Blaues Hufeisen liebt Anacot-Steel

von Guido Walter9.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Nicht mal die schlimmste Finanzkrise seit 1929 hat das System der Marktwirtschaft zum Einsturz gebracht. Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter. In Hollywood ist die Krise schon Zeitgeschichte, wie neue Filme von Oliver Stone und Michael Moore belegen.

Breitbeinig steht er da, mit Gel im Haar, Karohose, gepunkteter Krawatte und Hosenträgern. Eigentlich eine lächerliche Gestalt. Und doch ist die Figur des Gordon Gekko, von Michael Douglas in Oliver Stones Filmklassiker “Wall Street” (1987) verkörpert, zum Archetypus einer brisanten Spezies geworden: dem Investmentbanker. Die Aktienhändler von Goldman Sachs oder Morgan Stanley, einst die “Masters of the Universe” im Finanzdistrikt von New York, bestreiten das nicht einmal, im Gegenteil. Wie Oliver Stone kürzlich der New York Times sagte, haben ihm etliche junge Aktienhändler gebeichtet, dass “Wall Street” der ursprüngliche Impuls ihrer Berufswahl war. Längst sind Zitate aus dem Film in die Alltagssprache der Broker übergegangen: “Blaues Hufeisen liebt Anacot-Steel.” “Die meisten dieser Harvard-Absolventen taugen einen Scheißdreck. Ich brauche Jungs, die arm, clever und hungrig sind. Und ohne Nerven.” “Du würdest für ein Geschäft nicht nur deine Mutter verkaufen, sondern sie noch per Nachnahme liefern.” “Mittagessen? Nur Flaschen essen zu Mittag!” Und natürlich der Klassiker: “Die Gier ist gut!” Die Gier, also das rücksichtslose Streben nach materiellem Besitz, wird in vielen Kulturen moralisch verurteilt. Wer gierig ist, der will nicht teilen. Besonders in europäischen Industrienationen wird das so gesehen. Deshalb sprechen wir in Deutschland das Wort “Kapitalismus” so selten aus. Wir sagen lieber: Marktwirtschaft. Es war das Jahr 1992, als der konservative US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama in einem Artikel und einem Buch “Das Ende der Geschichte” ausrief. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks würden sich Liberalismus und Demokratie auf dem ganzen Erdball ausbreiten. Und die Marktwirtschaft. Der endgültige Sieg des Kapitals? Fukuyama musste später eingestehen, dass er das Aufkommen des Islamismus nicht vorhergesehen hatte. Liberalismus und Demokratie wurden Grenzen aufgezeigt. Der Marktwirtschaft nicht. Sie hat auf der ganzen Linie gesiegt.

Kapitalismus ist, wenn man die Menschen einfach machen lässt

Das mussten sogar jene Linke erkennen, die nach dem Ende der UdSSR alle Hoffnungen auf China gesetzt hatten. Die Reformen von Deng Xiaoping hin zum Aufbau einer “sozialistischen Marktwirtschaft” gipfelten 2004 im Beschluss des Volkskongresses, die Abschaffung des Privateigentums rückgängig zu machen und den Schutz des Privateigentums in der Verfassung zu verankern. Überall regiert heute der Markt – auch in Iran und Venezuela. Nur nicht in Nordkorea, dem gallischen Dorf des Kommunismus. Warum das so ist? Eine bestechend klare Antwort darauf hat der Publizist, Buch- und Filmautor Michael Miersch in der Welt gegeben: Der Kapitalismus ist die Wirtschaftsweise, die sich ergibt, wenn man die Menschen einfach machen lässt. Krisen gehörten zum Kapitalismus wie das Bauchweh zum Festschmaus. Offenbar sieht dies die überragende Mehrheit der Menschen in Deutschland ähnlich. Mit einer schon fast seltsamen Gelassenheit nimmt sie die Finanzkrise wie ein unabwendbares Naturereignis zur Kenntnis. Und wählt mit der FDP ausgerechnet jene Partei in den Himmel, die lange Zeit die bestehende Bankenaufsicht eher ab- als ausbauen wollte. Wenn Linken-Chef Oskar Lafontaine sagt, seine Partei sei die einzige, “die gegen das System des Finanzkapitalismus” steht, dann heißt das in Zweitstimmen: 11,9 Prozent der Deutschen haben sich gegen den Finanzkapitalismus entschieden, 82,1 Prozent dafür. Dabei sind die 6 Prozent, die an Kleinparteien gingen, noch nicht einmal eingerechnet. Ist ja kein Wunder, sagen linke Kritiker. Denn der Kapitalismus vergewaltigt die Menschen nicht nur, er tut dies sogar mit ihrer Zustimmung. Dies jedenfalls ist die Prämisse in Michael Moores bitterböser Kapitalismus-Satire “Capitalism – A Love Story”, die am 12. November in die deutschen Kinos kommt. Der Film wird die Diskussion, ob es denn so gut ist, die Menschen einfach machen zu lassen, wieder neu beleben. Hat man an der Wall Street etwas aus der Krise gelernt? Vielleicht gibt uns Gordon Gekko die Antwort. Anfang 2010 ist Michael Douglas in dieser Rolle in “Wall Street 2 – Money Never Sleeps” nochmals zu sehen. Ist der alte Finanzhai wirklich geläutert? Oder immer noch der alte Manipulator?

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