuzberg. Auf dem Tisch dampft das Käsefondue. Die Stimmung ist heiter, die Gespräche kreisen um die geplante Indienreise. Als Nächstes um die Frage, welche thailändische Insel denn die schönste ist. Dann passiert es. “Ko Lanta, Wahnsinn der Strand im Westen, das ist quasi der Strand bei ‘Lost’. Aber da sind die ja längst weggezogen, und die anderen …” “Stopp”, rufe ich. “Kein Wort mehr zu ‘Lost’!” Der Plot-Spoiler schweigt. Eigentlich unhöflich. Aber bei akuter Petzenabwehr statthaft.

Wieder ein neues Rätsel

Gerade, wenn es um Serien mit einer durchgängigen Handlung wie “Lost” geht. Jener von J. J. Abrams (“Star Trek”) produzierten Mystery-Serie um das Schicksal der 48 Überlebenden von Flug Oceanic 815, die sich auf einer einsamen Insel durchschlagen und tödlicher Gefahren erwehren müssen. Bei “Lost”, aber auch beim Fantasymärchen “Heroes” oder Actionthrillern wie “24”, erwächst die Spannung durch immer neue Enthüllungen zu Figuren und Handlungssträngen. Kleinste Szenen oder Anspielungen in Dialogen stellen beim Zuschauer bislang sicher geglaubte Erkenntnisse infrage. Und erzeugen Spannung, die von Cliffhangern am Episodenende noch gesteigert werden. Wieder ein neues Rätsel, welches das Warten auf die nächste Folge zur wohligen Qual macht. Wer die zweite Staffel zu Ende gesehen hat, ersehnt die dritte.

Das zarte Pflänzchen Spannung

Und dann sitzt einer am Tisch, der sich mitten in der sechsten Staffel befindet und sich in seinem Herrschaftswissen aalt. Wenn man so einen Spielverderber (engl.: to spoil = verderben) vor sich hat, ist das echtes Pech. Denn der Verräter genießt seine Macht gern. Fühlt sich noch wohl in seinem Dekonstruktivismus. Mit Infohäppchen sät er Verwirrung, lässt dann erste Ahnungsknospen sprießen, um dann dem zarten Pflänzchen Spannung mit einem Schlag den Kopf abzuhacken. Dabei beschränkt sich das Unwesen des Plot-Spoilertums längst nicht auf TV-Serien. Der Spoiler kann einem den Kinobesuch oder den Abend mit dem neuen Adventurespiel auf PC oder Konsole vermiesen. Wer will schon den Namen des Mörders wissen, wenn beim “Tatort” erst der Vorspann läuft? Institutionalisiertes Plot-Spoilertum betreiben auch jene TV-Sender, die aus Neid, die Fußballbundesliga nicht übertragen zu dürfen, samstagabends Spielergebnisse und Tabellenstände heraustrompeten. Am schlimmsten ist es aber gewiss bei TV-Serien. Es soll Leute geben, die wochenlang nicht vor die Tür gehen, weil ja irgendjemand in der U-Bahn oder sonst wo über verräterische Details plappern könnte. Der Plot-Spoiler als solcher ist sich seiner Schuld meist nicht bewusst. Es macht ihm sogar oft Spaß, Halbinformierte zu ärgern und dann ein scheinheiliges “das habe ich nicht gewollt” nachzuschieben. Bei der weltweit größten Filmdatenbank IMDb müssen alle Rezensenten Spoilerwarnungen abgeben. Damit wird verhindert, dass jemand unabsichtlich weiterliest und dann Handlungselemente, die erst später wichtig werden, vorab erkennt. In der deutschsprachigen Wikipedia gibt es auch Spoiler-Alerts, aber nicht durchgängig. Dabei hat jeder ein Recht auf sein Halbwissen. Nichts ist alberner als der verkleidete Weihnachtsmann, der sich den weißen Bart abnimmt und als Papa outed. Erinnert sich noch jemand an den berühmten Harry-Potter-Spoil? Irgendjemand postete im Web, dass Harry Potter sterben wird. Die Folge war eine kleine Hysterie und viele feuchte Kinderaugen. Also liebe Plot-Spoiler. Hüllt euch in himmlisches Schweigen. Oder redet. Aber dafür sollt ihr in der Hölle schmoren!

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