Gebt mir die (Piemont-)Kirsche

Guido Walter22.02.2010Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Ich habe nichts gegen Werbung. Aber ich will nicht angelogen, sondern verführt werden. Irreführende Werbung, Produkte, die es nicht gibt, Promis als Lügenbolde. Wer in diesen Tagen Fernsehwerbung sieht, muss hart gesotten sein.

Vorgestern war ich in Berlin unterwegs. An einer roten Ampel sagte meine Beifahrerin: “Qashqai. Das ist doch das Auto, das tanzt.” Und schon hab ich die Wut im Bauch. Es ist die Musik. Ein gräßlicher Mix aus Klassik und Hip-Hop, bei dem ich Kreative vorm Flipchart stehend sagen höre: “Damit fangen wir die Zielgruppe ab 49 ebenso ein wie die jungen Mover und Shaker.” Um eins gleich festzuhalten: Ich habe mit Werbung kein Problem. Ich bin ein Verfechter der Konsumgesellschaft und lasse mich gern zum Kauf verleiten. Wenn das auf unterhaltsame, interessante Weise geschieht, lass ich mich gern darauf ein. Ich will aber nicht dreist angelogen, sondern verführt werden. Und selbst dabei sind meine Ansprüche noch klein.

Es gibt keine Piemontkirsche

Sachen, die ich kaufen soll, müssen zum Beispiel – existieren. Es gibt aber keine Byzantiner Königsnüsse. Auch keine Piemontkirsche. Oder Carmagnola-Minze. Was salonschönes Haar ist, weiß ich nicht. Und ein zahnarztsauberes Gefühl hatte ich auch noch nie. Ich bin einfach nur froh, wenn ich da raus bin. Ich glaube einfach nicht, dass Johannes B. Kerner sich zu Bonaqa Brote mit Gutfriedsalami belegt. Oder dass Sarah Connor immer “Sarah Connor Limited Edition Damenbinden” benutzt. Wer dreist lügt, dem kauf ich nichts ab. Warum sagt man uns nicht, wie es wirklich ist? Zum Beispiel könnte es heißen: Werthers Echte. Der leckerste Industriebonbon der Welt. Im TV-Spot aber rührt ein netter Opa Werthers Echte in einem kupfernen Kessel an. Der Opa lügt also. Er schauspielert, wie die Rougette-Ofenkäse-Frau. Die hockt im Warmen, schlemmt Ofenkäse und ihr Typ steht draußen in der Kälte.

Ja, danke, schwäbischer Fuchs, dass du unsere Bausparkohle annimmst

Ich wage folgende These: Niemals hat eine Frau ihren Mann wegen Ofenkäse vor der Tür stehen lassen. Nächste These: Die Werbefiguren sind unsympathischer geworden. Den Bärenmarkenbär gab es nie wirklich, aber er war nett. Ebenso der spätkoloniale Jacobs-Plantagen-Opa, Palmolive-Tilly, Clementine oder der Persilmann (“Guten Abend”). Heute ist sogar der Schwäbisch-Hall-Fuchs frechdreist. Er spielt mit den Kindern im Garten Fußball, während die Häuslebauer drinnen vor Dankbarkeit ausflippen: “Danke für unser neues Zuhause”, “Danke für das immer in der Nähe sein.” Ja, danke, schwäbischer Fuchs, dass du unsere Bausparkohle annimmst. Einfach so. Danke. Tröstlich, dass eine animierte Werbefigur niemals einen solchen Zorn in mir entfacht wie eine menschliche. So grient sich die Schauspielerin Mia Florentine durch eine Poolparty in Los Angeles. Und nascht – Mia macht Anführungszeichen in die Luft – die German Kleinigkeit Raffaello. Die Frau heißt in Wahrheit Mia Florentine Weiss und war zum Zeitpunkt der Werbeproduktion keine Schauspielerin, sondern Model. Einem Beruf, dem mit Sicherheit auch jener solariengebräunte Jogi-Löwenmähnen-Löw-Klon nachgeht, der “Men Perfect: Die Coloration für den modernen Mann von heute” vorstellt. Seine grauen Haare sind alle fort, pechschwarzes Haar umfliesst seinen Schädel wie Tinte, seine gebleichten Zähne strahlen: “Keiner hat’s gemerkt”, schwärmt der “42-Jährige”. Die Wahrheit ist aber: Männer reden nicht über ihr Haar. Eigentlich nie. Schweigen sei übrigens auch jedem Garnier-Kunden angeraten: “Garnier hat die Körperpflege revolutioniert. Mit Urea.” Laut Wikipedia ist Urea Harnstoff.

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