Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler. Ingeborg Bachmann

Mut ist ansteckend

Edward Snowden, der Enthüller des amerikanischen Spionageprogramms, sollte uns ein Vorbild sein.

Er traut sich was: Edward Snowden ist der Whistleblower, der die Prism-Affäre öffentlich machte. Dies hat jetzt der „Guardian“ auf dessen eigenen Wunsch enthüllt und gleich noch ein bemerkenswertes Video-Interview mit Snowden mitgeliefert.

Prism bedeutet demnach letztlich, dass jede Information über jedermann, die z.B. dank der Nutzung der Dienste von US-Unternehmen in die Reichweite der US-Nachrichtendienste gerät, dort gespeichert und nach bestimmten Kriterien für dazu berechtigte Personen nutzbar ist. Jede Information, jederzeit und offensichtlich auch für Leute wie Snowden, die bei Subunternehmern und nicht einmal bei den Geheimdiensten selbst beschäftigt sind.

Snowden überwindet Angst und Bequemlichkeit

Die Motive Snowdens sind zutiefst demokratisch. Er will, dass die Öffentlichkeit von dem bisher im Geheimen ablaufenden massiven Spionageprogramm erfährt und über dessen Legitimität im Rahmen eines transparenten demokratischen Prozesses entschieden werden kann. Er weiß, dass Regierungen und andere Mächtige nicht selbstständig über Missbrauch und Missstände im eigenen Laden informieren, sie vertuschen und lügen, bis es nicht mehr geht und meist braucht es Whistleblower, die dies aufdecken. Er weiß auch, dass Whistleblower schnell zur Zielscheibe der Mächtigen und ihrer Mitläufer werden und dennoch geht er genau jenen Weg des offenen Bekenntnisses, statt sich weiter im sonnigen Hawaii an den fürstlichen Schweigegeldern zu vergnügen, die Mächtige ihren Getreuen zahlen, solange sie schweigen. Angesichts des Schicksals des WikiLeaks-Whistleblowers Bradley Manning oder Julian Assanges musste er doch wissen, was ihm jetzt blüht.

Snowden aber überwindet gleich zwei der wichtigsten Feinde der Demokratie und der Menschlichkeit: Angst und Bequemlichkeit. Er sollte uns allen darin ein Stück weit als Vorbild dienen! Hätten wir nicht schon aus 1989 lernen können, dass die Macht der Tyrannen vor allem aus der Angst der Unterdrückten besteht. Dass sie wie Staub zerfällt, sobald die Angst wegfällt? Profitieren wir nicht auch zu gerne von den Annehmlichkeiten, die uns das System bietet? Was kümmert uns die Welt da draußen, solange unsere kleine private Welt noch halbwegs heil ist, solange die Ablenkung durch Medien und Konsumgüterindustrie funktioniert, solange die Austeritätspolitik ihre volle Wucht nur im Süden Europas entfaltet und der Rest der Welt allenfalls als billiger Warenlieferant Zutritt zur Festung Europa erhält? Was kümmert uns die stetig wachsende Überwachung, solange wir uns nichts zuschulden kommen lassen?

Was kümmert uns die Demokratie, solange der Service stimmt? Im Bundestag werden sich gerade in dieser Woche alle Fraktionen bis auf die Linksfraktion darüber einig, die Demokratie auch bei uns wieder ein Stückchen weiter zurückzudrängen und zur Erhaltung ihrer Macht eine Drei-Prozent-Hürde für die Europawahl einzuführen, wo vor Kurzem das Bundesverfassungsgericht die Fünf-Prozent-Hürde als undemokratisch abgeschafft hatte. Wo bleibt der Aufschrei?

Der Feigheit den Spiegel vorhalten

Es braucht Menschen wie Snowden, die uns den Spiegel unserer eigenen Feigheit, Bequemlichkeit und Käuflichkeit vorhalten. Aber wir sollten uns davor hüten, sie als Helden auf ein hohes Podest zu stellen. Sie gehören in unseren Alltag. Snowden bezeichnet sich selbst „als ganz normalen Kerl“ und es wäre toll, wenn wir alle ihm mit unserem Handeln recht geben würden.

Whistleblowing ist auch im Alltag möglich. Viele von uns sehen Missstände und schauen weg, statt diese anzusprechen. Vielen fehlt der Mut. Whistleblower brauchen Unterstützung, auch dann, wenn sie nur ihren Ruf, ihre Karriere oder ihren Job riskieren. Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht! Und dieser Mut ist ansteckend. Lassen wir uns von Snowden anstecken!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Simone Belko, RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Rainer Wendt.

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