Von Noah nicht zu Ende gedacht

Guido Walter29.12.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

In Roland Emmerichs Thriller “2012” entscheidet der Geldbeutel darüber, wer die Apokalypse überleben darf.

Wie wird das sein, wenn die Welt untergeht? Geschieht es plötzlich? Oder erhält die Menschheit Warnungen? Roland Emmerich entscheidet sich in seinem Katastrophenfilm “2012” für die zweite Variante. Sein Aufhänger ist der sagenumwobene Kalender der Maya. Der reicht vom 11. August 3114 vor Christus bis zum 21. Dezember 2012. Danach beginnt ein neues Zeitalter. Oder das Ende aller Tage. Wenn wie in “2012” Sonneneruptionen den Erdkern dermaßen grillen, dass die Erdkruste aufplatzt. Neben dem CGI-Bildrausch, für den Emmerichs Apokalypse fortan den Maßstab setzt, ist das eigentlich Interessante an “2012” diese Frage: Wie verhält sich die Menschheit, wenn sie sicher weiß, dass ihr nur noch zwei Jahre bleiben?

Giraffen und Elefanten

Zuerst stellt sich die Frage der Kommunikation. Wer darf Kenntnis von der bevorstehenden Apokalypse erhalten? Der US-Präsident, klar. Eine Handvoll Wissenschaftler. Die UNO. Wer noch? Als die biblische Sintflut nahte, versammelte Noah von jedem Tier ein Paar in seiner Arche. Eine Anspielung gönnt sich Emmerich darauf, indem er Giraffen und Elefanten von Hubschraubern über den Himalaja transportieren lässt. Nach welchem Kriterium die Tiere ausgewählt wurden, bleibt unklar. Bei den Menschen erfahren wir es. Es ist das Geld. Einer der lustigsten Momente ist, als Filmheld Jackson Curtis (John Cusack) mit ansieht, wie die Schar der Auserwählten, die für das Überleben der Spezies Homo sapiens unverzichtbar erscheinen, in die rettenden Archen einchecken. Curtis wundert sich zutiefst darüber, dass diese Auserwählten nicht die genialsten Wissenschaftler der Erde, sondern schlicht die reichsten Personen sind. Da warten keine Professoren mit Lederkoffer, sondern Ölscheichs, bullige Biznesmeni aus Russland. Und die Queen mit ihren Corgis. Eine Milliarde Dollar kostet die Eintrittskarte zu einer der vier Archen. Wer kein Ticket hat, wird von Soldaten auf dem Gebirgspfad, der zu den Archen führt, erschossen. Eine besonders böse Pointe. Die chinesische Volksbefreiungsarmee sorgt im Vorfeld des Jüngsten Gerichts dafür, dass nur der Geldadel überlebt. Natürlich hat das alles Implikationen zur aktuellen Finanzkrise. Kernschmelze der Finanzwirtschaft, Kernschmelze des Erdkerns.

Nur die Starken überleben

Alles ersäuft, aber Superreich rettet sich. Ego brutal. Man spürt in diesen Momenten eine Art Wahrhaftigkeit. Natürlich würde es so kommen. Wenn die Welt untergeht, würden es nur wenige vorher erfahren. Schon um eine Massenpanik zu verhindern. Aber wer maßt sich dann an, Noah zu spielen? Wer entscheidet, wer überleben darf? Die Reichen, klar. Auch wenn sich die Politiker in “2012” über die Frage, ob es denn korrekt war, die Archentickets nur an Reiche, Berühmte und Erfolgreiche zu verkaufen, in die Haare kriegen, ist fraglich, ob Emmerich das Ganze in seinem logikarmen Untergangsepos zu Ende gedacht hat. Welche Rolle soll denn Papiergeld in einer untergegangen Epoche in einer Welt spielen, die noch mal ganz von vorn anfangen muss? Papier hat dann keinen Wert. Gold, vielleicht. Roland Emmerich sollte ein Sequel zu “2012” drehen. Das wäre dann eine schizophrene Variante des “Traumschiffs”. Die überlebenden Menschen dümpeln in ihren Archen auf dem Weltozean. Anlegen können sie nirgends, denn es gibt kein Land mehr. Auf der Speisekarte stehen Misosuppe und Sushi. Jeden Tag. Alles hängt an der Funktionsfähigkeit der Meerwasserentsalzungsanlagen. Wenn die den Geist aufgeben, ist alles aus. Vielleicht ist es besser, wenn die Welt, falls es denn so kommen muss, doch ganz plötzlich untergeht.

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